Medizinstudentin als Bestseller-Autorin Reden wir übers Pupsen

Sie spricht von "Kacken", nicht von Stuhlgang und hat damit sehr viel Erfolg: Die Medizinstudentin Giulia Enders schrieb mit ihrem Darm-Buch einen Bestseller. Jetzt tourt sie damit durch Kurhäuser und erklärt die Verdauung. Besuch bei einer Lesung.

Von Jana Gioia Baurmann


Ein Mittwochabend in Melle, einer Kleinstadt nahe Osnabrück. In der Veranstaltungshalle Forum, umrahmt vom herrlichen Kurpark, sitzen etwa 600 Männer und Frauen. Sie sind zum Teil mehr als 100 Kilometer angereist und haben acht Euro Eintritt bezahlt. Sie wollen heute nicht vornehm über den Stuhlgang reden, sondern einfach mal ganz unverkrampft übers Kacken.

"Kacken" ist eines der Lieblingswörter von Giulia Enders, die vorn auf dem Podium sitzt und der Grund ist, warum die Menschen gekommen sind. Sie ist Medizinstudentin, 24 Jahre alt und hat das Buch "Darm mit Charme" geschrieben. Es wurde mittlerweile weit über 300.000-mal verkauft und ist auf dem besten Wege, eines der erfolgreichsten deutschen Sachbuch-Debüts aller Zeiten zu werden.

Seit der Veröffentlichung tourt Giulia Enders, die in Frankfurt am Main studiert und derzeit ihren Doktor macht, durch deutsche Hallen, Kurhäuser und Fernsehsender. Sie lächelt süß und redet ganz unverblümt drauflos. Sie sagt, dass sie Pupsen als Befreiung empfindet und mittlerweile sogar auf Zugtoiletten geht, weil zurückhalten ungesund sei.

"Am Darm kommt man nun nicht mehr vorbei", ruft Buchhändler Michael Sutmüller mit aufgeregter Stimme zur Begrüßung von der Bühne. Er hat Giulia Enders nach Melle eingeladen. Seit 35 Jahren veranstaltet er Lesungen wie diese, aber noch nie, sagt er, habe er so etwas wie heute erlebt. Ausverkauft! Wegen des Darms!

Es handelt sich dabei um ein Organ, das von klein auf mit Tabus behaftet ist. Die anale Phase, so steht es im Psychologielexikon, vollzieht sich zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr. In dieser Zeit beschäftigt sich das Kind noch sehr unbefangen mit seiner Defäkation, es scheidet aus, es begutachtet, es hält auch mal zurück. Dann lernt das Kind, seinen Verdauungsabfall im Stillen rauszulassen, nicht einfach irgendwo, das gehört sich nicht. Von da wird nicht mehr offen über den "Stuhlgang" geredet.

Der Gründungsmythos ihres Erfolgs

Wie immer erzählt Giulia Enders zuerst die Geschichte ihres Mitbewohners, der eines Morgens in die WG-Küche kam und fragte: "Sag mal, Giulia: Wie geht eigentlich Kacken?" Es handelt sich dabei um den Gründungsmythos des endersschen Erfolgs: Nach dem Küchendialog dachte sie noch intensiver über den Darm nach, gewann die Science-Slams in Freiburg, Berlin und Karlsruhe und bekam dann das Angebot, ein Sachbuch zu schreiben: Es schoss ziemlich schnell an die Spitze der Bestsellercharts und hält sich dort nun seit Wochen.

Enders liest in Melle ein paar Passagen aus ihrem Buch vor, immer, wenn sie "pupsen" oder "kacken" sagt, wird im Saal gekichert. In den Textbeiträgen geht es unter anderem um die richtige Toilettensitzposition und die sogenannte Bristol-Stuhlformen-Skala. Typ 4 ist zum Beispiel eine Wurst oder Schlange, die glatt und weich ist.

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Enders ist fertig mit dem Lesen, jetzt dürfen die Zuhörer Fragen stellen. Die Darm-Expertin hat das Konzept verändert, bis vor Kurzem las sie länger, doch sie habe gemerkt, dass die Leute Fragen haben, sehr viele Fragen, deshalb stehen Buchhändler Sutmüller und sein Team nun mit Mikrofonen bewaffnet zwischen den Stuhlreihen. "Warum brauchen manche Menschen zwei Minuten, andere zehn Minuten auf der Toilette?", will eine Frau wissen. Und ein schlaksiger Mann erzählt von dem Phänomen, dass viele Marathonläufer schlagartig Durchfall bekommen, manche bei Kilometer 7, andere erst bei Kilometer 40, manche aber auch gar nicht. "Mit einer Antwort würden Sie der Läufer-Community einen großen Gefallen tun", sagt der Mann.

Nach zwölf Fragen ist Schluss, jetzt können die Zuhörer Fotos mit der Autorin machen und das eigene Buch signieren lassen. Kurz herrscht Verwirrung, weil viele zur Bühne wandern. Dabei steht der Tisch, an dem signiert und fotografiert werden soll, im Foyer.

In der nächsten Stunde schreibt Enders Widmungen in die mitgebrachten Exemplare, sie schreibt "Für Helmut", "Für Meike", "Für Erica" und malt Smileys dazu. Viele Menschen, die an den Stehtisch treten, sind regelmäßig von Blähungen und Durchfall geplagt, litten unter Darmverschlüssen oder haben Übergewicht, Laktoseintoleranz oder andere Allergien. Es sind Menschen, die nur darauf gewartet haben, endlich mal so offen über ihren Darm sprechen zu können wie über ihr Herz.

Giulia Enders hat ihnen eine zweite anale Phase ermöglicht.

insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
axcoatl 21.07.2014
1. Wenn ich das Foto ...
... der jungen Frau sehe, so bin ich von ihrer natürlichen Schönheit fasziniert. Bereits bei der Vorstellung ihres Buches vor einigen Monaten blieb mein Blick magnetisch haften. Ob ein Buch über Stuhlgang, "Kacken", oder andere unappetitliche Dinge - durch ihre natürliche Schönheit verzeiht man ihr jedes Thema. Die meisten dürften gebannt träumen, und weniger zuhören. Interessant wäre die Reaktion der Kritiker gewesen, würde es sich beim Autor um einen weniger schönen Mann mittleren Alters handeln. ;-]
Newspeak 21.07.2014
2. ...
Giulia Enders hat ihnen eine zweite anale Phase ermöglicht. Na, super. Die Aufklärung in allen Ehren, aber man muß Dinge nun auch nicht krampfhaft schönreden. Tabus haben durchaus einen sozialen Zweck und ihre Berechtigung.
ziza 21.07.2014
3. das ist eine echte sprache
Zitat von axcoatl... der jungen Frau sehe, so bin ich von ihrer natürlichen Schönheit fasziniert. Bereits bei der Vorstellung ihres Buches vor einigen Monaten blieb mein Blick magnetisch haften. Ob ein Buch über Stuhlgang, "Kacken", oder andere unappetitliche Dinge - durch ihre natürliche Schönheit verzeiht man ihr jedes Thema. Die meisten dürften gebannt träumen, und weniger zuhören. Interessant wäre die Reaktion der Kritiker gewesen, würde es sich beim Autor um einen weniger schönen Mann mittleren Alters handeln. ;-]
meine Güte, doch nicht so emotional. ich wünsche mir sehr, dass man uns die allen wissenschaften so wie die junge frau mit ihrer formulierung erklärt. so dass manche akademiker kein chance haben, das volk zu veräppeln.
angst+money 21.07.2014
4.
Rot anlaufen muss man wegen der etwas unwissenschaftlichen Wortwahl zwar nicht mehr, peinlich ist eher die Tatsache, dass das ganze ein so großes Thema wird. Damit begibt sie sich leider in den Dunst(hihi)kreis von Po(hihi)pulärwissenschaftlern.
hannes21 21.07.2014
5.
@Newspeak: Warum soll das ein Tabu sein? Die meisten Menschen reden völlig arglos über den Genuss eines wuderbaren Essens. Die Verdauung ud das, was dabei dann hinten rauskommt, gehört ursächlich und unmittelbar dazu. Aber dazu soll man immer schweigen? Offenbar hat dieses Buch seine Berechtigung.
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