E-Mails an Uni-Professor "Ich lösche alles ungelesen"

Die NSA schöpft Daten ab? Nicht mit mir und meinen Studenten, entschied ein Kieler Psychologie-Professor. Er lässt alle E-Mails von amerikanischen Anbietern wie Google und Yahoo ungelesen löschen: ein Anruf beim skeptischen Hochschullehrer Günter Köhnken.
Hinweis auf Kieler Uni-Seite: "Bitte senden Sie keine Mails über amerikanische Mailserver"

Hinweis auf Kieler Uni-Seite: "Bitte senden Sie keine Mails über amerikanische Mailserver"

SPIEGEL ONLINE: Herr Köhnken, ist meine E-Mail bei Ihnen angekommen?

Köhnken: Ja, Sie haben ja von einer SPIEGEL-Adresse aus geschrieben. Da gehe ich einfach davon aus, dass Sie keine Direktleitung zur NSA unterhalten.

SPIEGEL ONLINE: Als Psychologieprofessor an der Uni Kiel haben Sie durchgesetzt, dass Ihre Studenten und Kollegen Ihnen keine E-Mails mehr von amerikanischen Servern schicken dürfen.

Köhnken: Ja, ich lösche alles ungelesen, was mich über Hotmail, Googlemail, Yahoo, Outlook.com oder ähnliche Dienste erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Köhnken: Na, ich denke doch nicht dran, vertrauliche Informationen wie Prüfungsergebnisse und Gutachten über Server zu verschicken, die Schnittstellen zu Geheimdiensten bereitstellen. Ich war immer schon skeptisch, auch den Cloud-Diensten gegenüber. Was speichern sie und wer hat Zugriff darauf? Werden die Daten nun zu werblichen oder geheimdienstlichen oder sonstigen Zwecken genutzt?

SPIEGEL ONLINE: Die NSA wird sich eher nicht für die Noten einer Kieler Psychologiestudentin interessieren.

Köhnken: Darum geht es nicht. Weder Sie noch ich wissen im Detail, was dort gespeichert wird und wer in welcher Form an diese Daten herankommt. Ich bin verpflichtet, dass die Datenschutzbestimmungen bei uns erfüllt werden - und das sehe ich nicht gewährleistet, wenn wir über die genannten Mail-Anbieter kommunizieren. Bei uns bekommt jeder Student und jeder Kollege eine eigene Mail-Adresse der Uni Kiel; darüber läuft die offizielle Kommunikation.

SPIEGEL ONLINE: Eine unverschlüsselte Mail ist in etwa so sicher wie eine Postkarte, auch wenn sie von einer Adresse der Uni Kiel kommt.

Köhnken: Deswegen werde ich künftig wohl auch meinen gesamten Mail-Verkehr verschlüsseln. Und ich werde mich erkundigen, wie sicher die Server unserer Unis sind.

SPIEGEL ONLINE: Das bedeutet einigen Aufwand für Sie und Ihre Studenten.

Köhnken: Ja, aber bislang gab es noch keine Beschwerden. Zum einen sind viele Studenten gerade im Urlaub, zum anderen bin ich ja weiterhin für sie immer erreichbar - wenn sie ihre Uni-Mail-Adressen nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Mails bekommen Sie am Tag?

Köhnken: Jetzt, in der vorlesungsfreien Zeit, etwa 20, der Aufwand hält sich also in Grenzen. Während des Semesters sind es aber deutlich mehr.


ZUR PERSON

Günter Köhnken, 64, ist Professor für Psychologie an der Uni Kiel. Er gehört zu den gefragtesten Gutachtern und Glaubwürdigkeitssachverständigen Deutschlands.

Vor einigen Wochen ließ er folgende Bitte auf der Website seines Lehrstuhls veröffentlichen: "ACHTUNG: Bitte senden Sie an das Prüfungsamt und Herrn Köhnken keine Mails über amerikanische Mailserver (z.B. Hotmail, Outlook.Com, Googlemail, Yahoo). Angesichts der aktuellen Diskussionen über die Ausspionierung durch NSA u.ä. wurde veranlasst, dass eingehende Mails von diesen Servern sofort ungelesen gelöscht werden."

Ergänzt hat er es mittlerweile noch um die Sätze: "Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich aus Gründen des Datenschutzes zu diesem Schritt veranlasst sehe.Ich bin natürlich über Emailadressen von allen deutschen Universitäten und Internetprovidern mit einem Emailserver in Deutschland erreichbar."


Die Fragen stellte Oliver Trenkamp


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Foto: Peter Kneffel / picture alliance / dpa

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