Der doppelte O. Nun ist der Spagat-Professor beide Jobs los

Die bizarre akademische Karriere von Berthold O., der jahrelang an gleich zwei Hochschulen Professor war und doppelte Beamtenbezüge einstrich, hat ein jähes Ende genommen. Die geprellten Ministerien reagierten flott und entließen den Termin-Jongleur aus beiden Stellen.

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Träge, zaghaft und unendlich verschnarcht - mit dem Image deutscher Hochschulen steht es nicht zum Besten, und auch die Ministerialbürokratie gilt als gemächliche Aktenumwälzanlage. Im einzigartigen Fall von Berthold O. indes rotierten die bürokratischen Mühlen auf Hochtouren: Kaum war bekannt geworden, dass der bayerische Professor zwei Lehrstühle zugleich innehatte, zogen die zuständigen Ministerien die Notbremse.

Fachhochschule Hof

Fachhochschule Hof

Seit Freitagabend ist O. kein Professor mehr: weder an der Fachhochschule Hof noch an der Bundeswehr-Universität München-Neubiberg. Dort hätte er heute seine Vorlesung halten sollen. "Doch das wollten wir unbedingt verhindern, nachdem wir so dreist getäuscht wurden", so Uni-Präsident Hans Georg Lößl gegenüber UniSPIEGEL ONLINE.

Jahrelang hatte Berthold O. die Hochschulen gefoppt und war im September 1995 erst auf eine Professur für Betriebswirtschaft in Hof, bald darauf in München auf den Thermodynamik-Lehrstuhl im Fachbereich Maschinenbau berufen worden. Fortan pendelte er pausenlos zwischen den beiden rund 300 Kilometer voneinander entfernten Hochschulen und kassierte doppelte Beamtenbezüge - bis ihm die Bundeswehr-Uni am vergangenen Montag auf die Schliche kam: Beim Surfen im Internet entdeckte der Münchner Studiendekan zu seiner Verblüffung O.'s Bild auf der Hofer Homepage.

Dann ging alles Schlag auf Schlag. Noch am Montag brach Hans Georg Lößl seinen Urlaub ab und reiste zurück nach München. Beide Hochschulen traten in Kontakt und informierten die zuständigen Dienstherren, das bayerische Wissenschafts- und das Bundesverteidigungsministerium. Am Dienstag trugen alle Beteiligten ihre Erkenntnisse zusammen. Am Mittwoch rückten Staatsanwaltschaft, Steuerfahndung und die Kripo-Abteilung Wirtschaftskriminalität aus und durchsuchten O.'s Büro- und Privaträume in Hof und München - Verdacht auf Betrug, Steuerhinterziehung und "Erschleichung einer C2-Professur". Am Donnerstag prüften die Ministerien, ob sie den Doppel-Dozenten sofort auf die Straße setzen können.

Mut zur Lücke: Zweieinhalb Tage müssen reichen

Und am Freitag taten sie es. Das Wissenschaftsministerium teilte ihm mit, dass sein Dienstverhältnis in Hof durch Annahme der zweiten Professur in München automatisch erloschen sei. Und das Bundesverteidigungsministerium bestellte ihn für Freitag, 13 Uhr, nach Bonn ein. Ergebnis: Rücknahme der Ernennung auch an der Bundeswehr-Uni, mit sofortiger Wirkung.

Das ist zweifellos flott - nur vier Tage von der Entdeckung bis zur Entlassung. Gleichwohl schien sich der Professor noch am Freitagnachmittag keiner Schuld bewusst und beschrieb sich selbst als ausgesprochen tüchtig: Dass er "mit viel Enthusiasmus wie ein Verrückter gearbeitet" habe, müsse doch belohnt und nicht bestraft werden. Mangelnden Einsatz könne man ihm weder in Hof noch in München vorwerfen. "Ich habe doch beide Jobs gewissenhaft erledigt, die Resonanz der Studenten war positiv", sagte er gegenüber UniSPIEGEL ONLINE.

Die Hochschulleitungen und auch die Studenten freilich sehen das etwas anders. Formell habe der rastlose Professor zwar seine Lehrverpflichtung erfüllt, räumen beide Hochschulen ein: 18 Stunden Vorlesungen und Seminare in München, in Hof nur neun Stunden pro Woche, weil er dort auch Dekan war. Doch eine volle Professur bedeutet neben der Lehre auch Engagement in der Forschung und in der akademischen Selbstverwaltung.Schwächen zeigte O. in allen drei Bereichen, obwohl er als "fachlich durchaus qualifizierter" oder gar "exzellenter" Wissenschaftler galt, wie die Hochschulen bestätigen. Doch an der FH Hof litt sein Engagement als Dekan deutlich unter der regen Reisetätigkeit; die Kollegen legten ihm im Sommersemester 2001 nahe, nicht erneut zu kandidieren. Und in München hat er "weder in der Forschung noch in den Gremien Spuren hinterlassen", so der lakonische Kommentar von Hans Georg Lößl.

Gedrückte Stimmung bei den Ex-Kollegen

Auch die Studenten murrten zusehends, vor allem über seinen Hang zur Blockbildung. Um sein gewaltiges Pensum schaffen zu können, legte der umtriebige Beamte seine Veranstaltungen an beiden Orten auf je zwei, maximal drei Tage. Auch Prüfungen zu ungewöhnlichen Zeiten waren üblich: "Herr (Ex-)Professor O. pflegte Prüfungstermine meist auf den Samstag zu legen", schreibt ein ehemaliger BWL-Student an UniSPIEGEL ONLINE, "wir fragten uns schon immer, warum dies nötig sei. Jetzt wird einiges klar."

Der Münchner Uni-Präsident hält es nicht für verwunderlich, dass die Lehrqualitäten nachgelassen hätten: "Auf Dauer übersteigt es einfach die Kräfte, zwei Professuren zu bekleiden", erläutert Lößl. Nur Vorlesungen zu halten sei ohnedies zu wenig. Die Hochschule erwarte von ihren Professoren auch, als Ansprechpartner für die Studenten zur Verfügung zu stehen - und mit den Kollegen zu kommunizieren: "Ohne physische Anwesenheit geht das nicht."An beiden Hochschulen reagierten die anderen Professoren entsetzt, geknickt, menschlich enttäuscht. Die jetzt nicht mehr besetzten Stellen sollen unverzüglich neu ausgeschrieben werden.

Dass der Schwindel erst so spät aufflog, liege vor allem daran, dass O. in völlig unterschiedlichen Fachbereichen - Betriebswirtschaft und Maschinenbau - gearbeitet habe, meint Lößl. Immerhin habe die Einführung des Studiendekans, der seit dem vergangenen Jahr die Lehre überwache, Wirkung gezeigt: "Das System hat es zwar spät gemerkt, aber es hat letztlich funktioniert."

Ruf nach dem Headhunter

Für die Kollegen und auch aus hochschulpolitischer Sicht ist das ein eher schwacher Trost. O. hat die Schwachstellen und Schlupflöcher des Dienstrechts dreist genutzt. Damit ist er nicht allein: Alle Jahre wieder fliegen Hochschullehrer auf, die eine hartnäckige Lehr-Allergie zwickt, einträglichen Nebentätigkeiten nachgehen und sich derweil vor ihren Aufgaben an der Hochschule drücken. So rücken sie die Professorenschaft in ein schlechtes Licht.

Auch wenn sich ihre Bezüge nicht in jedem Fall mit den Gehältern in der Wirtschaft messen können, genießen Professoren in Deutschland einzigartige Freiheiten: Als Beamte sind sie sozial blendend abgesichert und sicher vor Entlassungen. Sie sind nicht weisungsgebunden und können ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre nach eigenem Gutdünken festlegen. Auf Kontrollen verzichtet der Staat im Vertrauen auf die Rechtschaffenheit der Professoren weitgehend - bisher jedenfalls.

Der geschasste Professor glaubt unterdessen, dass sein Organisationstalent in der Wirtschaft zieht: Er hoffe, dass "sich nun ein Headhunter für mich interessiert". Dass Arbeitgeber neben unermüdlichem Einsatz auch Loyalität erwarten, hat der Doppelt-Dozent wohl nicht bedacht.



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