Studentinnen wegen Containerns verurteilt "Absurd und ironisch"

Weil sie Lebensmittel aus der Mülltonne eines Supermarkts zogen, sind zwei Studentinnen in Bayern verurteilt worden. Hier erzählen sie, warum sie die Strafe mild und trotzdem ungerecht finden.

Lebensmittel in der Tonne (Symbolbild)
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Lebensmittel in der Tonne (Symbolbild)

Ein Interview von


Caro, 27, studiert Tiermedizin und Franzi, 25, studiert Sinologie und Philosophie, beide an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Ihre Nachnamen oder Fotos, auf denen ihre Gesichter zu erkennen sind, möchten sie hier nicht öffentlich machen.

SPIEGEL ONLINE: Das Amtsgericht Fürstenfeldbruck hat Sie zu einer Geldbuße von je 225 Euro auf Bewährung verurteilt, weil Sie den zugesperrten Müllcontainer eines Supermarkts in Olching aufgebrochen und Lebensmittel mitgenommen haben. Können Sie das Urteil annehmen?

Caro: Am Prozesstag gestern war so viel los und ich muss die Erlebnisse erst noch verdauen. Ich fand das alles ganz schön anstrengend und das Urteil sehr enttäuschend. Schließlich wurden wir wegen Diebstahls schuldig gesprochen.

Franzi: Die Strafe an sich ist nicht hart, aber wir hatten auf einen Freispruch gehofft.

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie doch noch mal, was vor sich ging: Im vergangenen Juni ertappten zwei Polizeibeamte Sie vor einem Container der Lebensmittelkette Edeka. Was passierte dann?

Franzi: Es war abends gegen halb elf, wir hatten vor allem Gemüse, Säfte und Milchprodukte eingepackt und wollten gerade mit unseren Fahrrädern losfahren. Da kamen zwei Polizisten um die Ecke und fragten uns, was wir da machten. Sie durchsuchten uns nach Waffen und forderten uns auf, alle Lebensmittel wieder wegzuwerfen. Sie sagten uns auch, dass sie Strafanzeige stellen würden.

SPIEGEL ONLINE: Das Gericht entschied auch, dass Sie je acht Stunden Arbeit bei der örtlichen Tafel ableisten müssen.

Caro: Ja, wir wurden verwarnt, weil wir Lebensmittel gerettet haben, und jetzt müssen wir bei der Tafel Lebensmittel retten. Das ist absurd und ironisch, aber persönlich macht es uns nichts aus.

Franzi: Wir sind sowieso bei der Tafel aktiv, das wusste der Richter auch. Er wollte uns wohl nicht wirklich bestrafen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie noch einmal Containern gehen?

Franzi: Wir sind weiterhin komplett gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Aber wir dürfen uns zwei Jahre lang nichts zuschulden kommen lassen - also auch nichts, was das Gericht erneut als Diebstahl bewerten könnte.

Caro: Unser Fokus liegt nun darauf, mit Politikern ins Gespräch zu kommen und öffentlich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln einzutreten. Wir wollen auch anderen Menschen helfen, die wegen Containerns vor Gericht stehen oder stehen sollen. Derzeit wissen wir von bundesweit fünf weiteren Fällen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch eine Petition gestartet, die mehr als 90.000 Menschen unterzeichnet haben und die sich an Bundesjustizministerin Katharina Barley und den Vorstandschef von Edeka, Markus Mosa, richtet. Was wollen Sie damit erreichen?

Franzi: Wir fordern, dass Supermärkte dazu verpflichtet werden, noch genießbare Lebensmittel weiterzuverteilen. In Frankreich gilt diese Auflage bereits. Außerdem darf das Containern nicht länger strafrechtlich verfolgt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie juristisch gegen Ihr Urteil vorgehen?

Caro: Wir warten ab, bis wir es schriftlich bekommen haben. Dann entscheiden wir.

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