Das Geschäft mit der Prüfungsangst Rettende Repetitoren?

Kommerzielle Nachhilfelehrer sollen Studenten durch die Examina lotsen. Billig ist das nicht. Dabei bieten manche Unis sogar eigene Repetitorien an - doch die Nachfrage ist gering.

Die Angst bereitete der Medizin-Studentin Claudia Büscher schlaflose Nächte. Die Angst, in der Prüfung zu versagen. Ihr war das schon zwei Mal passiert. Durch das Physikum war sie gefallen, später dann durch das Erste Staatsexamen gerasselt. Erst im zweiten Anlauf überwand sie die Prüfungshürden.

Vor dem Zweiten Staatsexamen wollte die 28 Jahre alte Marburgerin auf Nummer sicher gehen. Ein Repetitor musste her: Zur Vorbereitung auf das Examen besuchte Büscher einen sechswöchigen Vertiefungskurs bei einem Marburger Unternehmen. Billig war die Extratour nicht: Die Kosten für den Mediziner-Rep betragen je nach Dauer und Prüfungsstoff zwischen 1050 und 4400 Mark. Doch Büscher war sich sicher, dass sich der teure Spaß lohnt: "Die Note im Zweiten Staatsexamen macht zwei Drittel der Abschlussnote aus. Und mit der muss ich mich schließlich nach dem Studium bewerben", sagt Büscher. Die Investition in die Vorbereitung zahlte sich aus, meint sie: Im März hat die 28-Jährige ihr Medizinstudium abgeschlossen.

Wie Büscher geht es vielen anderen Studenten an Deutschlands Unis. Die Bildung ist zwar kostenlos, heißt es. Dennoch zahlen zahlreiche Kandidaten Geld - an mehr oder minder professionelle Nachhilfelehrer, die ihnen den Prüfungsstoff einpauken. An den Schwarzen Brettern vieler Hochschulen konkurrieren zahlreiche Angebote um die Jungakademiker - kommerzielle Repetitoren, nebenberufliche Nachhilfelehrer oder aber an höhere Semester, die sich ein paar Mark hinzuverdienen wollen.

Der Repetitor fasst ans Händchen

Neun von zehn Jurastudenten besuchen etwa das Programm kommerzieller Jura-Repetitoren, heißt es aus ihren Kreisen. Die Großrepetitoren Alpmann und Schmidt in Münster oder Hemmer in Würzburg unterhalten jeweils mehr als 40 Standorte in ganz Deutschland. Auch Jan Sötebier, Jurastudent an der Universität Münster, hat ein Jahr lang in einer Gruppe von 15 Studenten unter Anleitung den Prüfungsstoff wiederholt. Dafür hat der Student rund 4200 Mark auf den Tisch gelegt. Dabei hätte der 25-Jährige auch eine kostenlose Alternative: "Es gibt zwar auch einen Repetitoriumskurs an der Universität", berichtet er. "Bei vielen Professoren lernt man aber nur bedingt, das abstrakte Wissen auf Rechtsfälle anzuwenden. Gerade das wird aber in den Prüfungen gefordert", berichtet Sötebier. Beim kommerziellen Nachhilfelehrer werde der umfangreiche Lernstoff in Lernblöcke eingeteilt. Das Häppchenlernen gefällt ihm: "Beim privaten Repetitor fühlt man sich an die Hand genommen."

Ein Großteil der Studenten nimmt aus psychologischen Gründen an den kostenpflichtigen Kursen teil, ist sich Dirk Ehlers sicher. Der Professor für öffentliches Recht an der Universität Münster meint: "Viele Studenten können sich besser zum Lernen motivieren, wenn sie dafür bezahlen müssen." Den privaten Repetitorien steht der Wissenschaftler jedoch kritisch gegenüber, obgleich viele der kommerziellen Angebote nicht schlecht seien: "Trotzdem ist das natürlich ein Geschäft mit der Prüfungsangst."

Tageslichtschreiber und Tutoren

Kurse werden aber nicht nur für die Vorbereitung der Abschlussprüfungen angeboten. Auch für Klausuren und Seminararbeiten in niedrigeren Semestern kann man sich fit machen lassen. Das muss jedoch nicht immer mehrere tausend Mark kosten: Elisabeth Jaumann, Psychologiestudentin im vierten Semester an der Universität Würzburg, muss unter anderem zwei Klausuren in Statistik bestehen. Dafür hat die 22-Jährige einige Monate lang Nachhilfe bei einem ehemaligen Psychologiestudenten genommen - für 20 Mark pro Stunde. Den Stoff allein vorzubereiten findet Jaumann zu schwierig. Auch das Tutorium der Uni, das die Vorlesungen ergänzte, ist ihr keine große Hilfe. Grund: Die Veranstaltungen sind hoffnungslos überfüllt. "Wir waren immer so um die 80 Teilnehmer. Deshalb konnte der Tutor nur die Ergebnisse der Übungen auf den Tageslichtprojektor legen", erinnert sich Jaumann.

Überfüllte Seminarräume sind bei den juristischen Repetitorien der Universität Münster dagegen kein Problem. Hier bleiben die meisten Stühle sogar frei. Ratlosigkeit macht sich breit: "Ich sehe das auch ein wenig als unser Versagen an", gibt Professor Dirk Ehlers zu. Doch mehr, als sich Mühe zu geben, könne man auch nicht. Warum die Reihen dennoch leer bleiben, kann Ehlers sich nicht erklären: Schließlich seien die Professoren ja Fachleute auf ihrem Gebiet. "Und sie nehmen ja letztlich die Prüfungen ab - nicht die privaten Repetitoren."

Thorsten Wiese, gms

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