Leseprobe "Das Geheimnis der Sterne" von Karsten Kramer

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Studenten als Autoren: "Hey, hast du Lust, ein Buch zu schreiben?"

Foto: Hannes Kaczmarzyk

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Geistesabwesend irrte Silvester durch die kalten Straßen Prags. Ohne bestimmtes Ziel führten ihn seine Füße. Wie ein Schiff, das ohne Ruder im Ozean umhertrieb, lief auch Silvester orientierungslos eine Straße hinunter, eine andere wieder hinauf. Obwohl ihm ein eisiger Wind große Schneeflocken ins Gesicht trieb, nahm er die Kälte kaum wahr. Er befand sich in einem Stadium zwischen Trauer und Ratlosigkeit. Zwischen Angst und Wut. Er war in diesen Zustand gefallen, als er sich sicher war, dass die Verfolger seine Spur verloren hatten. Bis dahin war er ohne Unterbrechung gerannt.

Es herrschte in ihm ein Gefühlswirrwarr. Der Schock über die sinnlose Brutalität der Tat saß tief. Wenn er seine Gefühlswelt hätte beschreiben müssen, dann würde es vermutlich so klingen: zunächst einmal fühlte er sich taub. Wie in einem Traum. Als sei er bloß Zuschauer und musste es über sich ergehen lassen, ohne selber in die Handlung eingreifen zu können. Dann hatte er unheimlichen Zorn in sich. Nicht nur der Person gegenüber, die Crawfords Leben so einfach von Jetzt auf Gleich beendet hatte, sondern auch sich selbst gegenüber. Er konnte sich selbst ohrfeigen, dass er so unbesonnen in Panik geraten und vor der Polizei geflohen war. Jetzt erschien er nur umso mehr verdächtig. Bestimmt stand er inzwischen ganz oben auf der Fahndungsliste. Würde man ihn fassen, wäre der Fall eindeutig. Die Indizien sprachen gegen ihn. Es gab schließlich einen Zeugen, der gesehen hatte, wie er zu Crawford gegangen, daraufhin blutverschmiert zurückgekommen und wegen der herannahenden Staatsgewalt eilig geflohen war. Außerdem gab es Spuren von ihm am Tatort. Überall hafteten seine Fingerabdrücke und vor allem direkt auf der Tatwaffe. Er könnte alles bestreiten, doch wer würde ihm das abkaufen. Vermutlich ausschließlich einer - der Mörder - der sich ins Fäustchen lachen würde. Und genau aus diesem Grund musste Silvester ihn schnappen: zu seiner eigenen Entlastung, aber insbesondere für seinen toten Freund James.

Während Silvester durch das anhaltende Schneetreiben schlenderte, nahm er nur wenig Notiz von den anderen Passanten, die im doppelten Takt zu ihm marschierten. In Eile erledigten sie ihre letzten Weihnachtseinkäufe. Für sie war alles wie immer. Für Silvester hingegen war die Illusion eines frohen Weihnachtsfestes dahin.

Nach einer Weile kam Silvester vor einem Schaufenster zum Stehen. Sein Spiegelbild ihm gegenüber starrte ihn an und hatte ihn im ersten Moment fürchterlich erschrocken. Im ersten Augenblick hatte er sich darin gar nicht wiedererkannt, sondern hatte vielmehr bloß eine bleiche Gestalt gesehen, die ihm fremd erschien. Jemand mit roten Flecken auf der Jacke, die in mehreren Rinnsalen langsam hinabliefen. Er sah fürchterlich aus. In der vom Schnee geweißten Landschaft hinter ihm konnte er mit seinem farblosen Gesicht bestens untertauchen. Nur seine gut durchbluteten Ohrspitzen stachen hervor. Seine braunen Haare hingen nass und träge nach unten und klebten an seiner Stirn. Das Einzige, was aus dem Bild auffällig hervorstach, war das blaue Leuchten seiner leicht geröteten Augen. Trotz allem schienen sie unverändert Kraft auszustrahlen. Eine Energie, die ihn langsam aufwachen und ihn die Gewalt über seinen Körper zurückerlangen ließ.

Mit Crawford war erneut eine wichtige Person aus seinem Leben verschwunden. So wie zuletzt vor fünfzehn Jahren, als er im Alter von Elf gleich beide Elternteile auf einen Schlag verloren hatte. In gewisser Weise waren auch sie Opfer eines Mordes geworden. Zu ihrem Hochzeitstag waren sie nach Paris gereist. In die Stadt, in der sie sich ineinander verliebt, in der sie ihre Flitterwochen und so gut wie jeden ihrer Hochzeitstage verbracht hatten. Jedes Mal im selben kleinen Hotel, im gleichen gemütlichen Zimmer. Sie hatten es besonders romantisch gefunden. Doch in jener Nacht, als sie zuletzt dort gewesen waren, hatte alles andere als Romantik in der Luft gelegen. Geknistert hatte es gleichwohl, allerdings nicht aus liebender Erotik, sondern vielmehr wegen des lodernden Feuers, das das gesamte Haus in seinen Flammen verschlungen hatte.

Silvester fragte sich oft, warum es ausgerechnet an dem Tag gebrannt hatte, als sie dort genächtigt hatten. Weil es einer der anderen Gäste trotz Verbots vorzog, auf dem Zimmer, ja sogar im Bett, eine letzte Zigarette vor dem Schlafen gehen zu rauchen, konnte er zornig als Antwort nur konstatieren.

Im selben Moment, als er sich nun der Frage zuwandte, warum Crawford hatte sterben müssen, wusste er auch schon die ernüchternde Antwort. Es war seinetwegen geschehen. Wegen mir! Das Karussell raste von neuem. Crawford und er hatten die Brisanz von Silvesters Doktorarbeit unterschätzt. Für ihre naive Torheit hatte Crawford mit dem Leben bezahlt. Silvester wünschte, er hätte die verschlüsselte Nachricht von Johannes Kepler niemals entdeckt. Eine Botschaft, die fast vierhundert Jahre vor aller Augen im Verborgenen gelegen hatte. Für jeden sichtbar, aber nur für Silvester lesbar. Wer wusste, wie viele weitere Jahre sie unentdeckt geblieben wäre, wenn Silvester sie nicht entdeckt hätte.

Die Achterbahnfahrt, in der er sich befand, hörte schlagartig auf. Stoppte mitten im Scheitelpunkt eines Loopings, sodass er kopfüber nach Unten hing. Wenn meine Doktorarbeit der Grund ist, dann ist der Mörder hinter der Botschaft her. Unbehagen setzte bei ihm ein. Crawford hatte bloß einen Teil der Nachricht gehabt. Der eigentliche und wertvolle Teil war in Silvesters Besitz. Hinten in seinem Rucksack. Nur woher soll das der Mörder wissen? Wird er nicht glauben, dass …?

Silvester rannte los. Er gebot sich Eile. Er durfte nicht ein zweites Mal an diesem Tag zu spät kommen. Mit jedem Schritt wurde das bedrückende Gefühl in seinem Magen größer. Jetzt war er alles andere als orientierungslos. Sein Kompass wies ganz deutlich in eine Richtung. Zeigte mit der Spitze auf Silvesters Wohnung, wo seine kleine Schwester über die Weihnachtstage zu Besuch weilte.

Ich darf nicht zu spät kommen. Nicht schon wieder! Ich darf einfach nicht. Wie ein Mantra wiederholte er es und es schien ihm weiteren Atem zu verleihen. Noch kurz zuvor hatte Zeit für ihn jegliche Bedeutung verloren und nun befand er sich im Wettlauf gegen eben diese. Er rannte verzweifelt hinter ihr her.

*

12.10.1601

Im schwachen Schein einer dicken weißen Wachskerze saß Johannes Kepler mit weit nach vorn gebeugtem Haupt über einem Stapel dünner Blätter. Während er dort, auf den ersten Blick regungslos, auf einer harten Bank an einer langen Tafel saß, entstand schnell der Eindruck, als würde er im Sitzen schlafen. Doch dem war nicht so. Ganz im Gegenteil. Er saß stets mit tief gesenktem Kopf an jenem Tisch und harrte in tiefster Konzentration aus. Mehrere Stunden lang, manchmal sogar einen ganzen Tag. Hatte ein Objekt seine Neugier und sein Interesse geweckt, spielten restliche Welt und ihn umgebender Trubel keinerlei Rolle mehr. Seine Aufmerksamkeit galt voll und ganz seiner Beschäftigung. Nicht selten vergaß er sogar dabei, für sein leibliches Wohl zu sorgen. Bis zur körperlichen Erschöpfung vernachlässigte er Essen und Trinken, denn sein Geist brauchte niemals Rast. Unermüdlich konnte dieser auf höchster Flamme durcharbeiten. Alles, was um ihn herum geschah, verlor an Bedeutung und wurde nicht weiter wahrgenommen. Und auch jetzt befand er sich in einer anderen Welt. In einer Dimension zu der nur wenig andere Menschen vorstoßen konnten. Nicht weil Kepler sie nicht ließ, sondern weil sie sie einfach nicht verstanden. Dort herrschten andere Gesetze. Er bewegte sich auf Bahnen, die jene der meisten Menschen weit überragten.

In dieser Illusion der Bewegungslosig- und Untätigkeit flogen seine Augen rastlos über die Zeilen der Schriftstücke vor ihm hinweg. Sein Verstand sog jede Information wie ein Schwamm auf, analysierte sie, zog seine Schlüsse daraus und gab dann unaufhörlich Befehle an seine Hand. Die Schmerzen ignorierend schrieb er so gewöhnlich Blatt um Blatt mit einer feinen, aber unleserlichen Schrift voll.

Obwohl Kepler oft mit dem, was ihm an Datensätzen und Beobachtungsmaterial zur Bearbeitung ausgehändigt wurde, wenig zufrieden war, stellten sie dennoch eine einzigartige Quelle der Inspiration dar. Mithilfe der unzähligen Zahlen zu Abständen und Bewegungen von Planeten, die Brahe in mehreren Jahrzehnten der akribisch sorgsamen Studien zusammengetragen und aufgestellt hatte, konnte Kepler seine eigene Forschung voranbringen. Neben den Aufgaben, die es mit diesem Material für Brahe zu erledigen galt, widmete er sich seinen eigenen gedanklichen Konstrukten. Brahe hatte früh bemerkt, dass Kepler an zwei Fronten gleichzeitig kämpfte. Doch da Kepler es verstand, seine Arbeiten für ihn gewissenhaft und zugleich in zufriedenstellender Form zu behandeln, tolerierte er großzügig das doppelte Treiben seines Assistenten.

Im Laufe ihrer Zusammenarbeit hatte Kepler so sowohl Brahes als auch seine eigenen Forschungen vorangetrieben. Er hatte sich bei der Auswertung der Daten viele eigene Notizen gemacht und vielversprechende Gedankengänge niedergeschrieben, letztlich aber bloß eine recht kleine Befriedigung. Sein Wissensdurst und seine Ungeduld waren von ungetrübt brennender Intensität. Jene Arbeiten für Brahe empfand er als anspruchslose und gelegentlich sogar beleidigende Aufgabe. Nur mit Widerwillen tat er seinen Dienst unter Brahes Schirmherrschaft, dessen Welt- und Himmelsbilder er zutiefst verachtete. Sie entsprachen bei weitem nicht seinen eigenen, moderneren Vorstellungen, wenngleich er es bestens verstand, diese Tatsache solange außer Acht zu lassen, wie er in Brahes Abhängigkeit stand. Als Assistent Brahes bekam er von ihm Lohn, Kost und Logis. Auch wenn für ihn von dem Geld eine besondere Motivation bezüglich seines Engagements ausging, so bildete sein größter Anreiz eindeutig Brahes Beobachtungs- und Datenfundus. Ein für Kepler wertvoller Schatz von unermesslichem Wert.

Als Hohn und Verspottung sah er es an, dass Brahe ihm keinen vollen Zutritt zu den Daten gewährte. Ihm schien es, als würde man ihn wie einen gewöhnlichen Assistenten behandeln, wie jemand Durchschnittliches. Doch das, was ihn am stärksten erboste, war die Ungewissheit darüber, ob er überhaupt jemals Brahes Aufzeichnungen in vollem Umfang zu Gesicht bekäme. Die ihm hingeworfenen Häppchen waren zusammengenommen lediglich ein Bruchteil der gesamten Masse. Für das Voranschreiten seiner Forschungen war ein uneingeschränkter Zugang zu der Gesamtheit der Masse unabdingbar. Brahe war dies keinesfalls unbekannt und daher hütete er seine Sammlung wie seine Augäpfel. Ausschließlich bruchstückhaft händigte er Kepler davon aus. Jedes Mal gerade soviel wie Kepler für seine jeweilige Aufgabe benötigte. Kepler versuchte dann stets, seine Arbeit so schnell wie möglich abzuschließen, um danach die wenigen Blätter für sein eigenes Interesse nutzen zu können, bevor man sie ihm wieder entriss und in Gewahrsam nahm. In solcher Form schritt ihre Zusammenarbeit voran. Eine Kooperation von perfekter Ergänzung, wenn auch ohne viel Harmonie. Brahe war der geduldige Beobachter, der in nächtlicher Arbeit die Sterne und Planeten auf ihren Bahnen am schwarzen Himmel betrachtete. Kepler hingegen war der fleißige und keineswegs geduldige Analytiker, der die Fülle an Datenmaterial auswertete und nach einer höheren Ordnung darin suchte. Denker waren sie beide. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten dieses ungleichen Paares. Sie konnten kaum verschiedener sein und trotzdem hatten sie etwas gemein. Sie einte eine gemeinsame Faszination für den Kosmos, für die Welt jenseits der erdlichen Sphären. Diese Liebe schmiedete ein helles Band zwischen ihnen, ohne welches ihre Zusammenarbeit bereits etliche Male gescheitert wäre. Während Kepler in ärmlichen Verhältnissen und zusätzlich mit schlechten körperlichen Anlagen zur Welt kam, entsprang Brahe angesehener adliger Abstammung. Kepler dachte häufig darüber nach, ob die starke Ausprägung seines Ehrgeizes daher rührte, dass er fortwährend hatte kämpfen müssen. Ihm war ausschließlich sein scharfer Verstand in die Wiege gelegt worden, mit dem er es verstand, jeden noch so kleinen Strohhalm eisern zu ergreifen - war es die finanzielle, soziale oder akademische Verbesserung gewesen. Kepler hatte die Chancen, die sich ihm geboten hatten, jedes Mal zu nutzen gewusst. Was ihm letztlich, als Resultat dessen, seine Berufung nach Prag eingebracht hatte. Selbst bei seiner gemeinen Stelle als Assistent, konnte er das in ihn gesetzte Vertrauen nicht hoch genug bewerten und schätzen.

"Sind Sie hiermit schon fertig?", Brahe riss Kepler aus seiner stillen Konzentration.

"Seit langem", antworte Kepler nach einem kurzen Moment der Orientierung.

"Sie überraschen mich immer wieder auf ein Neues."

"Tja, vielleicht weil Sie mich andauernd unterschätzen."

"Glauben Sie das wirklich? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich Sie genau richtig einschätze", Brahe legte vor Kepler neue Dokumente auf den Tisch, die dieser interessiert beäugte und am Ende doch enttäuscht darüber war.

"Natürlich wieder nur ein Hauch, Meister. Wie soll man so große Fortschritte machen können?", Kepler fixierte Brahe frustriert. Obgleich er Brahes ablehnende Antworten auf seine Forderungen nach mehr Material kannte, ließ er keine Gelegenheit aus, um sein Anliegen vorzutragen.

"Und wie immer sind Sie mit dem, was man Ihnen anvertraut, unzufrieden. Sie sollten sich lieber damit glücklich schätzen, dass Ihnen überhaupt solch etwas zur Verfügung gestellt wird - ungeachtet der geringen Quantität. Die Qualität dieser Blätter mag bei weitem über die kleine Zahl trösten, meinen Sie nicht auch?"

"Da sprechen Sie eine große Wahrheit aus. So wenig ich zur Einsicht erhalte, so sehr ist es von erlesener Güte, Herr", für den Bruchteil einer Sekunde verengten sich Keplers Pupillen. Es geschah so schnell, dass es Brahes Wahrnehmung entging. Stattdessen breitete sich über dessen rosiges Gesicht ein zufriedenes Lächeln aus. Er hatte seinen fraglos fähigsten Schüler erneut in die Schranken gewiesen. Ihm war allzu bewusst, dass er Kepler nicht ewig an der kurzen Leine halten konnte. Mit rasanter Geschwindigkeit entwickelte sich dieser voran und schärfte fortwährend seinen Intellekt. Es war bloß eine Frage der Zeit, da würde Kepler ihn als seinen Meister anzweifeln und herausfordern.

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Karsten Kramer:
Das Geheimnis der Sterne

E-Book; 332 Seiten.

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