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Mauerfall: Studenten, hört die Signale

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DDR-Hochschulen vor 20 Jahren Studis, zur Freiheit

Das Personal war handverlesen, die Welt der Wissenschaft voller Denkverbote - die DDR gängelte Studenten und Dozenten an den Universitäten. Das änderte sich radikal mit dem Fall der Mauer: Nach der bleiernen Zeit schien die Weltgeschichte jäh zu explodieren. Studenten erinnern sich.
Von Armin Himmelrath und Britta Mersch

Der entscheidende, historische Moment, an Peer Pasternack rauscht er beinahe vorbei. Am 9. November 1989 sitzt der Leipziger Politikstudent mit rund 400 Kommilitonen an der Karl-Marx-Universität zusammen, um die Gründung eines frei gewählten Studentenrats zu vollziehen - ein revolutionärer Schritt.

Jemand reißt die Tür auf und ruft in den Saal: "Die Mauer ist auf!" Niemand glaubte die Nachricht, erinnert sich Pasternack. "Ein paar haben noch 'ja, ja' gesagt, dann haben wir weitergearbeitet. Ernst genommen hat das keiner."

Erst nachts, als er wieder in seinem Wohnheim ankommt, begreift der damals 26-jährige Pasternack, was sich in der Hauptstadt tut. Aber er muss am nächsten Tag früh raus, und deshalb geht er jetzt erst mal schlafen. Am Morgen fährt er nach Ost-Berlin, dort hat er einen lange geplanten Termin in der Staatsbibliothek. Den will er auf keinen Fall sausenlassen - es gibt dort Bücher, die anderswo in der DDR nicht oder nur schwer zu bekommen sind.

Während die Ost-Berliner zu Tausenden feiernd über den Ku'damm ziehen, kümmert sich Pasternack erst einmal um Kopien der begehrten Werke. Danach fährt auch er in den Westteil der Stadt: "Da bin ich dann ein bisschen rumgelaufen und habe auf den Kick gewartet - der kam aber nicht."

Eine gesamtdeutsche Wissenschaftskarriere

Pasternack ist heute Forschungsdirektor des Instituts für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg. Er machte 1994 sein Diplom in Leipzig, promovierte vier Jahre später in Oldenburg und habilitierte sich in Kassel. Eine gesamtdeutsche Wissenschaftskarriere. Eine Biografie, die ohne jene Tage im Herbst 1989 anders verlaufen wäre.

Die Wochen und Monate um den 9. November sind Zeitzeugen auch nach 20 Jahren noch gegenwärtig, egal wo und in welcher Rolle sie diese Zeit erlebt haben. Es waren Momente, in denen nach ewiger, bleierner Zeit die Weltgeschichte plötzlich zu explodieren schien. Die Umwälzungen berührten jeden. Für die Studenten, Dozenten und Mitarbeiter der DDR-Universitäten zerbröselte ein System, das sie nicht nur gängelte, sondern, schlimmer noch, mit Denkverboten belegte. Studieren in der Diktatur: In Abwesenheit von Freiheit kann Wissenschaft nicht gedeihen.

"Die DDR, das war für uns eine Gesellschaft unter Mehltau", sagt die 1948 geborene Soziologin Hildegard Maria Nickel. "Vor der Wende herrschte bei uns das Gefühl vor: Das kann doch noch nicht alles im Leben gewesen sein!"

Marxismus-Leninismus als Pflichtprogramm

Mit der Wende kam die Freiheit, doch indem sie die neuen Räume durchmaßen, müssen viele DDR-Akademiker erkannt haben, wie eng das Denkkorsett sie zuvor umschnürt hatte. Zwar gab es Fachgebiete, die sich als weitgehend immun erwiesen gegen die sonst alles durchziehende Ideologie. Insbesondere auf ihre Standards in den Naturwissenschaften waren die DDR-Forscher stolz. Doch auch hier fehlte Freiheit: der Austausch mit Kollegen weltweit, der Zugang zu international publizierten Forschungsergebnissen.

Und für jede der über 50 Hochschulen der DDR galt: Das Personal war handverlesen. In Dresden oder Leipzig, in Jena, Greifswald oder Ost-Berlin durfte meist nur studieren, wer seine sozialistische Grundeinstellung unter Beweis gestellt hatte oder sie zumindest glaubhaft vortäuschte. Entsprechend war die Studienanfängerquote in Ostdeutschland Mitte der achtziger Jahre nur halb so groß wie in der Bundesrepublik.

Um sicherzustellen, dass sich in den Köpfen der wenigen Jungakademiker auch die korrekten Gedanken verankerten, erlegte der Arbeiter-und-Bauernstaat ihnen Pflichtstunden in Marxismus-Leninismus auf - DDR-Kürzel: ML. "Noch im September 1989 gab es die sogenannte Rote Woche, mit der Studenten und Dozenten vor Beginn der Veranstaltungen politisch eingeschworen werden sollten", erzählt Soziologin Nickel - letzte, trotzige Selbstbehauptungsversuche des Regimes.

Hoffnung auf Lockerung

Natürlich wurden auch die Studenten und Professoren in der DDR von der Wende völlig überrascht. Doch dass es unter all der Gleichförmigkeit brodelte, das spürten sie früher als ihre Mitbürger. Schon lange vor dem Mauerfall diskutierten sie, wie es mit den Unis weitergehen sollte. "Wenn irgendwo in Leipzig ein sowjetischer Perestroika-Film lief", erinnert sich Peer Pasternack, "war der Andrang riesig." Auch einzelne Hochschulleitungen deuteten an, dass sich etwas bewegen würde.

Nach solchen Signalen lechzten viele Studenten - Lockerungen des bisher strikten Gebots, sich dem System umfassend unterzuordnen: "Opposition war nicht erwünscht und wurde mehr oder weniger stark verfolgt", erzählt Cornelius Weiss. Er hatte 1955 in Leipzig ein Chemiestudium begonnen, nachdem er mit seinen Eltern aus sowjetischer Lagerhaft freigekommen war. So gab es Assistenten, deren Aufgabe auch darin bestand, die Vorgänge an der Uni politisch zu überwachen; manche bekamen den Spitznamen "Exmatrikuliermaschine".

Der Physiker Michael Müller-Preußker, heute 63 Jahre alt, hatte sich einfach nur geweigert, in die SED einzutreten. Deshalb fristete er sein Leben als Oberassistent an der Berliner Humboldt-Universität, ohne Aussicht auf Beförderung. Er musste sich seinen Berufsalltag anders versüßen: mit Auslandsaufenthalten, zunächst nur in sozialistischen Bruderländern. Ab 1978 arbeitete er für fünf Jahre in der Sowjetunion am Institut für Kernforschung in Dubna. Eine Fachtagung in Westdeutschland durfte er erst 1985 besuchen. "Allerdings nur, weil mit meiner Ehefrau ein hinreichendes Pfand in der DDR zurückblieb." Im September 1989 besuchte ein Kollege von der Freien Universität in West-Berlin die Humboldt-Uni. Gemeinsam träumten die beiden Wissenschaftler von einer engen Zusammenarbeit, ohne selbst daran zu glauben.

Sie konnten nicht wissen, was dieser Herbst noch bringen würde.

Aufbruchstimmung: "Eine großartige Zeit - als ob da ein Ballon geplatzt wäre"

"Wir waren aus den Ferien in eine ziemlich aufgeheizte Stimmung zurück nach Leipzig gekommen", erzählt Peer Pasternack. Zu Beginn gingen die allmontaglichen Friedensgebete in der Nikolaikirche als stille Kundgebungen durch, doch die Atmosphäre lud sich mehr und mehr auf. Dann, am 2. Oktober, setzte sich erstmals eine große Masse vor dem Gotteshaus in Bewegung. "Immer wieder stellten wir uns die Fragen: Lassen die das zu? Wann greifen sie ein?", erzählt Pasternack.

Gerüchte machten die Runde: In Krankenhäusern, so flüsterte man auf den Straßen, seien für die nächste Demonstration schon Blutkonserven und Betten für Verletzte vorbereitet worden. Und tatsächlich, Polizei und Militär marschierten auf, schwer bewaffnet. Doch auch diesmal zogen Zehntausende Menschen über den Leipziger Ring. Und blieben schließlich unversehrt.

Unter ihnen war auch Cornelius Weiss, für ihn war es die erste Demonstration seines Lebens. "Als ich die Ordnungskräfte sah", erzählt er, "kam die Angst hoch, ich wollte nach Hause gehen." Stattdessen begegnete er seinen Studenten, sie sahen ihn an, fragend, prüfend. Er habe innegehalten, sagt Weiss, mochte nicht kneifen. Das widersprach seinem Selbstverständnis als Hochschullehrer. "Dann habe ich diese Rufe gehört: 'Wir sind das Volk!'", erzählt Weiss, "und in dem Moment dachte ich: Wir sind das Volk."

Schluss mit den Wehrertüchtigungslagern

Es war so weit. Die Studenten wollten ihre Aufpasser abschütteln. Für ihre Vertretung war die Freie Deutsche Jugend (FDJ) zuständig, doch die staatliche Massenorganisation hatte das Vertrauen der Nachwuchsakademiker längst verspielt. Die Studenten entwarfen Gegenmodelle, "bis zum bürokratischen Exzess", berichtet Pasternack, sie stritten, verhedderten sich in ihren Konzepten.

Am Ende entstand die Idee, eine "Seminargruppensprechervollversammlung" einzuberufen: Jede der rund 600 Seminargruppen der Karl-Marx-Universität sollte dafür einen Vertreter wählen und zum nächsten Treffen schicken. Und tatsächlich: 485 Gruppenvertreter kamen Ende Oktober zusammen, sie beschlossen im Namen der rund 10.000 Leipziger Studenten die zu diesem Zeitpunkt noch illegale Gründung eines Studentenrats.

Dann schaltete sich Horst Hennig ein, Rektor der Karl-Marx-Universität. Er lud die Sprecher der Studenten zum Gespräch. Er fragte sie nach ihren Forderungen. Die Antwort: Abschaffung des Pflichtunterrichts in Sport, Russisch und marxistisch-leninistischen Grundlagen, Schluss mit den Wehrertüchtigungslagern. Der Rektor hörte aufmerksam zu, nahm sich ein paar Tage Bedenkzeit und entschied dann, dass der "Fonds junger Sozialisten", aus dem bis zu diesem Zeitpunkt die FDJ als offizielle Studentenvertretung Geld erhielt, ab sofort an den neuen Studentenrat übergehe.

Irritationen beim ersten deutsch-deutschen Studentenkongress

Die Wucht der historischen Ereignisse überrollte indes die Pläne der Ost-Studenten: Pasternack und seine Mitstreiter kamen mit ihren westdeutschen Pendants in Kontakt. Anfang 1990, fast drei Monate nach dem Mauerfall, veranstaltete die Universität Düsseldorf den ersten deutsch-deutschen Studentenkongress. Als Motto hatten die westdeutschen Jungakademiker gewählt: "Wider die Vereinigung - unser Haus heißt Europa".

Das verwunderte die Abgesandten aus Leipzig, ebenso wie die Grabenkämpfe der bundesrepublikanischen Studentenvertreter. "Wir haben diese Animositäten zwischen den 'Undogmatischen Linken', den Jusos und anderen Gruppen nur staunend beobachtet", erzählt Peer Pasternack. Im Februar ging das Staunen weiter, als das studentische Treffen in Leipzig fortgesetzt wurde. "Manche der Gäste kamen mit einem ziemlich ausgeprägten Sendungsbewusstsein zu uns", sagt Pasternack. Nach dem Kongress sei dann die "romantische Phase der Wende abgeschlossen" gewesen, es folgte der Uni-Umbau.

Ostdeutsche Reformer und westdeutsche Berater stritten darüber, ob das System der West-Hochschulen eins zu eins auf die ostdeutschen Unis übertragen werden sollte. Cornelius Weiss, der 1991 Rektor der Universität Leipzig geworden war, fühlte sich überfahren von einigen West-Kollegen. "Wir mussten auch gute Dinge aufgeben", sagt Weiss, "etwa die Weiterbildung, die in der DDR immer großgeschrieben wurde."

Alle gekündigt, vom Hausmeister bis zum Professor

Im ersten Jahr seiner Rektorentätigkeit nahm er erstmals an der Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) teil und meldete sich zu Wort. Seine Rede endete mit einer Bitte: "Stülpen Sie uns nicht Ihr System über. Hören Sie bitte auch auf unsere Gedanken und Vorschläge." Drei Jahre später wurde Weiss zum Vizepräsidenten der HRK gewählt. Dort setzte er sich für eine Autonomie der ostdeutschen Hochschulen ein. Doch diese Pläne stießen schnell auf Widerstand, die Universitäten wurden ins West-System eingegliedert.

Die Frage war: Welche Wissenschaftler dürfen ihr Amt weiter ausüben? In Berlin kündigte Wissenschaftssenator Manfred Erhardt ausnahmslos allen Hochschulangehörigen, vom Hausmeister bis zur Professorin. "Niemand wurde übernommen, jeder musste sich für seine eigene Stelle neu bewerben", erinnert sich Michael Müller-Preußker, "das war eine konsequente und wahrscheinlich richtige, letztlich aber auch sehr schmerzhafte Politik." Müller-Preußker wurde 1993 Professor für Theoretische Physik, von 1994 bis 1996 war er Vizepräsident der HU. Über die Wende an den Hochschulen sagt er heute: "Es war eine bewegende, großartige Zeit."

Sehr hoffnungsvoll sei sie damals gewesen, erzählt auch Hildegard Maria Nickel. "Für mich war das eine unglaubliche Erweiterung der Perspektive: das Gefühl, endlich alles schreiben und rauslassen zu können und die Kollegen persönlich zu treffen, von denen man vorher nur gehört hatte." Nie habe sie so viel publiziert wie im Rausch dieser Zeit. "Das war eine echte Befreiung, als ob da ein Ballon geplatzt wäre." Sie bekam nach der Wende eine Professur an der Humboldt-Uni.

An die Studienkultur der alten DDR erinnert heute kaum noch etwas. Es bleibt: eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber importierten Lösungsmustern und Ferndiagnosen aus dem Westen. Cornelius Weiss saß bis vor kurzem für die SPD im Sächsischen Landtag, er war dort Alterspräsident. Der Ostalgie ist Weiss gänzlich unverdächtig, doch betrachtet er die neue Hochschulwelt mit Skepsis, zum Beispiel die Bachelor-Master-Reform: "Die Mobilität der Studenten hat abgenommen, und das System ist unglaublich verschult", analysiert Weiss, "genau wie damals in der DDR."

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