Designer-Boote Formschön übers Wasser latschen

Normalerweise kleben Architekturstudenten in Kleinarbeit Häusermodelle zusammen. In München entdeckten sie ein anderes Designobjekt: das Boot. Das eine ist ein schmucker schwarzer Solarkeil, das andere ermöglicht "Nordic Walking" quer über den See.

Von Marcus Müller


Es ist eine Frage geradezu biblischer Wucht: Können Menschen übers Wasser gehen? Vier Studenten der Technischen Universität München schmettern ein klares "Ja!" Die angehenden Architekten haben ein schlankes, acht Meter langes Freizeitboot entworfen - mit der "TU_Fin" kann man im Laufschritt einen See überqueren. Zumindest sieht es so aus, wenn der Kapitän auf dem Boot steht und, ähnlich wie bei einem Crosstrainer, Laufübungen auf zwei Fußplatten macht. Damit bewegt er lautlos zwei Taucherflossen in einem Tunnel unter dem Boot und treibt es an.

"Nordic Walking on the Water" nennen die Studenten ihre Erfindung, das Prinzip haben sie paddelnden Enten abgeschaut. Dem "Auf-dem-Wasser-gehen" komme es ziemlich nahe, sagt Studentin Marisa Dreßler - nur dass die Füße dabei trocken bleiben. An beiden Seiten hat der Wasser-Walker Hebel wie Wanderstöcke und lenkt damit auch.

Es ist wohl der fachfremde Blick aufs Boot, der das Architekten-Quartett bei einer Doppel-Semester-Arbeit auf die ungewöhnliche Idee brachte. Sonst entwerfen die Studenten am Institut für Gebäudelehre und Produktentwicklung Häuser - aber oft seltsame wie einen transportablen Wohnwürfel oder eine Antarktis-Station. Für den Boots-Antrieb verlangte der segelbegeisterte Professor Richard Horden einen Antrieb mit alternativer Energie. "Die Studenten waren erst mal baff", schildert Assistent Wieland Schmidt die Reaktionen der Studenten.

Mittlerweile schwärmen sie von den Vorzügen ihres Entwurfs: Bei Ruderbooten sitze man immer mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, bei der "TU_Fin" nicht - und ihr Boot könne man auch auseinandernehmen. "Dadurch wird es leichter, man kann es gut in der Garage verstauen", sagt Student Ivan Kiryakov, "daran denken Schiffsbauer nicht, weil Boote sonst immer im Hafen liegen."

Mit dem Solarboot in den Sonnenuntergang

Ein weiteres Projekt am Lehrstuhl verlässt ebenfalls klassische Bootsbauer-Routen. Vier andere Studenten haben die "Solar Proa" entworfen, um das "das öde Image des Solarbootes zu ändern", sagt Student Tibor Bartholomä. Wie ein Katamaran hat das Schiff zwei Rümpfe - aber unterschiedlicher Länge. Solarzellen bedecken die gesamte Oberfläche. Komplett geschlossen sieht die "Solar Proa" aus wie ein flacher, asymmetrischer Keil. "Sie soll auch im Hafen ein Designobjekt sein", sagt Student Daniel Boos.

Dass es sich komplett verändern könne, sei der "besondere Reiz des Schiffes", sagt sein Kommilitone Andreas Schwab. Als Nutzer schwebt den Erfindern die "designorientierte Familie" vor. Bei einem Ausflug mit maximal sechs Passagieren kann der Skipper die Solarfläche in der Mitte hochkurbeln. Sie dient dann als Sonnenschutz, bleibt aber in Betrieb und gibt Sitzbänke aus Teakholz frei. Bei viel Sonne fährt das Boot ausschließlich mit dem Strom aus den Kollektoren, sonst treiben Batterien den Elektromotor für sechs bis neun Stunden an.

Für beide Entwürfe wurden die Boots-Architekten mit einer glatten 1,0 bewertet und nach der Präsentation mit Champagner belohnt, erzählt Instituts-Mitarbeiterin Nadine Zinser, die beide Projekte betreut hat. Eine Sekt-Taufe der Boote war aber nicht möglich - beide Boote gibt es erst als Modelle. Prototypen sollen entstehen, sobald die Studenten Sponsoren finden.

Die Jung-Architekten hoffen auf mehr: "Unser Ziel war ein verkehrsfähiges Boot, das sich auch verkaufen lässt", sagt Studentin Dreßler. Die Chancen dafür stehen gut. Auf der letzten Düsseldorfer Bootsmesse zeigten Bootsbauer, Verleiher und Freizeitkapitäne Interesse. "Allein an einem Tag hätten sich die Boote bestimmt zehn Mal verkaufen lassen", so Nadine Zinser.

In der teuersten Ausführung mit Carbon-Rümpfen würde die "Solar Proa" um die 50.000, die "TU-Fin" rund 10.000 Euro kosten. Ein anderes Material wäre günstiger, auch vom Designer-Schwarz würden die Studenten auf Wunsch abrücken. Beim Bootsbau ist es ganz so wie bei der angestammten Tätigkeit eines Architekten: "Wenn wir ein Haus bauen, brauchen wir Kunden", sagt Student Ballmeier, "für ein Boot natürlich auch."



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