Rechtsextremismus-Vorwurf Burschenschafter fechten Streit juristisch aus

Der Bruderzwist in der Deutschen Burschenschaft landet vor Gericht: Ein hoher Funktionär will sich nicht als "Kopf einer rechtsextremen Bewegung" bezeichnen lassen und geht deshalb gegen einen liberalen Burschenschafter vor. Das Verfahren verspricht Einblicke in ein verschlossenes Milieu.
Burschentag in Eisenach: Marsch nach rechts

Burschentag in Eisenach: Marsch nach rechts

Foto: dapd

Geschlossenheit und Verschwiegenheit nach außen gehörten zu den wichtigsten Grundsätzen von überzeugten Burschenschaftern. Doch der Streit über rechtsextreme Auswüchse innerhalb der Deutschen Burschenschaft (DB), des Dachverbands der Szene, ist längst so eskaliert, dass solche Regeln nicht mehr gelten. Jetzt landet er vor Gericht - und damit in der Öffentlichkeit.

Das Bonner Landgericht wird sich am Mittwoch mit dem Streit zweier Burschenschafter beschäftigen, an denen sich der politische Konflikt erzählen lässt, der die DB spaltet. Der Prozess könnte Einblicke in ein Milieu liefern, das von Kritikern als Sammelbecken für Rechtsextreme gesehen wird.

Da ist auf der einen Seite Christian J. Becker, Gründer der Initiative "Burschenschafter gegen Neonazis", eher ein liberal-konservativer Mann. Er schreibt für das Blog Quovadis Buxe  über rechtsextreme Aktivitäten seiner Verbandsbrüder.

Da ist auf der anderen Seite Norbert Weidner, "Schriftleiter" der Verbandszeitung "Burschenschaftliche Blätter" und somit einer der höchsten Funktionäre, dessen Abwahl beim vergangenen Burschentag scheiterte. Und gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt, weil er den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer gegen die NS-Diktatur, Dietrich Bonhoeffer, öffentlich einen Landesverräter genannt hatte. Wie Weidners politische Einstellung genannt werden darf, auch darum geht es in dem Prozess.

Ab wann gilt jemand als rechtsextrem?

Denn Weidner will Becker unter anderem verbieten lassen, ihn als einen der "Köpfe einer rechtsextremen Bewegung" zu bezeichnen, die aus Burschenschaften, NPD und Kameradschaften bestehe. Laut Weidner gibt es eine solche Bewegung nicht, er könne also nicht ihr Kopf sein. Bis zu 250.000 Euro soll Becker zahlen, wenn er die Behauptung wiederholt.

Weidner ist nicht irgendein Burschenschafter, er hat eine durchaus einschlägige Vergangenheit: Er war in seiner Jugend und als junger Erwachsener in rechtsextremen Organisationen aktiv, die mittlerweile verboten sind. Unwidersprochen ist, dass er nach Aktivitäten in der rechtsextremen "Wiking-Jugend" zu einem der führenden Köpfe der militanten Neonazi-Szene aufstieg und zum Funktionär der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP). Als die FAP im Februar 1995 verboten wurde, fungierte Weidner als Landesgeschäftsführer in Nordrhein-Westfalen. Kurz darauf verließ er die militante Neonazi-Szene - legte aber in Interviews mit mehreren Tageszeitungen Wert darauf, er sei nicht ausgestiegen, sondern habe sich lediglich zurückgezogen.

Dazu teilt Weidner jetzt SPIEGEL ONLINE mit, er sei seit dem Ende seiner FAP-Zeit "kein Rechtsextremist mehr" und lehne Extremismus ab. Er gehe gegen Becker vor, weil er 17 Jahre lang "keine derartigen Aktivitäten entfaltet" habe und nicht "plötzlich wieder als extrem wahrgenommen werden möchte".

Warum betonte er dann damals so sehr, er ziehe sich lediglich zurück? "Seinerzeit war der Begriff 'Aussteiger' eben mit Personen verbunden, die andere an Antifa, Verfassungsschutz oder Presse ausgeliefert haben", so Weidner. "Daher habe ich es Rückzug genannt." Ein Geläuterter, aber kein Verräter, das ist die Botschaft. Wie glaubhaft solche Aussagen sind, wird sich vor Gericht zeigen müssen.

Wie zwei Bundesbrüder vor Gericht landeten

Weidner sitzt auch im Vorstand der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn. Diese war immer wieder massiv kritisiert worden, unter anderem wegen der rassistischen "Ariernachweis"-Anträge im vergangenen Jahr. Sein Antipode Becker, ebenfalls Mitglied der Raczeks, will Weidner im Verfahren rechtsextreme Verflechtungen nachweisen. "Für uns ist der Prozess nur der Auftakt im Kampf gegen den akademischen Rechtsextremismus", kündigt Becker an.

Dass zwei Mitglieder des gleichen Bundes öffentlich über rechtsextreme Gesinnung streiten, ist bezeichnend für den schlechten Zustand der Burschenschaften - insbesondere in ihrem größten Dachverband DB, dessen Spaltung bereits begonnen hat.

Zwar vertagte sich der Burschentag unmittelbar nach dem erneuten Eklat um Weidner im Juni, Ende November soll er fortgesetzt werden. Offiziell wollen die Burschenschafter bis dahin ausloten, wie es gemeinsam weitergehen könne. Doch laut mehrerer führender liberaler Burschenschafter sind es wohl eher Scheidungsgespräche, die die Vertreter der zerstrittenen Flügel führen: Für sie steht so gut wie fest, dass Dutzende liberalerer Bünde in den nächsten Monaten die DB verlassen werden. Käme es so, würde sie nur noch 70 der rund 300 Burschenschaften im deutschen Sprachraum vertreten - und wäre wohl endgültig zum Sammelbecken Rechtsextremer und ihrer Apologeten geworden.

Dementsprechend groß ist das Unbehagen, mit dem liberale Burschenschafter die Vorgänge in der DB betrachten - und ebenso groß das Interesse, mit dem sie das Blog von Beckers Initiative Burschenschafter gegen Neonazis verfolgen. Zwar sind einige nicht glücklich über den Ton, er sei ihnen zu aggressiv und schrill. Inhaltlich aber scheint das Blog unter den liberaleren Burschenschaftern eine hohe Glaubwürdigkeit zu genießen, soweit es rechtsextreme Ausfälle von Verbandsbrüdern dokumentiert.

Dass der Bundesbrüder-Zwist nun vor Gericht geht, ist manchen der Liberalen durchaus lieb. Nun müssten die rechtsextremen Burschenschafter öffentlich und außerhalb ihrer geschützten Zirkel zu ihrer Gesinnung stehen. Und auch ein eventueller Sieg Weidners würde nichts an dessen schlechtem Ruf bei den liberalen Burschen ändern.

Weidner sieht das anders. Die Vorgänge beim letzten Burschentag sieht er als basisdemokratische Entscheidung. Dass nicht alle Beteiligten damit zufrieden seien, "ist keine Besonderheit der Deutschen Burschenschaft". Er glaube, dass nicht er, sondern sein Gegner Becker in der "Verbindungslandschaft völlig isoliert" sei.

Zumindest bei den Raczeks, in deren Vorstand Weidner sitzt, ist Becker nicht mehr gern gesehen. Gegen ihn läuft bereits ein Ausschlussverfahren, im August setzen die Raczeks Becker dann wohl endgültig vor die Tür.

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