Das Paar, das passt Die Liebe in Zeiten des Studiums

Bei Partys, wo viele barfuß tanzen, reden alle immer über das Studium. Mariana Leky redete lieber über die Liebe. Die Hamburger Autorin, 30, schreibt im UniSPIEGEL über die Pärchenlüge, die Sache mit Jan, eine Trennung und ein Wiedersehen.

Ich bin bei Jan mitgegangen, vier Jahre lang, und Jan ist bei mir mitgegangen. Zu Zwischenprüfungen zum Beispiel, und als ich durch die Prüfung gekommen war, saß Jan vor dem Professorenzimmer und war eingeschlafen, weil wir in der Nacht vorher Antworten auf perfide Fragen und Sätze über Gelassenheit geübt hatten, darüber, dass man immer ein paar Jahre vorwärts gucken soll, wo die Prüfung dann egal geworden sein wird. Als ich aus dem Professorenzimmer kam, tippte ich Jan auf die Schulter. "Ist vorbei", sagte ich. Jan öffnete die Augen, lachte und gähnte gleichzeitig, dann gingen wir in seine Wohnung, fielen aufs Bett und auf all die Zettel, auf denen gescheite Antworten und Sätze über Gelassenheit standen. Die Zettel mit den Antworten warf ich weg, denn Jan studierte etwas anderes, die Sätze über Gelassenheit bewahrte ich auf und las sie ihm ein paar Wochen später vor, in der Nacht vor seiner Zwischenprüfung, und dann schlief ich vor dem Professorenzimmer, bis Jan mich weckte und sagte, es sei vorbei.

Ich bin mit zu den Partys gegangen, auf denen man etwas verhalten tanzte, weil viele barfuß tanzten und man denen nicht auf die Füße treten wollte. Auf Partys, wo alle immer über das Studium redeten und die Augen verdrehen über die, die immer über das Studium reden, und ich redete lieber über Liebe. "Du redest immer über Liebe", sagte Jan. "Man kann nicht genug darüber reden, wenn man schon mal eine Liebe hat, die intakt ist", sagte ich. "Sind wir intakt?", fragte Jan. "Ja", sagte ich. Ich ging sehr oft mit in ein Café, an einem Fluss, der nur so aussieht, als würde er fließen, und nachdem Jan und ich uns Sachen über das Latinum erzählt hatten, von dem alle sagten, dass man es nicht überlebt, oder über Liebe, die erst kürzlich bei Tanja und Louis oder Hendrik und Miriam nicht überlebt hatte, schoben wir die riesigen Milchkaffees mit solider Haut darauf in der Mitte des Tisches zusammen und schrieben irgendwas, lasen irgendwas, sahen uns zwischendurch an und dachten, dass eigentlich alles so weitergehen kann und auf jeden Fall überlebt und überlebt wird, dass Jan immer mitgehen wird und ich auch immer mitgehen werde.

"Du bist mir schon Paar genug"

Jan ging mit zum Abendessen bei anderen Paaren. Die anderen Paare waren Bekannte von mir. Jan hatte keine bekannten Paare. Er hatte Freunde, die nicht Teil eines Paares waren, Kulturwissenschaftsstudenten, die viel tranken und mit denen man sehr gut und sehr laut über Liebe reden konnte, und Kulturwissenschaftsstudentinnen, die immer so lächelten, als hätten sie gerade etwas Exquisites gegessen und auf die ich ausdrücklich nicht eifersüchtig war. Jan mochte es nicht, mit anderen Paaren zusammen zu sein, "du bist mir schon Paar genug", sagte er, und dass ein Abendessen mit einem anderen Paar nach Spieleabend und Knabberzeug klinge. Trotzdem ist Jan immer mitgegangen, und dann saßen wir nebeneinander einem anderen Paar gegenüber, an einem Tisch, auf dem zueinander passendes Geschirr stand. Die Paare waren immer freundlich und wohnten zusammen, konnten mehr kochen als nur Nudeln, hatten zueinander passendes Geschirr und Fotos von sich, einen sauberen Aschenbecher und ein Doppelbett.

Jan und ich wohnten nicht zusammen, hatten sehr hässliche dunkelgrüne und dunkelblaue Weihnachtsmarktglühweintassen und kaum etwas, das zueinander passte. Ich hatte einen verdreckten Aschenbecher und Jan überhaupt keinen. Wenn ich bei Jan rauchte, bot er mir als Aschenbecher Konservendosen an, in denen alte vertrocknete Teebeutel lagen, die ich dann meistens versehentlich und manchmal absichtlich in Brand steckte. Ich saß regelmäßig mit einer Zigarette und einem Feuer in der Konservendose auf Jans hässlichem Jugendzimmerbett und sagte: "Jan, es brennt." Jan, der meistens am Schreibtisch saß, drehte sich auf seinem hässlichen Jugendzimmerdrehstuhl um und kippte Cola in die Konservendose. Die bekannten Paare, bei denen wir zu Abend aßen, hatten Pläne und bewarben sich für Praktika in der gleichen Stadt. Die Paare redeten während des Essens über Pläne, ich aschte in die sauberen Aschenbecher und redete über Liebe, Jan redete nur wenig und sah aus, als säße er in einer U-Bahn, die schon ziemlich lange außerplanmäßig hält. Eines Nachts, als wir uns gerade bei einem bekannten Paar für den schönen Abend bedankt hatten und an der Bushaltestelle standen, sagte ich zu Jan, er könne ja über Thomas und Natalie oder Verena und Frederick denken, was er wolle, aber manchmal, sagte ich, hätte ich auch gern Sachen, die zueinander passen. "Willst du etwa zusammenziehen?", fragte Jan. "Na ja", sagte ich. "Gott bewahre", sagte Jan und umarmte mich.

Als das Geld nicht reichte und ich woanders arbeiten musste, in einem Schnellrestaurant am Bahnhof, sonntags um sieben Uhr morgens auf einem Sack gefrorener Pommes Frites saß und dachte, dass eigentlich nichts so weitergehen kann, weil ich kein Geld und ein nichtsnutziges Studium hatte, rief Jan an, der immer mitging, und sagte, dass er auch weiterhin immer mitgehen werde und außerdem jetzt vorbeikäme, und dann tranken wir nach Pommesfett riechenden Kaffee, lasen nichts, fragten uns nichts und lächelten uns an. Nach dem dritten Kaffee sagte Jan Sätze über Gelassenheit und dass man immer ein paar Jahre vorwärts gucken sollte, und dann sagte er: "Jetzt machen wir Kopfrechnen." "Was?", fragte ich. "Wir zählen alles zusammen, was du in letzter Zeit gut gemacht hast, und dann denkst du daran, wenn du auf gefrorenen Pommes Frites sitzt", sagte Jan. Ich rührte in meinem Plastikbecher. "Du hast zum Beispiel pünktlich an die Rückmeldung gedacht", sagte Jan. "Und darauf kann man sich was einbilden?", fragte ich. "Absolut", sagte Jan. "Du bist aus dem Wohnheim ausgezogen", sagte Jan. "In ein Souterrainzimmer", sagte ich. "Trotzdem", sagte Jan. "Du hast die Studienbescheinigung pünktlich nach Hause geschickt", sagte er, "und den Hausarbeitsabgabetermin hast du nur einmal verschoben." Jan lächelte. "Alles im Gegensatz zu mir", sagte er. "Das ist alles langweilig", sagte ich. "Das ist anbetungswürdig", sagte Jan.

Jan sagt "Guten Abend" zum Tee, Mariana tanzt barfuß. Und ein paar Jahre vorwärts fahren beide zurück.

Im zweiten Teil:

Irgendwann belegte Jan zehn Seminare in einem Semester, "jetzt oder nie", hatte er gesagt. Als das Semester fast vorbei war, schlief er drei Nächte lang nicht, schmiss alles runter und verschüttete alles und fing im Vorlesungssaal an zu weinen. Weil ich gerade etwas über posttraumatische Belastungsstörung gelesen hatte und dass man langsam verrückt wird, wenn man drei Nächte lang nicht schläft, sagte ich zu Jan, dass er unbedingt zur Psychologischen Beratungsstelle müsse. "Nein", sagte er. "Ich komme auch mit", sagte ich. "Also gut", sagte Jan schließlich. Wir gingen mit hochgezogenen Schultern und gesenktem Kopf die Straße entlang, in der die Beratungsstelle war, so, wie wir immer am Asta-Büro vorbeigingen, wenn wir uns wieder nirgends engagiert hatten. Vor der Beratungsstelle drehte Jan sich um, um zu überprüfen, ob uns irgendjemand sah. "Du tust gerade so, als gingen wir in einen Puff", sagte ich. "Das wäre mir lieber", sagte Jan. Der Berater bat Jan in sein Büro, und ich setzte mich in das Wartezimmer.

Im Wartezimmer saß eine, mit der ich mal ein Referat gehalten hatte. "Was machst du denn hier?", fragte sie. "Ich warte", sagte ich. Sie erzählte, dass sie wegen Stress hier sei, und wer alles noch immer wegen Stress hier sei, es waren enorm viele, und dann erzählte sie enorm viel von ihrem Freund. Sie sagte in jedem Satz "mein Freund". Ich mochte es nicht, wenn man immer "mein Freund" sagte, und dachte an Jan hinter der Beratertür, daran, dass er vielleicht nicht drei Nächte lang nicht geschlafen hätte, wenn wir zusammen in einem Doppelbett schlafen würden und viele Sachen hätten, die zueinander passen. "Auf wen wartest du?", fragte die, mit der ich ein Referat gehalten hatte, und ich sagte: "Auf meinen Freund."

"Der, nach dem alle schwiegen, konnte gut tanzen"

"Und", fragte ich, als wir von der Beratungsstelle weg zum Fluss gegangen waren, der nur so tut, als würde er fließen. Jan hielt mir ein blaues Blatt Papier hin, das ihm der Berater gegeben hatte, ein Blatt mit Atemübungen und autogenem Training. Wir kauften Johanniskraut, Baldrian forte und Tees, die "Guten Abend" und "Gute Nacht" hießen. "Alle trinken die", hatte die mit dem Referat gesagt.

Als Jan mit einem Seminar auf ein Kompaktwochenende fuhr, überredete mich auf einer Party jemand zu dem albernen Barfußtanzen. Den, der mich überredete, kannte ich aus ein paar Seminaren. Er sagte in den Seminaren immer Sachen, denen nichts hinzuzufügen war und nach denen alle anderen schwiegen, bis die Dozenten sagten, dass dem nichts hinzuzufügen sei. Immer wenn er mit mir gesprochen hatte, hatte ich was im Mund und mich verschluckt, und einmal hatte ich ihm etwas Wurstbrot auf den Jackenkragen gehustet. Jetzt war er betrunken, und ich hatte nichts im Mund. Ich tanzte etwas verhalten barfuß, weil viele in Schuhen tanzten. Der, nach dem alle schwiegen, konnte gut tanzen. Ich überlegte, ob ich jetzt versuchen sollte, ihn zu küssen, einfach nur, um mal etwas zu haben, das ich gestehen könnte. Aber dann ging die Tür auf, und Jan kam herein, er sagte: "Jetzt bin ich doch schon wieder da", und ich sagte: "Und ich bin noch immer da."

Ein paar Jahre vorwärts gingen Jan und ich nicht mehr miteinander mit. Jans Kulturwissenschaftsfreunde, meine zwei besten Freundinnen und die bekannten Paare sagten, es liege daran, dass wir immer weniger und im Grunde sogar nichts hätten, das zueinander passte. "Das stimmt allerdings", sagte ich. "Das ist allerdings kein Grund", sagte Jan. "Das stimmt auch", sagte ich. Jan guckte in eine Schale, ich rechnete im Kopf alles zusammen, was wir miteinander gut gemacht hatten, und guckte auch in eine Schale. "Ich weiß nicht, wo ich jetzt hin soll, ohne dich", sagte Jan, und ich fragte mich, wo ich ohne Jan jetzt eigentlich hin sollte. Weil wir die Sätze über Gelassenheit nicht gut gelernt hatten, ging Jan ohne mich besser in den Süden und ich ohne Jan besser in die andere Richtung.

Noch ein paar Jahre vorwärts fahren wir zurück in die Stadt, in der wir zusammen gewesen waren. Wir fahren zurück, weil zwei heiraten, bei denen alles überlebt hat und weitergegangen ist. Jan kommt aus dem Süden hergefahren und ich aus dem Norden. Wir stehen an dem Fluss, an dem wir oft gestanden haben, der nicht fließt und nur so tut. "Ist doch eigentlich alles gut gewesen hier", sagt Jan. "Bis auf diesen Scheißfluss", sage ich. Alles sei eigentlich gut gewesen, sagt Jan, "und irgendwie auch prüfungsrelevant", und wir lachen, legen die Arme umeinander und kommen zu spät zum Hochzeitsfest, weil wir den Weg nicht mehr wissen, obwohl wir dachten, dass wir alle Wege sogar im Schlaf noch wüssten.

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