Debatte um Spitzenforschung Experten rätseln über Kosten für Spitzen-Unis

Die einen spotten nur, andere schreiben schon mal die Rechnung. Bei Vertretern der Hochschulen gibt es geteilte Meinungen über den Vorschlag der SPD, eine oder mehrere Elite-Universitäten in Deutschland zu etablieren. Völlig unklar ist bislang, wie viel Geld man dafür bräuchte und wer solche Top-Hochschulen finanzieren kann.


Stanford University in Kalifornien: Mekka der Forschung
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Stanford University in Kalifornien: Mekka der Forschung

In den USA und in Großbritannien gibt es sie schon lange. Angesichts immer mehr junger Wissenschaftler, die zum Forschen ins Ausland gehen, und mangelnder internationaler Wettbewerbsfähigkeit, setzt nun auch die SPD auf Eliteunis nach dem Vorbild von Harvard, Stanford oder Oxford. Rund zehn dieser Spitzenhochschulen sollen nach dem Willen von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn entstehen - allerdings nicht auf der grünen Wiese, sondern im Wettbewerb der bestehenden Hochschulen.

Bulmahn sagte, Deutschland brauche solche "Spitzenuniversitäten", um sich im internationalen Wettbewerb besser durchsetzen zu können. Die SPD-Politikerin sprach sich zugleich dafür aus, die Erbschaftsteuer zweckgebunden für Bildungsausgaben zu erhöhen. Den Ländern bot sie an, dass der Bund die Finanzierung dieser Eliteunis übernehmen könne. Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) sagte jedoch, für eine solche Zusage sei es "ein bisschen zu früh".

International University Bremen: Als möglicher Standort im Gespräch
DPA

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Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) rennen die Sozialdemokraten mit ihren Plänen offene Türen ein. "Entscheidend ist, wie viel Geld man in die Hand nimmt", erklärte CHE-Leiter Detlef Müller-Böling. Der Bund müsse sich der Größenordnung bewusst sein, die angesichts solch hochgesteckter Pläne nötig seien, betonte er. "Wenn man über die Einrichtung von Eliteunis nach dem Vorbild von Harvard und Stanford spricht, dann müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass Stanford ein Jahresbudget von zwei Milliarden US-Dollar hat."

Der Präsident der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker, veranschlagte die Kosten auf bundesweit bis zu 100 Millionen Euro pro Jahr. Vor allem aber komme es darauf an, längerfristig zu planen, betonen die beiden Hochschulexperten. "Elite schafft man nur durch kontinuierliche Arbeit am gesamten System", ist Müller-Böling überzeugt.

DFG-Chef Winnacker: "Es fehlt die Spitze"
DFG

DFG-Chef Winnacker: "Es fehlt die Spitze"

Uneinigkeit herrscht noch darüber, wie genau die Eliteförderung aussehen soll. So schlägt Winnacker die Gründung einer begrenzten Zahl von Graduiertenschulen und Studiengängen vor, die an sechs Universitäten jeweils rund 200 Wissenschaftlern ermöglichen soll, nach Abschluss ihrer Diplomarbeit weiter zu forschen. Ein Modell, das sich in ähnlicher Form auch die Generalsekretärin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Christiane Ebel-Gabriel, vorstellen könnte. Nach Ansicht von Winnacker ist es auch sinnvoll, verschiedene Modelle der Exzellenzförderung auszuprobieren.

Müller-Böling schlägt vor, das Geld ohne Auflagen anhand von Kriterien wie Publikationen, Promotionen, Patenten und erlangten Drittmitteln an einzelne Fachbereiche verschiedener Universitäten zu vergeben. Um Wettbewerb mit anderen Universitäten zu ermöglichen, dürfte die zukünftige Mittelvergabe nicht ein für alle Mal festgelegt werden.

Wettbewerb als entscheidender Faktor

Knackpunkt, darin sind sich alle einig, sei der Wettbewerb unter den Universitäten. Und dafür "sind noch einige heilige Kühe der SPD zu schlachten", so Müller-Böling. "Wir können nicht eine Elite bilden und sagen, wir stellen uns nicht dem nationalen und internationalen Wettbewerb." So müssten die zentrale Vergabe von Studienplätzen abgeschafft und der Hochschulzugang geöffnet werden. Die Besten könnten sich so ihre Schule selbst aussuchen - was auch zum Wettbewerb unter den Universitäten führe. Und auch Kapazitätenregelungen, die Universitäten vorschreiben, wie viele Studenten sie aufnehmen müssen, gehörten abgeschafft, fordert der CHE-Leiter.

Kritik an den Plänen so genannter "Leuchttürme" in der Hochschullandschaft äußerte hingegen der Deutschen Hochschulverband. Eliteuniversitäten wie in den USA "kann man nicht aus dem Boden stampfen", betont der Präsident des Verbandes, Hartmut Schiedermair. Sie seien vielmehr die Folge generationenlanger Pflege von Wissenschaft. Vielmehr müsse die Politik den Universitäten mehr Freiraum lassen, anstelle sie mit ständigen Evaluationen und radikalen Mittelkürzungen zu traktieren. Angesichts der "Katastrophenpolitik" von Bund und Ländern und Fehlbeträgen in Milliardenhöhe drohe ansonsten bald auch ein "Pisa bei den deutschen Universitäten", betont Schiedermair.

"Zynische Scheindebatte": Reinhard Bütikofer
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"Zynische Scheindebatte": Reinhard Bütikofer

Grünen-Chef Bütikofer warnte davor, die Bildungsdiskussion auf Eliteuniversitäten zu verengen. Angesichts der schlechten Ausstattung der Universitäten und der anhaltenden Studentenproteste müsse sich die Politik vor einer "zynischen Scheindebatte" hüten. "Es geht nicht um die Verbesserung von Chancen für ein paar wenige Glückliche, sondern um eine flächendeckende Innovation", fügte der Grünen-Vorsitzende hinzu. Auch bei SPD-Vorstandsmitgliedern regte sich Kritik an den Plänen. Juso-Chef Niels Annen sagte, darin sehe er keinen sozialdemokratischen Ansatz zur Überwindung der Bildungsmisere.

FDP-Chef Guido Westerwelle wertete die SPD-Vorschläge zur Etablierung einiger Spitzen-Universitäten als bildungspolitisches "Feigenblatt". Es gehe nicht nur um die finanzielle Ausstattung einzelner Hochschulen, sondern um eine "völlige Autonomie" von Schulen und Hochschulen.

Schon heute gibt es nach den Worten von DFG-Präsident Winnacker in der deutschen Hochschullandschaft ein deutliches Leistungsgefälle. Das zeige sich schon daran, dass die besten 17 der etwa 100 deutschen Universitäten rund die Hälfte der DFG-Forschungsmittel bekomme. "Aber es fehlt die Spitze", sagt er. Auch Privatuniversitäten wie die 1999 gegründete International University Bremen (IUB) oder die European Business School in Oestrich-Winkel im Rheingau werben um Studenten. Für die Eliteförderung Gelder aus dem ohnehin gebeutelten Hochschulsystem zu ziehen, lehnen die Experten jedoch ab. "Der Eisberg ragt nur aus dem Wasser raus, wenn unten etwas ist, was ihn trägt", sagt Winnacker.



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