Deutsch-afrikanischer Austausch Viel mehr als Dirndl und Dschungel

Deutschland, Land der Rassisten? Afrika, Kontinent des Elends und der Verdammten? Dorothy aus Simbabwe und der Münchner Matthias machten da ganz andere Erfahrungen. Als Stipendiaten sahen sie sich beide Welten an - und staunten über Luxus in Lagos und fotogene Christen im Kölner Dom.
Von Juliane Frisse
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Deutsch-afrikanische Stipendien: Lehrreiche Reise gegen die Klischees

Foto: Susanne Meltl

Deutsche arbeiten rund um die Uhr, fahren ein dickes Auto und mögen keine Ausländer. Das denken viele Afrikaner. Genauso wie für viele Deutsche Afrika vor allem aus Aids, Krieg und hungernden Kindern mit aufgeblähten Bäuchen besteht.

Doch was ist, wenn solche Stereotype auf die Wirklichkeit treffen?

Dorothy Makaza, 26, aus Südafrika, war überrascht, dass Deutsche zuweilen sehr viel Wert auf Tradition legen. Vor ihrer ersten Reise nach Deutschland dachte sie, dass Traditionsbewusstsein vor allem eine Sache der Afrikaner sei. Und als Mathias Roth, 29, in der nigerianischen Millionenstadt Lagos landete, staunte er, wie nah schicke Büroviertel und Slums dort beieinander liegen.

Roth und Makaza sind Teilnehmer am Austauschprogramm "Go Africa..., Go Germany..."  der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB). Jedes Jahr verbringen damit 24 junge Erwachsene, je zwölf Deutsche und zwölf Afrikaner, gemeinsam fünf Wochen in der Bundesrepublik und in einem afrikanischen Land. Sie treffen Politiker, Wirtschaftsvertreter, Journalisten - und diskutieren über Gegensätze und Gemeinsamkeiten auf den Kontinenten.

Ein Stipendium nicht nur für Afrika-Experten

In den vergangenen Jahren bewarben sich bis zu 500 junge Erwachsene auf die Plätze. Für das Auswahlverfahren wählen die Bewerber aus drei Themen aus und schreiben darüber einen kurzen Aufsatz (genauere Informationen auf der Web-Seite "Go Africa..., Go Germany..." ).

Katja Böhler, Projektverantwortliche für den Austausch, warnt Interessenten vor falscher Scheu: "Man muss kein ausgewiesener Afrika-Kenner sein, um die Fragen beantworten zu können", sagt sie.

Viele der ehemaligen Stipendiaten arbeiten inzwischen zu deutsch-afrikanischen Themen, erzählt Böhler, etwa in politiknahen Stiftungen oder in der Entwicklungshilfe. Afrikanische Alumni hätten sich im Anschluss an das Programm oft für ein Aufbaustudium in Deutschland entschieden. Und einige deutsche Teilnehmer arbeiten heute in den Regionen des afrikanischen Kontinents, die sie im Austausch besucht haben.

Im UniSPIEGEL erzählen die Stipendiatin Dorothy aus dem aktuellen Jahrgang und der ehemalige Stipendiat Matthias, was sie am jeweils anderen Land am meisten überraschte.

Dorothy aus Simbabwe: "Hey Leute, es geht wieder aufwärts"

Dorothy Makaza, 26, wunderte sich über manche Fragen der deutschen Austauschpartner

Dorothy Makaza, 26, wunderte sich über manche Fragen der deutschen Austauschpartner

Foto: Rhaban Schulze Horn

"Am besten hat mir Bayern gefallen. Die hohen Berge, das satte Grün auf den Almen - wirklich atemberaubend. Damit hatte ich nicht gerechnet, weil Europäer immer so von der afrikanischen Natur schwärmen. Ich dachte, wilde Tiere und spektakuläre Natur, das seien unsere Stärken.

Auch das starke Traditionsbewusstsein in Bayern hat mir gefallen - noch so etwas, das ich für typisch afrikanisch gehalten habe. Ich finde es toll, dass es dort Leute gibt, die stolz Dirndl und Lederhose tragen und die Tradition am Leben erhalten.

Keine wilden Tiere im Vorgarten

Aber nicht nur ich wusste wenig über Deutschland, auch die deutschen Stipendiaten fragten mich über Afrika aus. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sie denken, wir hätten wilde Tiere im Vorgarten und würden alle mitten im Urwald leben. Sie sprachen mich auch auf die Hyperinflation in Simbabwe an. Hey Leute, habe ich da gesagt, das ist schon ein paar Jahre her. Es ist natürlich noch nicht wieder alles in Ordnung, aber es geht aufwärts.

Das Tollste an dem Austausch ist, was für nette, offene und liebenswerte Menschen ich in Deutschland kennengelernt habe. Ich hatte nie das Gefühl, dass jemand mir als Ausländerin negativ begegnete, überall wurden wir herzlich aufgenommen. Vorher war ich unsicher, da ich von manchen Leuten auch Schlechtes gehört hatte.

Respekt und Pfefferspray

In Köln besichtigten wir den Dom und machten Fotos, während Menschen beteten. Das überraschte uns etwas. In Afrika würden wir das aus Respekt vor den Gläubigen nicht machen.

In Deutschland fühle ich mich sehr sicher. Ich kann als Frau problemlos allein abends durch die Stadt laufen. In Afrika wäre ich extra vorsichtig und hätte mein Pfefferspray fest umklammert.

Ich freue mich schon sehr, wenn es im März in Südafrika weitergeht und ich den deutschen Stipendiaten das Land zeigen kann. Ich bin zwar in Simbabwe aufgewachsen, studiere aber in Südafrika. Dort gibt es so viel zu sehen: die großen Städte, die tolle Natur. Aber ich möchte, dass sie auch sehen, welche Probleme es gibt, wie groß die Kluft zwischen Arm und Reich ist. Wer in Deutschland arm genannt wird, wäre in Südafrika eine ganz normale Person.

Im Augenblick bin ich erst mal wieder in Deutschland zu Besuch. Unter den deutschen Stipendiaten habe ich nämlich einen ganz besonderen Menschen getroffen. So war das mit dem interkulturellen Austausch wohl ursprünglich nicht geplant!"

Matthias aus Deutschland: "Mir fiel auf, wie ähnlich wir uns waren"

Matthias Roth, 29, flog im Münchner Schneechaos ab - und landete bei 30 Grad in Accra

Matthias Roth, 29, flog im Münchner Schneechaos ab - und landete bei 30 Grad in Accra

Foto: Rhaban Schulze Horn

"Ich habe mich schon immer für Afrika interessiert, auch weil ich eine Tante in Südafrika habe. Über Westafrika wusste ich aber noch nicht viel, bevor ich mich für den Austausch beworben hatte.

Die erste Woche verbrachten wir abgeschieden im Kloster Seeon am Chiemsee. Ein deutscher und ein afrikanischer Stipendiat teilten sich ein Zimmer. Mir fiel auf, wie ähnlich wir uns waren. Wir sind alle in der gleichen Lebenssituation, studieren, sind etwa gleich alt. Mit einem afrikanischen Stipendiaten ging ich morgens immer Joggen, das war für ihn genauso normal wie für mich.

In Seeon hatten wir ein dichtes Programm, jeden Tag mehrere Vorträge, Workshops und Diskussionsrunden zu Deutschland: Geschichte, deutsche Afrikapolitik, aber auch aktuelle Themen wie die alternde Gesellschaft.

Korrupte Polizisten? Nicht in Neukölln!

Anschließend fuhren wir nach Berlin und Köln, waren etwa im Bundestag oder bei Siemens. Es war aber keine Tour durch eine schöne heile Welt, wir waren auch dort, wo es Probleme gibt.

Mit Joseph aus Sierra Leone war ich einen Tag auf einer Polizeiwache in Berlin-Neukölln. Da habe ich wieder deutlich gemerkt, wie groß die Unterschiede sind. Nachdem die Polizeibeamten uns erklärt hatten, wie die Arbeit auf dem Revier aussieht, erzählte Joseph, dass man der korrupten Polizei in Sierra Leone nicht vertrauen könne. Ob denn auch deutsche Polizisten korrupt seien. Die Polizeibeamten und ich bemühten uns, ihm zu versichern, dass es hier doch deutlich anders sei.

Als ich ein halbes Jahr später in Accra gelandet bin, konnte ich nachvollziehen, wie anstrengend der Start in Deutschland für die afrikanischen Stipendiaten gewesen sein musste: Allein schon die 40 Grad Temperaturunterschied! Ich war in München in einem irren Schneechaos abgeflogen, in Accra waren es über 30 Grad.

Erkenntnis: Im Moloch gibt es auch schicke Bürohäuser

Wir deutschen Stipendiaten hatten vorher zwar nicht diese Afrika-Klischees von Krieg und Safari-Romantik im Kopf, trotzdem habe ich vor Ort manches Bild korrigiert: So hatte ich zum Beispiel gedacht, Lagos sei der Mega-Moloch und würde im Smog und Verkehrschaos versinken. Als wir dort waren, habe ich aber auch schicke neue Bürohäuser gesehen, gar nicht weit entfernt von den riesigen Slums.

Einheimische haben uns auch durch einen Slum geführt - eine sehr bedrückende Erfahrung. Insgesamt beeindruckte mich aber, wie herzlich und gastfreundlich die Menschen waren.

Seit meiner Rückkehr versuche ich mich auf dem Laufenden zu halten, was in Ghana und Nigeria passiert. In den deutschen Medien erfährt man leider wenig. Nur, wenn es schlimme Krisen gibt, wird berichtet, ansonsten ist Afrika kein Thema."

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