Leseprobe "Die Seele des Stachelschweins" von Anne Mehlhorn

Fotostrecke

Studenten als Autoren: "Hey, hast du Lust, ein Buch zu schreiben?"

Foto: Hannes Kaczmarzyk

Zurück zum Artikel

Ich glitt langsam aus dem Schlaf in die Realität zurück, blinzelte ein paar Mal und fasste mit der offenen Hand in das Kissen, um mich festzuhalten an dieser geruhsamen Dunkelheit im Zimmer.

Die Welt war noch, wie sie gewesen war, bevor der Schlaf mich in diesen Alptraum gezogen hatte. Das Rauschen des Windes vor dem Fenster klang friedlich. Ich atmete tief ein, stand auf und ging ins Badezimmer. Mein Spiegelbild war immer noch ich, immer noch der Mann mit den dunklen Augen. Ich ließ meinen Blick über jeden einzelnen Gegenstand auf dem Waschschrank gleiten, beruhigt, dass sie noch da waren, wo sie hingehörten. Ich klammerte mich an jedes bisschen Normalität in einem Leben, in dem plötzlich nichts mehr normal war.

Vielleicht war nichts von alledem Wirklichkeit?, dachte ich, während ich mit zittrigen Knien auf den Balkon stolperte. Ich hielt mich am Geländer fest und sah hinaus auf die Straße und die Häuser gegenüber. Auch sie waren noch da.

Alles nur ein Traum. Die vergangenen zwei Wochen, nur ein langer, beklemmender Traum. So unwirklich diese Zeit verrauscht war, wäre das sogar eine naheliegende Erklärung gewesen. Zwei Wochen, in denen ich kaum geschlafen oder gegessen hatte, zwei Wochen, in denen ich praktisch nur zwischen der Universitätssternwarte und meinem Garten gependelt war. Zwei Wochen Erregung, Arbeit, Zweifel, Berechnungen und schließlich Furcht und Unglauben.

Doch im Grunde wusste ich, dass dies alles real gewesen war. Mein Verstand sträubte sich noch dagegen, aber tief drinnen war inzwischen Gewissheit eingekehrt.

Gewissheit, dass alles sich ändern würde.

Der Komet, mein Komet - ich hatte ihn insgeheim Terra Titanic getauft - kam näher. Er war in den vergangenen vierzehn Tagen stetig auf die Erde zugerast. Zunächst hatte ich meinen eigenen Berechnungen nicht getraut. War sicher gewesen, dass ich irgendetwas, irgendetwas übersehen haben musste. Aber er hatte die von mir ermittelte Flugbahn bisher beibehalten und das würde er weiterhin, alles sprach dafür.

In knapp drei Wochen würde er in der Nähe von Kanada in den Atlantik einschlagen. Ein zehn Kilometer großer Brocken aus Eis und Gestein; der Kern mochte fünf Kilometer Durchmesser haben, das konnte ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich sah es genau vor mir in gestochen scharfem Kopfkino: Eine gigantische Flutwelle, welche die Küsten Kanadas, Westeuropas und Russlands unter sich begrub. Eine Gesteinsfontäne, wie Elementarfeuerwerk in den Himmel katapultiert. Eine Druckwelle zerquetschte alles Lebende wie eine Dampfwalze. Ich sah Wälder vor mir, die unter Flammen knackten und stöhnten. Scharen von Flüchtlingen, die aus den zerstörten Gebieten zu entkommen versuchten, hektisch rannten und zappelten wie Maden. Missernten. Hungersnöte. Kriege um die letzten Ressourcen.

Obwohl sich all dies vor meinem geistigen Auge wieder und wieder abspielte und ich mit Sicherheit wusste, dass es so kommen würde, war es nicht greifbar. Das Wissen und die Bilder verblassten, je mehr ich versuchte sie festzuhalten.

Beim Blick auf die vereinzelt erleuchteten Fenster auf der anderen Straßenseite dachte ich mit seltsamer Distanz an die vielen Menschen, Familien, Schicksale in diesen Häusern. Sie alle ahnten nicht, dass ihr Leben - unser aller Leben - nie wieder so sein würde wie vorher. Egal, was sie im Moment bewegte, was ihnen bedeutsam erschien, es würde keine Rolle mehr spielen. Und doch: Alles wirkte so normal und friedlich, dass es nicht vorstellbar schien, was für eine Katastrophe kurz bevorstand.

Es war gegen jede Wahrscheinlichkeit, völlig absurd und doch - wahr.

Schneeflocken schaukelten schwer aus dem Himmel herab. Eine Straßenlaterne flackerte. Ein kalter Wind brachte mich zum Frösteln. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich noch immer meinen Schlafanzug trug und nichts als das.

Ich war in einem trashigen 80er-Jahre Katastrophenfilm gefangen. Der Todeskomet. Der Untergang der Welt steht bevor. Der junge Held erkennt die Gefahr. Und … Ja, wie nun weiter?

Ich stolperte nach drinnen und zog mir eine Strickjacke über. Wieder auf dem Balkon zündete ich mir eine Zigarette an, inhalierte tief.

Jetzt wäre der Moment, alle zu warnen und höchstpersönlich das Raumschiff zu besteigen, das den Kometen zerstören sollte - selbstverständlich tränenreich angehimmelt von einer vollbusigen Schönheit. Ohne es zu wollen, verzogen sich meine Mundwinkel zu einem bitteren Grinsen. Du bist kein Held.

Als könnte man einen solchen Riesen mit einem Raumschiff von seiner Bahn ablenken, geschweige denn zerstören. Selbst die mächtigste Waffe der Menschheit, die Atombombe, würde den Giganten nicht aufhalten, sondern ihn nur in hunderte von verstrahlten Bruchstücken zerfetzen. Und drei Wochen waren ohnehin zu knapp, um noch rettende Maßnahmen ergreifen zu können.

Ich warf meine Zigarette nach unten auf die Straße und sah ihrer Leuchtsternspitze nach, bis sie im Dunkel verschwunden war. Ich wandte mich wieder nach drinnen.

Als ich die IKEA-Sessel betrachtete, die dunklen Vorhänge und den schwarzen Schlund des Fernsehbildschirms, fühlte ich mich schrecklich hilflos. Egal, was dort am Himmel geschah, hier unten verlief alles noch genauso. Alles drehte sich im Kreis, jeden Tag, die Universität, der Garten, die enge Wohnung. Kreise, Kreise, Kreise.

Ich öffnete die Tür zu meinem Arbeitszimmer. Ein Rechteck Mondlicht fiel auf die Berge von Büchern und Papieren. In meinem Magen lastete ein schier unerträgliches Gewicht. Es war alles wie immer. Meine Doktorarbeit wurde nicht fertig, ich war völlig allein und gefangen in meinem gläsernen Käfig. Die letzten drei normalen Wochen meines Lebens würde ich damit verbringen, hier drinnen zu hocken und kläglich zu versuchen etwas zu vollenden, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war.

Ich stand in der Tür und konnte nicht fassen, nicht begreifen, was mit mir geschah. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein, als wäre ich gefangen in diesem Moment, zwischen allem, was jemals Sinn ergeben hatte.

Plötzlich fing ich laut an zu lachen. Ein bellendes Lachen, das sich im leeren Raum zu vervielfältigen schien. Deine Doktorarbeit! Ist das alles, woran du denken kannst? Ein Komet rast auf die Erde zu! In drei Wochen wird sich niemand mehr für deine Theorien interessieren! Bestenfalls wird deine Arbeit ihnen nützen, um sich damit ein Feuer zu machen!

Das Lachen schüttelte mich, durchdrang jede meiner Zellen. Die Vorstellung, wie verdreckte, der Zivilisation entrissene Flüchtlinge in meine Wohnung eindringen und meine Bücher als Zünder benutzen würden, ließ mein Gelächter weiter anschwellen.

Und auf wundersame Weise löste sich etwas in mir, festgezurrte Schlingen rissen entzwei und ich fühlte mich so glücklich wie noch nie. Die Würgeschlange aus Ehrgeiz und Selbstzweifeln, die mich seit sieben Jahren gequält hatte, war ohne Aufbäumen gestorben. Ich atmete tief durch und es war, als ob ich noch nie in meinem Leben geatmet hätte. Nichts spielte mehr eine Rolle.

Nichts.

Ich war frei.

Ich spürte, dass mir Tränen über das Gesicht liefen. Wie konnte ein Mensch allein mit so etwas fertig werden? Was sollte ich nur tun? War das der Moment, in dem ich den Verstand verlieren musste?

Ich packte den Tisch und warf ihn um. Eine Woge aus Papier brandete durch das Zimmer. Ich packte die Blätter und begann sie zu zerreißen. Das Geräusch feuerte Endorphine in mein Gehirn. Minutenlang saß ich auf dem Fußboden und hatte kindliche Freude daran, die ganze Arbeit der letzten Jahre zu vernichten.

Mit einem Ruck riss ich das Fenster weit auf, schnappte mir einen Stapel Bücher und beförderte sie nach draußen. Ein herrlich lauter Knall befreite mich von all der Last.

Ich konnte kaum fassen, wie leicht es war. Nachdem ich mich sieben Jahre lang an dieses Zeug gekettet hatte und all mein Denken und Handeln keinem anderen Zweck gedient hatten, konnte ich es nun in wenigen Minuten vollständig vernichten.

Keuchend saß ich in dem dunklen Zimmer, unschlüssig und zugleich voller Tatendrang. Etwas wollte heraus, etwas, das schon zu lange in seinem Käfig gekauert hatte.

Ich zog meinen khakifarbenen Wanderrucksack aus Kindertagen aus dem Schrank und betrachtete ihn nachdenklich. Früher war er beinahe genauso groß gewesen wie ich selbst, aber mittlerweile ließ er sich gut tragen. Die vielen Taschen waren abgewetzt, die Reißverschlüsse klemmten. Egal.

Ich holte ein paar Klamotten aus dem Schrank - nur das Nötigste - und dazu stopfte ich Zahnbürste, Seife und Schlaftabletten. Dann lief ich einmal die komplette Wohnung ab, um alle Zigarettenschachteln einzusammeln, die noch irgendwo herumlagen. Diese verstaute ich in einer Seitentasche.

Ich zog mein bestes Paar gefütterter Stiefel und die Motorradjacke an und eine Strickmütze über meinen Kopf.

Ich verließ meine Wohnung, ohne die Tür abzuschließen.

Das Treppenhaus lag da wie ausgestorben. Benommen und erregt zugleich stolperte ich nach unten, hinaus auf die Straße, in die eisgeschwängerte Luft. Meine Kawasaki wartete. Die Dunkelheit und der Schnee packten die Welt in Watte; keine Menschen, keine Geräusche. Ich blickte zum Himmel und glaubte einen Moment lang, Terra Titanic dort fliegen zu sehen, doch es war nur ein blinkendes Flugzeug. Ein Augenaufschlag zwischen Wahnsinn und Realität.

Ich schwang mich auf meine Maschine und jagte los, fort von dem Haus, das so lange mein Gefängnis gewesen war.

Ich hielt nur einmal kurz an, um an dem Bankautomaten in der Grietgasse alles Geld abzuheben, das mein Dispo mir noch gewährte. Kein Mensch war auf den Straßen unterwegs. Das Studentenviertel war so ruhig wie nie. Klar, an den Feiertagen fuhren die alle heim.

Das Geld sicher verstaut raste ich weiter. Vorbei am Paradiesbahnhof. Zur Autobahn. Raus aus der Stadt. Irgendeine Straße entlang, ohne zu wissen, wohin. Das Einzige, dessen ich mir sicher war: Ich will keine Sekunde länger hierbleiben!

Leben kehrte in mich zurück und Freiheit, mit jedem Kilometer, den ich mich weiter von alldem entfernte: Von der Universität, von den Menschen dort, von allem, was mir je etwas bedeutet hatte.

Vor mir zog sich die schneegestreifte Straße.

Ich sollte es wohl der NASA melden. Das hätte ich schon viel früher tun sollen. Schon als es sich auch nur vage abzeichnete, dass mein Komet eine Gefahr darstellen könnte. Aber ich hatte es nicht getan, hatte es vollständig für mich behalten.

Was für eine Ironie, dass ausgerechnet einer wie ich ihn entdecken musste. Einer, dem das Schicksal der Welt gleichgültiger war als irgendwem sonst.

Meine Hände schlossen sich fester um den Lenker, als wollten sie ihn niemals wieder loslassen. Niemals wieder absteigen.

Ein kleiner, ehrlicher Teil in mir wusste verdammt gut, warum ich es noch nicht getan hatte: Das Wissen schenkte mir eine Bedeutung, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Der Komet und seine furchterregende Macht war etwas, das mich seit Ewigkeiten wieder etwas fühlen ließ. Ein Gefühl, das sofort vorbei sein würde, sobald ich der NASA Meldung gemacht hätte. Innerhalb von Stunden wüssten alle Menschen auf der Welt das, was im Moment nur mir gehörte.

Du hast nicht das Recht, Gott zu spielen, flüsterte eine Stimme in mein Ohr. Vielleicht. Ich kaute auf meiner Lippe herum.

Dann schüttelte ich heftig den Kopf. Unfug! Niemand war auf mich angewiesen. Die NASA würde Terra Titanic selbst bald entdecken. Spätestens, wenn sich der Schweif gebildet hatte, würde er nicht mehr zu übersehen sein. Vielleicht erblickte ja auch gerade in diesem Moment jemand anderes ihn durch sein Teleskop. Je näher er kam, desto mehr stieg die Wahrscheinlichkeit dafür. Und zu dem Zeitpunkt könnten sie evakuieren und ihre sinnlosen Versuche starten, das Unvermeidliche zu verhindern.

Das Ganze war nicht meine Sache. Ich war nicht der Held in dieser Geschichte.

Links und rechts zogen vereiste Felder vorbei.

"Ich bin euch nichts schuldig!", brüllte ich dem Fahrtwind entgegen. "Überhaupt nichts!"

Anzeige

Anne Mehlhorn:
Die Seele des Stachelschweins

fhl Verlag Leipzig; 246 Seiten; 11,95 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.