Deutscher Studienpreis Wie aus Mode Wachstum wird

Garderobe kommt ohne Kleidergrößen aus, Grundeinkommen fördert Kreativität, und ein Arbeitsplatz ist wichtiger als das Gehalt - für undogmatische Beiträge zum Thema "Ausweg Wachstum?" schüttete die Körber-Stiftung 100.000 Euro an junge Forscher aus.

Ist Wachstum wirklich der einzige Ausweg? Das wollte die Körber-Stiftung im Wettbewerb um ihren Deutschen Studienpreis 2006 wissen. 260 Antworten wurden von jungen Wissenschaftlern eingesandt, und bis zur letzten Minute blieb es spannend für die 15 Forscher und Studenten, die es in die Finalrunde geschafft hatten. Am Wochenende präsentierten sie der Jury ihre Ideen und konkurrierten damit um die fünf ersten Preise.

Nun stehen die Spitzenpreisträger der Körber-Stiftung zum Thema "Ausweg Wachstum?" fest: Die mit jeweils 5000 Euro dotierten ersten Preise wurden heute im Leibnizsaal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften an eine Frau und fünf Männer übergeben, die besonders undogmatische und originelle Alternativen zum Wirtschaftswachstum aufgezeigt hatten. 

Die Berliner Modedesignerin Elena Kikina etwa legte als einzige der fünf Erstplatzierten keine theoretische Arbeit vor, sondern reichte eine Modekollektion ein. Ihre Diplomarbeit "Schnittstelle" reduziert Materialverbrauch und Arbeitsaufwand bei der Herstellung von Bekleidung. Der Trick: Kikinas Schnitte basieren auf einfachen geometrischen Formen, so dass der Materialausschuss besonders gering bleibt. Die Kleidungsstücke werden nicht in verschiedenen Größen hergestellt, sondern können über Verschlüsse und flexible Materialien dem Körper angepasst werden. Mit diesen Mitteln, so Kikinas Idee, könnten hiesige Kleidungshersteller gegen die Billigkonkurrenz aus Fernost bestehen.

Der Germanist und Volkswirt Philipp Krohn aus Köln analysierte die Wachstumsmetaphern, mit denen deutsche Politiker über die Wirtschaftslage debattieren. Er untersuchte anhand von Bundestagsdebatten, welche sprachlichen Bilder Politiker benutzen, wenn sie als einzigen Ausweg Wachstum propagieren. Trotz unterschiedlicher politischer Konzepte, so Krohns These, bleiben Politiker stets derselben Sprache treu. Dieser Jargon idealisiert wirtschaftliches Wachstum und stellt Ökonomie als menschlichen Organismus dar, der je nach Lage als "gesund" oder "krank" bezeichnet wird.

Dass nicht nur Geld glücklich macht, ist das Ergebnis des Göttinger Volkswirts Peter Schwarz. Er untersuchte den Zusammenhang von wirtschaftlichem Wohlstand und Lebenszufriedenheit: Ob jemand einen Arbeitsplatz hat oder nicht, ist für das Lebensglück demnach entscheidender als die Höhe des Einkommens. Schwarz konnte außerdem nachweisen, dass es für das Wohlbefinden des Einzelnen besonders wichtig ist, sich im Vergleich zu anderen gut positioniert zu wissen – wichtiger sogar als die Gesundheit.

Studienpreis-Gewinner Tobias Lorenz aus Stuttgart plädiert für ein bedürfnisunabhängiges Grundeinkommen. Wer nämlich produktiver werden wolle, müsse zunächst kreativer werden – das aber gehe nicht ohne ein vom Staat finanziertes Grundeinkommen. Um mögliche Folgen einer solchen Reform abzuschätzen, schlägt der BWL- und Informatikfachmann den Einsatz seiner speziellen Computersimulation vor.

Einen neuen, an der Endlichkeit der Ressourcen ausgerichteten Wachstumsbegriff fordern die Philosophie-Studenten Emilio Marti und Marius Christen (Basel/Leipzig/Berlin). Sie zeigen, dass das heute verbreitete Konzept von Wachstum nach wie vor vom unbegrenzten Forschrittsglauben des industriellen Zeitalters geprägt ist.

Die Preise übergaben der ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin und Wolf Schmidt, Mitglied des Vorstands der Körber-Stiftung. Nida-Rümelin machte bei der Verleihung darauf aufmerksam, dass die Bewerberzahl für den Studienpreis deutlich zurückgegangen sei. In einem zunehmend verschulten Universitätssystem hätten Studenten kaum mehr die Möglichkeit, sich Spielräume für solche Forschungsprojekte zu erarbeiten. Insgesamt gehe damit das Reflexionsniveau in der deutschen Hochschullandschaft zurück.

Trotzdem soll mit dem Deutsche Studienpreis, der seit 1996 von der Körber-Stiftung vergeben wird, noch lange nicht Schluss sein. Der Wettbewerb für junge Forschung möchte Studenten und junge Wissenschaftler weiterhin zu eigenständigen, unkonventionellen und interdisziplinären Forschungsarbeiten ermutigen und eine öffentliche Plattform bieten.

Wer mitmachen will und noch keine 30 Jahre alt ist, kann sich jetzt schon auf  www.studienpreis.de  für den nächsten Preis bewerben. Das Thema: "Mittelpunkt Mensch? Leitbilder, Modelle und Ideen für die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben."

cpa/dpa

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