DDR-Forschung Der Osten fällt hinten runter

Eine Studie belegt: Die DDR ist kein Thema an deutschen Hochschulen - vor allem in Süddeutschland. Alarmierte Wissenschaftler fürchten einen kollektiven Gedächtnisverlust, der zur Ausprägung von Vorurteilen führen könnte. Über die Motive des deutsch-deutschen Desinteresses weiß die Forschung noch nichts.

Von Holger Kulick


Den Trabbi kennen alle - aber Alltag und Geschichte der DDR?
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Den Trabbi kennen alle - aber Alltag und Geschichte der DDR?

Berlin - Jasmin L. hatte gerade angefangen, ihre Doktorarbeit über Heiner Müller zu schreiben, da erkrankte ihr Professor schwer. Jetzt bangt sie mit dem Patienten, denn unter dessen Vertretern ist niemand, der sich für den DDR-Dramatiker interessiert. Dies kann im Prinzip mit jeder universitären Facharbeit so gehen, sofern es aber DDR-Themen betrifft, ist diese Erfahrung symptomatisch.

Im Auftrag der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur wurde am Dienstag in der Berliner Humboldt-Universität eine Studie vorgelegt, die der bundesweiten DDR-Forschung ein Armutszeugnis ausstellt.

Herausgeber ist das Institut für Hochschulforschung in Wittenberg, das seit zehn Jahren aufmerksam verfolgt, wie intensiv sich deutsche Wissenschaftler mit der DDR-Aufarbeitung befassen. Zehn Jahre nach der Wende prüfte das Institut nach, wo sich noch Wissenschaftler mit der zweiten deutschen Nachkriegshälfte beschäftigen. Das Ergebnis: 62 Prozent der deutschen Universitäten boten keine DDR-spezifischen Lehrveranstaltungen mehr an.

Süddeutsche Unis DDR-frei?

Bedrückt erläuterte der Autor der Studie, Peer Pasternack, seine Ergebnisse. Vielerorts komme die DDR allenfalls in Überblicksvorlesungen als ein Kapitel deutscher Geschichte vor.

27 Prozent aller deutschen Studierenden würden eine Universität in den süddeutschen Ländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bayern besuchen, aber nur sechs Prozent aller DDR-Forschung entfalle auf diese Hochschulen. In München habe sich im Lehrjahr 2000/2001 sogar überhaupt kein DDR-Thema im Angebot gefunden. "Dies kann zu bedrohlichem Gedächtnisverlust führen", mahnte Reinhard Kreckel, Direktor des Wittenberger Instituts, "und in Folge leicht zu Vorurteilsbildungen führen."

Das größte Angebot von DDR-Lehrveranstaltungen gebe es in Berlin und Ostdeutschland. Rund 50 Prozent des gesamten DDR-Lehrangebots erfolgten hier, aber nur 19 Prozent der in Deutschland Immatrikulierten seien an den betreffenden Unis eingeschrieben. Spitzenreiter in der DDR-Forschung seien Berlins Universitäten, auffallend sei dagegen der Mangel an DDR-Forschung in Brandenburg.

Wenn die DDR zum Thema würde, sei Kultur mit einem Anteil von 24 Prozent aller DDR-Lehrveranstaltungen das größte Forschungsfeld. Dies werde dominiert von der Literaturforschung unter Germanisten. An zweiter Stelle folgten Arbeiten über das politische System und die DDR-Verwaltung.

Opposition kein Forschungsfeld

Dahinter ein Niemandsland - auch in der Forschung
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Dahinter ein Niemandsland - auch in der Forschung

Opposition, Widerstand und Repression zählten der Studie nach nicht zu zentralen Gegenständen der Lehre. Nur 59 Lehrveranstaltungen von insgesamt 1536 Vorlesungen und Seminaren seien zum Thema Opposition und Widerstand zu ermitteln gewesen. Die Repressionsaspekte Polizei und Staatssicherheit seien bundesweit sogar nur elfmal vorgekommen, wird in der Studie aufgeführt.

Die meisten Forscher würden sich, wenn überhaupt, nur mit der Wendezeit 1989 befassen oder der Entstehungsgeschichte der DDR. Soziologie und Alltag in der Ära Honecker der siebziger und achtziger Jahren fielen ganz hinten herunter. Die Landwirtschaft komme gar nicht vor - dabei ist besonders hier sehr viel aufzuarbeiten.So wissen Insider zu berichten, dass in der Wendezeit hier höchst dubiose Umwandlungsstrategien von LPGs in AGs angewendet worden sind. Die Zahl von Zeitzeugen wäre also verlockend groß. Doch offenbar nicht für den Universitätsapparat.

Über das Desinteresse deutscher Wissenschaftler an der DDR könne nur spekuliert werden, meinten die Forscher. Deshalb soll ein Folgestudie klären, warum die DDR-Aufarbeitung für Wissenschaftler so abseits liegt. Auch kaum ein Dozent würde mit DDR-Themen habilitieren und ausscheidende Professoren ersetzen, die sich schon immer mit Ostdeutschland auseinander setzten. Gebe es nicht die Stasi-Forschung der Gauck-Behörde, würden noch mehr Bereiche der DDR-Forschung vollkommen brach liegen, mahnte Reinhard Kreckel.

Kurskorrektur gefordert

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Stiftung Aufarbeitung, der Bochumer Professor Bernd Faulenbach, sprach in diesem Zusammenhang von einem beunruhigenden Trend. Nach einer Phase der "Überhitzung" Mitte der Neunziger sei jetzt eine Normalisierung eingetreten, die sich darin auszeichne, die DDR-Forschung "an den Rand zu drängen". Für ihn habe diese Studie deshalb einen "Aufforderungscharakter", damit einzelne Universitäten ihre weißen Flecken im Lehrplan noch einmal überdenken und ihren Kurs korrigieren.

Dies freilich ist ein Appell, der sich nicht nur an Universitäten richten sollte. Denn in den meisten Medien, in Schulen oder auf Bühnen wird in der Regel eine Beobachtung gemacht: Die DDR interessiert allenfalls als Klischee.



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