Deutsch in der Fremde Der Wald ist nicht genug

In "Ein Fisch namens Wanda" läuft die schöne Schurkin heiß, wenn Komplize Otto Italienisch radebrecht. Ganz ähnlich ging es einer jungen Amerikanerin beim Date mit Philipp Kohlhöfer: Deutsch brachte Lori mächtig in Wallung - höchste Zeit, mal über den deutschen Wald zu reden.
Ein Mann, ein Wald: "Der Deutsche an sich ist so unglaublich sexuell"

Ein Mann, ein Wald: "Der Deutsche an sich ist so unglaublich sexuell"

Foto: ? Fred Prouser / Reuters/ REUTERS

Waren Sie schon mal in Columbus, Ohio? Ich lernte dort den deutschen Wald besser kennen.

Alles begann, als ich einen Club namens "The Red Zone" besuchte. Es war laut und dunkel. Das Licht reichte allerdings aus, um auf eine Frau aufmerksam zu werden, die etwas entfernt stand.

Ich sah sie an, was sie bemerkte. Sie kam auf mich zu. "Hallo", sagte sie. Ich hob meine Bierflasche zur Begrüßung. "Ich bin Lori." Sie sagte noch irgendetwas anderes. Ich verstand kein Wort. Mein Nebenmann nutzte die Gelegenheit um sich ins Gespräch einzubringen. Ich hatte ihm ein Bier ausgegeben, und das war der Dank. Sie solle mir das verzeihen, ich sei eben Exot, in Deutschland, dem Land, aus dem ich komme, sei es so, dass Leute eher unfreundlich seien und sich grundlos belästigt fühlten, wenn man sie anspreche.

"Aus Deutschland?", fragte sie.

Sie kam einen Schritt näher. Sie sagte: "Ich muss mich mit dir unterhalten." Sie legte ihre Hand auf meine. "Über den Wald." Sie nahm mich am Unterarm. Lori ging mir etwa bis zum Knie und hatte langes blondes Haar. Sie zog mich in eine Ecke, die mit Sofas eingerichtet war. Wir setzten uns.

Sie sah mich an. "Deutschland", sagte sie nach einer Weile. Sie betonte es, als habe sie eine Erscheinung gehabt. "Ihr Deutschen seid so toll. Ihr kämpft zweimal gegen die ganze Welt, zweimal werdet ihr besiegt, und zweimal kommt ihr mächtiger zurück als je zuvor." Sie glaube, sagte sie, dass der deutsche Wald uns die Kraft dazu gebe.

Damals, bei den Barbaren

"Na ja", sagte ich und versuchte es politisch korrekt, ich könnte ja auch Franzose sein, das würde an meinem Charakter ja nichts ändern. Sie verzog das Gesicht. Franzosen seien anders, "das sind eben keine Deutschen". Außerdem gebe es in Frankreich keinen deutschen Wald.

Mir fiel eine Erwiderung einigermaßen schwer. Ich hätte natürlich ganz humanistisch-evolutionär mit der gemeinsamen Abstammung aller Menschen und vermutlich auch aller Baumsamen argumentieren können, ließ das aber bleiben, weil sie mir die Hand auf den Oberschenkel legte, weswegen mir eine sachliche Konzentration auf die Inhaltsebene des Gesprächs schwer fiel.

Ihr Griff wurde fester. Sie begann über Eichen, Buchen, Eschen und das ganze Blätterzeug zu schwadronieren und verstieg sich in eine botanische Führung durch den deutschen Wald. "Der Schwarzwald gefällt mir besonders gut", sagte sie.

Ich fragte, wann sie in Deutschland gewesen sei und wo sie sich denn in die Bäume verliebt habe. Ich wollte Smalltalk machen, bevor es zum eigentlichen Ziel des Abends überging. Sonst strengt man sich an wie verrückt, dachte ich, geht ins Fitnessstudio, trinkt, tanzt, in öden Discotheken redet man unsinnigen Kram mit semiklugen Mädchen, das alles nur, um Sex zu haben, und hier reichte es, einfach meinen deutschen Pass vorzuzeigen.

"Früher", sagte sie. Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte. Sie holte tief Luft und erzählte, dass sie damals, als sie für die deutschen Fürsten die Lanze schwang, den dichten Forst ins Herz geschlossen habe. Die Ruhe der Bäume gebe Kraft, das dichte Blätterdach schütze vor Feinden, außerdem finde man seine spirituelle Mitte leichter, sei man von starken Bäumen umgeben. Sie sagte: "Ich habe es genossen, dort gegen die Barbaren zu kämpfen. Der Geruch des frischen Laubes ist mir noch heute in der Nase."

"Der Deutsche an sich ist so unglaublich sexuell"

Ich trank mein Bier mit einem Schluck aus. Um etwas zu sagen, sagte ich: "Im Harz ist es auch ganz nett." Ich verstieg mich zu der Aussage, dass der deutsche Wald ohne den deutschen Singvogel nur halb so schön wäre, woraufhin sie nickte. Unser ornithologisches Gespräch verlief allerdings eher schleppend. Ich beschloss zu gehen.

Lori gab mir ihre Telefonnummer.
Natürlich rief ich am nächsten Tag an.
Es klingelte nur einmal.

"Gut, dass du anrufst", sagte sie. "Ich habe gerade geduscht und stehe nackt auf dem Flur." Ich bedankte mich für die Detailinformation. Wir verabredeten uns auf einem Parkplatz. Als sie schließlich in einem silbernen VW Jetta vorfuhr und ich zu ihr ins Auto gestiegen war, sagte sie in chronologischer Reihenfolge folgende Sätze:

1. "Meine Katze heißt Schnitzel."
2. "Ich liebe den deutschen Wald so sehr."
3. "Der Rhein ist ein wahrhaft ritterlicher Fluss."
4. "Bismarck müsste wiederkehren."
5. "Der Deutsche an sich ist so unglaublich sexuell."

Endlich wurde es konkret. Ich rutschte nervös im Autositz hin und her.

In ihrer Wohnung in einem Vorort sah es aus wie in einem deutschen Heimatmuseum. Sie hatte mehrere Sofas, auf jedem von ihnen lagen Kissen, alle in der Mitte aufgeschlagen. An der Wand hingen Bilder von Kornfeldern. Hinten links lagen Bildbände. Darin mühten sich Arbeiter in Kohlebergwerken, ich erkannte das Ruhrgebiet. Andere Arbeiter bauten Schiffe zusammen, Kaiser Willhelm lief durch Berlin und irgendwelche Kolonialbeamten standen irgendwo in Afrika.

Lori geht schon mal duschen...

Die schwere Last des Landes schlug mir irgendwie aufs Gemüt. Ich konnte kaum atmen vor Geschichte. Schnitzel kam aus irgendeinem Zimmer und schmiegte sich an mein Bein. "Ich gehe schon mal duschen", flötete Lori aus dem Hintergrund.

Weil ich funktionslos im Raum stand wie eins der alten Sofas, ging ich dem Duschgeräusch nach in den ersten Stock. An der Wand der Treppe hingen Zeitungsausschnitte: "Wehrmacht überrennt Frankreich". Lori bemerkte mich und rief aus der Dusche, dass ich doch schon mal ins Schlafzimmer gehen könne. Ich tat wie befohlen. An der Tür hing ein Poster der "Einstürzenden Neubauten" und über dem Bett die kaiserliche Reichkriegsflagge. In der Ecke, rechts hinten neben dem Schreibtisch, stand eine Ritterrüstung. Links neben der Zimmertür hing eine dieser bayrischen Gamsbockmützen. Das Fenster war mit einer Deutschlandfahne bedeckt, diesmal die aktuelle in Schwarz, Rot, Gold.

Ich setzte mich auf das Bett, sank bis fast auf den Boden durch, stand wieder auf und machte die Stereoanlage an. "Rammstein" dröhnte los, und Lori kam headbangend ins Zimmer. Sie trug eigentlich nichts, jedenfalls nicht wirklich. Ihr weißes Nachthemd war so transparent und dünn, dass sie auch darauf hätte verzichten können.

Sie wies mich an, mich auf das Bett zu setzen. Sie sagte diversen Deutschland-Kram: Wir seien so gut organisiert, alles sei ordentlich bei uns und sauber, und wenn wir was anpacken würden, wir Deutschen, dann würden wir es, verdammt noch mal, auch richtig machen. Ich war zu erschöpft, um noch etwas zu erwidern. Und was sie besonders mochte an Deutschland… "Der Wald", ich fiel ihr ins Wort, und sie gurrte entzückt.

...und röhrt wie ein Hirsch

Sie öffnete den Schrank und nahm eine Flasche mit Schnaps heraus. Sie gab mir die Flasche, was ich als Aufforderung zum Trinken missverstand. Als ich jedoch einen kräftigen Schluck nahm, wurde sie sehr unwirsch: "Was soll denn das? Lies das Etikett."

Es war mehr ein Befehl als eine Bitte. Sie setzte sich neben mich. Ich drehte die Flasche in meiner Hand und betrachtete sie. Ein Pferd war darauf abgebildet. Der Schnaps war in Hannover gebrannt, und dank des netten Bildes auf der Flasche erfuhr ich endlich mal, dass Niedersachsen ein großes Pferdeland ist. Sie bat mich, die Zutaten des Getränkes vorzulesen. Ich tat es, Lori rückte mit jedem Wort näher an mich heran. Sie kommentierte Worte wie "Zucker" mit "yeahh" und "Wasser" mit "oohh". Bald gingen die Töne in ein Stöhnen über, sie röhrte jetzt wie ein Hirsch.

Und dann fing sie an, mich anzufassen.

Endlich, dachte ich. Jetzt hatte sich der ganze Aufwand gelohnt. Ich klopfte mir in Gedanken auf die Schultern. Ich lies mich nach hinten auf das Bett sinken. Ich schloss die Augen… nur, um sie Sekunden später wieder zu öffnen. Das Anfassen hatte eher einen experimentellen Hintergrund denn einen Sexuellen. Sie betatschte mich wie ein Kind, das zum ersten Mal in seinem Leben etwas Neues entdeckt. "Deutsch", sagte sie gurgelnd.

Ich sprang auf. Ich nahm einen großen Schluck Schnaps, lief am Atlantikwall vorbei, durchs Heimatmuseum, fiel über ein aufgeschlagenes Kissen und entdeckte, dass an der Innenseite der Haustür ein Bild von Helmut Kohl hing. Nichts wie raus.

Als ich auf der Straße stand und ein Taxi rief, hörte ich sie hinter mir rufen. Ich drehte mich um. "Schade, dass du schon aufbrechen musst. Gib mir doch deine Telefonnummer. Dann komme ich nach Deutschland, und wir bringen die Sache zu Ende." Schließlich habe sie noch deutsche Briefe einer Freundin, die ihr jemand vorlesen müsse.

Am besten im Wald.


Dieser Text ist ein Auszug aus Philipp Kohlhöfers neuem SPIEGEL-ONLINE-Buch . Darin beschreibt er höchst subjektiv deutsche Vorlieben und Eigenarten, die ihm im In- und Ausland begegneten.

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