Deutschlands jüngster Uni-Präsident "Ein Studium sollte entgeltfrei sein"

Jung, jünger, Joybrato Mukherjee: Der erst 35-jährige Professor ist frisch gewählter Präsident der Uni Gießen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Sohn indischer Einwanderer, warum er seine Uni nicht wie ein Unternehmen führen will und er Studiengebühren für falsch hält.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mukherjee, Sie sind mit 35 Jahren zum Präsidenten der Uni Gießen gewählt worden. Das hat in Deutschland so schnell noch keiner geschafft. Sind Sie etwa ein Strebertyp?

Joybrato Mukherjee: Nein, ich bin sicher ehrgeizig, aber so glatt war mein Lebenslauf nicht. Es gab glückliche Fügungen und viele Vorgesetzte, die mich gefördert haben. Und ich bin an unserer Uni gut vernetzt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind im Rheinland geboren und aufgewachsen, haben indische Eltern, die in den sechziger Jahren nach Deutschland kamen. Steckt in Ihrer Karriere eine Botschaft, eine Migranten-Erfolgsgeschichte?

Mukherjee: Sie sehen ja auf meinem Foto deutlich: Ich bin offenbar kein Holländer. Mein Hintergrund hat aber bei meiner Laufbahn in Bonn und Gießen gar keine Rolle gespielt und darüber war und bin ich sehr froh. Und genau so sollte es auch sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Anglistik und Pädagogik studiert und waren schon Referendar, wären fast Lehrer geworden. Warum dann doch nicht?

Mukherjee: Lehrer war mein Traumberuf, aber nach dem Referendariat konnte ich eine Assistenz bei meinem Doktorvater übernehmen, und so habe ich doch die wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Als Anglist sind Sie keine typische Besetzung für diese Top-Position einer großen Uni - heute brauchen Spitzenuniversitäten doch Manager an der Spitze.

Mukherjee: Ich glaube, dass dieser Paradigmenwechsel falsch ist. Managementqualitäten sind wichtig, aber die Universität ist ein eigenes Soziotop und man kann sie nicht wie ein Unternehmen führen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Hochschulbosse wie der Präsident der TU München, Wolfgang Herrmann, der die unternehmerische Hochschule propagiert, auf dem Holzweg?

Mukherjee: Es kann sein, dass technische Universitäten eher so funktionieren, aber es geht auch anders. Ich will ein Präsidium der offenen Türen: gesprächsbereit, diskussionsfreudig und eben auch entscheidungsfähig. Das oft propagierte Managermodell betont zu sehr die Entscheidungsfähigkeit. Für mich sind aber alle drei Aspekte gleich wichtig.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Rede nach der Wahl haben Sie gesagt: 'Reden und streiten Sie mit uns - und wenn das Präsidium anders entscheidet: Verzeihen Sie uns.' Klingt so, als wollten auch Sie einen autoritären Führungsstil.

Mukherjee: Wenn ein Fachbereich demokratisch eine Entscheidung treffen sollte, die gegen die gesamtuniversitären Interessen steht, muss der Präsident eingreifen. Das ist heikel, besonders in Personalfragen. Aber ich setze da auf Überzeugungskraft.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht das im Uni-Alltag aus?

Mukherjee: Man muss die Universität gemeinsam entwickeln, nicht von oben nach unten. Wir müssen die Wissenschaftler motivieren und die Kreativität aller anstacheln. Nur wenige Dinge sind von oben erfolgreich verordnungsfähig.

SPIEGEL ONLINE: Ein wichtiges Reizthema bei Studenten und Verantwortlichen ist der Bologna-Prozess - inzwischen sprechen selbst ehemalige Verfechter der Modularisierung von Reformbedarf. Was wird in Gießen aus Bachelor und Master?

Mukherjee: Die Kernidee der Modularisierung und der Umstellung auf Bachelor- und Masterstrukturen ist gut für die Studenten, weil die Module klar umrissen sind. Das Studium ist viel berechenbarer und planbarer geworden.

SPIEGEL ONLINE: Weniger Freiheit kann man auch dazu sagen.

Mukherjee: Das stimmt, und da setzen die Kritiker zum Teil zu Recht an. Aber die Kernidee ist, dass Studenten etwa bei der Frage, ob für sie Veranstaltungen angeboten werden oder nicht, nicht mehr nur von den Interessen der Lehrenden abhängig sind. Das halte ich für richtig, es gibt nun für alle Beteiligten eine höhere Verbindlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Gießen waren anlässlich des bundesweiten Bildungsstreiks Mitte Juni Hunderte Studenten auf der Straße und haben wütend gegen diese angeblichen Verbesserungen demonstriert.

Mukherjee: In Gießen haben wir Ende 2007 flächendeckend das neue System eingeführt. Da haben wir es an einigen Stellen mit der Regulierung übertrieben. Die Prüfungslast für die Studenten ist viel zu hoch. Wir haben viel zu wenig Freiheit im Bachelorstudium vorgesehen. Diese Freiheit wollen wir aber wieder schaffen. Gemeinsam mit Fachbereichen und Fachschaften sind wir dabei, alle Studiengänge zu deregulieren.

SPIEGEL ONLINE: Beim Bachelor wurde zu viel Stoff in einen zu engen Zeitplan gepackt, lautet ein häufiger Vorwurf. Man muss jetzt in sechs Semestern so viel durchpauken, wie zuvor in neun oder zehn.

Mukherjee: Das ist eins der großen Missverständnisse. Ein Bachelorstudent darf hier in Gießen genauso lange brauchen, wie früher ein Magister- oder Diplomstudent auch. Der Druck entstand durch die Studiengebühren, die es in Hessen nicht mehr gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie froh, dass die Studiengebühren weg sind?

Mukherjee: Wir haben in Hessen die sehr glückliche Situation, dass wir das Geld in vergleichbarer Höhe vom Land kriegen, das uns durch die weggefallenen Studiengebühren fehlt. Damit können wir die Qualität der Lehre und die Betreuung verbessern, denn diese Mittel sind exklusiv für diesen Zweck reserviert.

SPIEGEL ONLINE: Diesen Geldsegen ohne Studiengebühren verdanken Sie der rot-rot-grünen Episode in Hessen, als das Parlament gegen die Koch-Regierung beschloss, die Gebühren abzuschaffen.

Mukherjee: Stimmt. Es ist unstrittig, dass wir dieses Geld brauchen. Woher es kommt, ist eine politische Entscheidung. Ich begrüße, dass das Geld vom Land kommt, und nicht mehr von den Studierenden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also ein Gebührengegner?

Mukherjee: Ich denke, in unserem Land sollte ein Hochschulstudium entgeltfrei sein. Weil Bildung unser wichtigster Rohstoff ist, müssen wir ein Studium ohne Gebühren anbieten und über Steuern finanzieren. Übrigens auch, weil ich glaube, dass Studiengebühren, wenn auch ungewollt, zu einer sozialen Auslese führen.

Das Interview führte Christoph Titz

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