Deutscher Schuhwerfer in Cambridge Prozessauftakt hinter Panzerglas

Zwischen Posse und Politik: Weil er mit einem Schuh nach dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao warf, steht ein deutscher Doktorand in Cambridge vor Gericht - hinter Panzerglas.

Von Sebastian Borger, Cambridge


Cambridge - Ken Sheraton sieht aus, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Wahrscheinlich würde der Richter am Magistratsgericht der englischen Universitätsstadt Cambridge lieber in der strahlenden Frühsommersonne sitzen.

Sicherheitsmann mit Corpus Delicti: Schuh auf Premier
AP

Sicherheitsmann mit Corpus Delicti: Schuh auf Premier

Stattdessen muss Sheraton im Verhandlungssaal 4 ein Verfahren leiten, in dem es um hehre Dinge wie Meinungs- und Demonstrationsfreiheit geht ebenso wie um handfeste Wirtschaftsinteressen der Handelsnation Großbritannien. Wenigstens funktioniert die Klimaanlage.

Auf der Anklagebank, vom übrigen Gerichtssaal durch Panzerglas abgetrennt, sitzt der deutsche Doktorand Martin J., 27, im dunklen Anzug und Krawatte. "Bitte verstehen Sie, dass ich jetzt nichts sagen kann", hat er SPIEGEL ONLINE vor Verhandlungsbeginn gesagt. Eine Frage des Gerichtsdieners beantwortet er mit "Ja", ansonsten bleibt der schmale Deutsche wortkarg - ganz anders als an jenem Februarabend, um den es in der heutigen Verhandlung geht. Da unterbrach er die Rede des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao an der Elite-Uni mit dem Pfiff aus seiner Trillerpfeife und protestierte: "Dies ist ein Skandal. Wie kann sich die Universität für diesen Diktator prostituieren?"

"Bedrohliches und beleidigendes Verhalten"

Im Gerichtssaal wird die Szene gezeigt, in der die zahlreichen Chinesen im Publikum den Protestierer rasch niederschrien. Dann zog sich Martin J. den grauen Adidas-Schuh vom linken Fuß und warf ihn in Richtung des Redners; der Treter landete etwa einen Meter vom Podium entfernt. Dieses Verhalten - offenbar eine Kopie des irakischen Journalisten, der den damaligen US-Präsidenten George Bush mit beiden Schuhen beworfen hatte - stellt laut Anklage "bedrohliches oder beleidigendes Verhalten" dar; im schlimmsten Fall steht darauf sechs Monate Gefängnisstrafe und 5000 Pfund Geldbuße. Außerdem könnte Martin J. seinen Platz an der weltweit berühmten Elite-Uni verlieren.

Am ersten Verhandlungstag geht es freilich weder um die Motive des Schuhwerfers noch um die Menschenrechtsverletzungen der kommunistischen Diktatur. Auf der Anklagebank - jedenfalls im übertragenen Sinn - sitzt die Staatsanwaltschaft. Sie muss sich gegen den Verdacht verteidigen, sie habe die Anklage nur deshalb vorangetrieben, um der chinesischen Führung einen Gefallen zu tun.

Gleich als erste Zeugin wird die zuständige Bezirksstaatsanwältin vernommen. Sie muss erklären, warum dem deutschen Doktoranden der Prozess gemacht wird - schließlich, argumentiert der Verteidiger, habe doch kürzlich in London eine Ökoprotestlerin dem Wirtschaftsminister Peter Mandelson grüne Lebensmittelfarbe ins Gesicht geworfen und sei mit einer Verwarnung davongekommen. Dazu könne sie nichts sagen, erläutert Punam Milhan: "Jeder Fall unterliegt einer Einzelprüfung."

Besteht ein öffentliches Interesse an dem Fall?

Dabei musste Milhan auch abwägen, ob öffentliches Interesse an der Verurteilung des Deutschen bestehe. Das bejahte die Bezirksstaatsanwältin. Gab es politische Einflussnahme? "Kategorisch nein", sagt die Staatsanwältin: Kommunikation mit der Regierung in London habe es nicht gegeben. Höchstens mit der Anwaltskanzlei, die im Auftrag der chinesischen Botschaft arbeitet.

Deren Angestellte haben fleißig gearbeitet: Gleich am ersten Verhandlungstag kommen zwei chinesische Studenten als Zeugen zu Wort, deren Aussagen Wochen nach dem Protest zu Protokoll genommen wurden. Brav sagen Honan Wang und Tongyan Lee aus, sie hätten sich von Martin J. gestört, ja sogar ein wenig bedroht gefühlt. "Und trotzdem ließen Sie ihn aus den Augen?" fragt der Verteidiger ungläubig, als Wang einräumt, er habe den Schuhwurf gar nicht gesehen.

Da sieht Richter Sheraton schon wieder so aus, als wollte er lieber ganz woanders sein. Wozu auch der ganze Aufwand? Normalerweise kümmert sich die Uni um disziplinarische Vergehen ihrer Studenten. Brav hat sich der Biochemiker, der im Pathologie-Institut arbeitet, bei der chinesischen Botschafterin in London entschuldigt: Er habe "nicht die Absicht gehabt, das chinesische Volk zu beleidigen". Den Vorwurf, bei Wen Jiabao handele es sich um einen Diktator, ließ Martin J. unerwähnt - das fällt in Großbritannien unter die Meinungsfreiheit.

Devote Blicke nach China

Die Vizekanzlerin Alison Richard ließ es hingegen nicht an Devotheiten gegenüber dem hohen Gast vermissen. Immerhin studieren jedes Jahr mindestens 600 Chinesen in Cambridge; ihre Studiengebühren liegen deutlich höher als die Beiträge, die britische und EU-Studierende entrichten müssen. Im 800. Jubiläums-Jahr der Institution versucht Cambridge intensiv weitere Studenten aus Hongkong zu gewinnen. Eine dauerhafte Verstimmung der kommunistischen Machthaber wollen die Uni-Verantwortlichen ebenso wenig provozieren wie die britische Regierung unter Premierminister Gordon Brown, der sich ebenfalls schriftlich bei Wen Jiabao entschuldigte.

Viel spricht dafür, dass Richter Sheraton und sein Angeklagter deshalb im Gerichtssaal schmoren müssen. Die Verhandlung soll noch bis Mittwoch andauern.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.