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27. Januar 2018, 09:39 Uhr

Jugendliche pflegen Eltern

Sorge und Scham

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230.000 junge Menschen kümmern sich in Deutschland um ihre kranken Eltern. Der Einsatz überfordert viele - und prägt ihre Persönlichkeit.

Erst konnte ihre Mutter den Fuß nicht mehr bewegen, später waren auch die Hände wie gelähmt. Theresa, 25, eine Studierende der Sozialpädagogik aus Hamburg, kann sich genau daran erinnern, wie es begann, damals ging sie noch zur Schule. Heute sitzt ihre Mutter, Mitte 50, im Rollstuhl. Es sind die Folgen einer Hirnerkrankung. "Am Anfang war mir gar nicht bewusst, dass ich pflege", sagt Theresa.

Bald aber prägte die Sorge um die Mutter ihren Alltag. Sie half ihr beim Treppensteigen, beim Zubettgehen, später auch beim Toilettengang. "Wie im Hamsterrad" habe sie sich gefühlt, erzählt sie; abends fiel Theresa erschöpft ins Bett.

Wenn die einen Spaß haben, Sport treiben oder Freunde treffen, sind viele andere Jugendliche damit beschäftigt, Mama oder Papa durch den Tag zu bringen. Etwa 230.000 Heranwachsende in Deutschland pflegen Familienangehörige, meist ein Elternteil. Das hat eine Befragung des Zentrums für Qualität in der Pflege ergeben. Die Mehrheit von ihnen, rund 90 Prozent, hilft mehrmals in der Woche, ein Drittel sogar täglich.

Der Einsatz für die Familie dominiert ihren Alltag - und lastet auf ihrer Psyche. Viele fühlen sich gestresst und überfordert, es mangelt an Gelegenheiten, sich mit Gleichaltrigen zu treffen und auszutauschen. Viele quält auch die Angst, dass die Eltern ins Heim müssen und sie selbst ihr Zuhause verlieren. Denn mitunter verbirgt sich als Grund, warum jemand frühzeitig pflegebedürftig wird, eine Suchtkrankheit oder Depression.

Das Leben pflegender Kinder sei geprägt von innerer Zerrissenheit, sagt die Oldenburger Pädagogin Anna-Maria Spittel: Einerseits kümmerten sie sich gerne um die Eltern, andererseits aber sehnten sie sich danach, Zeit für sich zu haben.

Ioanna, eine junge Frau aus Hamburg, die ihr Studium schon abgeschlossen hat, war Anfang 20, als die Mutter einen schweren Schlaganfall erlitt. Die Frau konnte nicht mehr sprechen, war halbseitig gelähmt, ein Pflegefall mit 51. Ionna verließ selten noch das Haus, die Betreuung der Mutter beherrschte ihr Leben - und isolierte sie zusehends.

Ein Auslandssemester war nicht drin

Wenn sie mal Yoga machte, dann nicht im Fitnessstudio, sondern vor dem Fernseher, auf dem ein Trainingsvideo lief, erzählt sie. "Das war dann schon ein Highlight." Freunde zu sehen war ihr selten möglich, es blieb oft nur das Telefonieren. "Dann hatte man wenigstens das Gefühl: Man ist doch dabei."

Die Pflege der Mutter schränkte sie auch im Studium ein. Zwei Tage die Woche hatte sie sich für den Besuch der Hochschule reserviert, die Mutter war dann in einer Tagespflegeeinrichtung untergebracht. Doch auch diese Zeit ging oft genug für andere Angelegenheiten drauf: Rezepte einlösen, Ärzte aufsuchen, Lebensmittel einkaufen. Immer hatte Ioanna die Sorge, dass sie in einem Seminar dreimal fehlen würde, dann gab es keinen Schein. Gerne hätte sie wie viele ihrer Kommilitonen ein Semester im Ausland verbracht, aber auch das war nicht drin. Nie hat sie einem Professor von den Umständen erzählt, unter denen sie studiert. Dafür war die Scham zu groß.

Wenn Kinder für die Eltern da sein müssen, bedeutet es eine erhebliche Belastung für ihr Fortkommen in Schule oder Ausbildung. Sie fehlen öfter, brauchen meist länger, haben schlechtere Zensuren, letztlich geringere Karrierechancen. Die Schule stelle einen zentralen Ansatzpunkt dar, um solche negative Konsequenzen zu vermeiden, sagt Hanneli Döhner von "Wir pflegen", einer Interessenvertretung pflegender Angehöriger: "Hier muss die Sensibilisierung beim Schulpersonal erhöht werden."

Hilfsangebote für junge Pflegende

Im Ausland geschieht dies bereits. In Großbritannien existiert seit vielen Jahren ein Bewusstsein für die Nöte der "Young Carer", der jungen Pflegenden. Es gibt spezielle Hilfsangebote für Betroffene, sie bekommen eigene Ausweise, die ihnen den Umgang mit Krankenhäusern oder der Schule erleichtern, auch das Parlament beschäftigt sich mit der Situation dieser Gruppe. "Das Thema wird an der Spitze wahrgenommen", sagt Daniel Phelps, Pflegeexperte an der Universität Winchester.

In Deutschland nimmt sich die Politik seit kurzem der Problematik an. Seit Jahresbeginn hat das Bundesfamilienministerium unter www.pausentaste.de ein Angebot für pflegende Kinder und Jugendliche ins Netz gestellt, dort werden Fragen rund um die Pflege beantwortet. Rat finden sie auch telefonisch bei der kostenlosen "Nummer gegen Kummer", sie lautet: 116 111. "Wer anderen hilft, braucht eben manchmal auch selbst Hilfe", wirbt Ministerin Katarina Barley für das Angebot.

Es ist ein hartes Los, das die jungen Pflegenden gezogen haben. Aber die Aufgabe bietet ihnen auch die Chance, daran zu wachsen. Wer in jungen Jahren Pflegeverantwortung übernimmt, ist oft reifer und sozial kompetenter als Gleichaltrige, der lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Theresa jedenfalls bringt nur wenig aus der Ruhe, das habe sie gelernt, sagt sie: "Ich habe heute einen anderen Blick auf Probleme."

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