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Deutsche NC-Flüchtlinge Piefkes schlauer als Ösis

Mit einer trickreichen Quotenregelung schützt Österreich seine Unis vor deutschen Numerus-clausus-Flüchtlingen. Vergleichstests zeigen, dass österreichische Bewerber die Protektion auch nötig haben: Im freien Wettbewerb um Medizin-Studienplätze hätten Deutsche die Nase vorn.
Von Benedikt Mandl
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine dubiose Quotenregelung für den Zugang an österreichische Universitäten sollte auch künftig den bevorzugten Zugriff der einheimischen Studenten auf die Studienplätze in ihrem Land sichern. Die umstrittene Quote reserviert 75 Prozent aller Studienplätze in medizinischen Fächern für Bewerber mit österreichischen Maturazeugnissen.

Ein im Juli durchgeführter Eignungstest für Studienplätze in Medizin zeigt nun, dass sich die Quotenregelung lohnt - zumindest für die Österreicher: Ohne Quote und streng nach Leistung ausgewählt, würden sie nur 46 Prozent der Studienplätze erstreiten. Über 50 Prozent der Plätze würden stattdessen an andere EU-Bürger gehen, an erster Stelle an Numerus-clausus-Flüchtlinge aus Deutschland.

Den ganztägigen "Eignungstest für das Medizinstudium" führten die Universitäten Innsbruck und Wien durch, um die Vergabe von insgesamt 1140 Studienplätzen zu regeln. Stolze 3645 Bewerber stellten sich dem Test, der kein Schulwissen prüft, sondern für das Medizinstudium relevante Fähigkeiten. Dazu gehören etwa naturwissenschaftliches Grundverständnis, räumliches Denken oder der Umgang mit Zahlen, Formeln und Einheiten.

Österreichische Bewerber abgehängt

Das Ergebnis ist blamabel für die Ösis: Die drei besten Resultate erzielten Deutsche, obwohl sich im Spitzenfeld Studienbewerber beider Länder die Waage halten. Der beste Österreicher landete auf Platz vier. Dabei bestand die Konkurrenz vor allem aus Deutschen, deren schlechte Abi-Noten ein Studium zu Hause vereitelten. Deutsche Studienbewerber mit gutem Abi nahmen erst gar nicht an dem Test teil.

Doch dank der Quote, die der österreichische Nationalrat im März dieses Jahres beschloss, stehen nur 20 Prozent der Studienplätze EU-Bürgern ohne Maturazeugnis zu, fünf Prozent gehen an Bewerber von außerhalb der EU.

Dieser Piefkefilter war notwendig geworden, nachdem der Europäische Gerichtshof im Juni 2005 eine Vorzugsbehandlung für Österreicher bei der Vergabe von Studienplätzen klipp und klar verbot: "Nach ständiger Rechtsprechung verbietet der Grundsatz der Gleichbehandlung nicht nur offensichtliche Diskriminierungen aufgrund der Staatsangehörigkeit, sondern auch alle versteckten Formen der Diskriminierung, die durch Anwendung anderer Unterscheidungsmerkmale tatsächlich zu dem gleichen Ergebnis führen."

Um das Urteil der Luxemburger Richter zu umgehen, schob Bildungsministerin Elisabeth Gehrer eine "Störung der Homogenität des Bildungssystems" vor. Diese Störung sei im letzten Herbst durch den Ansturm deutscher Studenten entstanden, was Österreicher in ihrem Recht auf Bildung beschneide. Bei den medizinischen Fächern bedeute das auch, dass langfristig die ärztliche Versorgung der Bevölkerung gefährdet sein könnte. Daher, so die Argumentation der Ministerin, sei eine Quotenregelung gerechtfertigt.

Europarechtsexperten sehen das kritischer als die Regierung: Einen "interessanten Versuch, das diskriminierende Element zu reduzieren" nannte Hubert Isak die neue Regelung in der "Wiener Zeitung". Der Leiter des Instituts für Europarecht an der Universität Graz würde auf den Ausgang einer neuerlichen Prüfung durch den EuGH aber nicht wetten.

Vorläufig gilt die Quote als Provisorium für zwei Jahre. Selbst als Verlegenheitslösung würde die Regelung aber ihren Zweck erfüllen und bis zu den nächsten Nationalratswahlen im Oktober halten.

Neben den Universitäten Wien und Innsbruck bietet auch Graz ein Medizinstudium an. Dort müssen sich Bewerber am 1. September einem Multiple-Choice-Test unterziehen. Auch in Graz werden drei Viertel der Studenten letztendlich aus Österreich kommen.

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