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26. Oktober 2004, 12:32 Uhr

Diplom in vier Stunden

Wilhelm Reich und der Schabrackentapir

Von Annick Eimer

An der "Wissenschaftsakademie Berlin" reichen vier Vorträge für einen Abschluss - eine Berliner Luftnummer. Das Papier sei genauso wertlos wie jeder andere akademische Grad, sagt der Gründer der "Elite-Uni": Rafael Horzon, 34, Studienabbrecher, Möbelmagnat und Bildungs-Bluffer.

Der Direktor und sein Referent: Rafael Horzon (r.) und Christoph Keller
Annick Eimer

Der Direktor und sein Referent: Rafael Horzon (r.) und Christoph Keller

Ein Ladenlokal in Berlin Mitte, Freitagabend kurz vor 19 Uhr. Die zukünftige Elite wartet vor der Tür. Junge Männer mit Turnschuhen und Kastenbrille, die Frauen mit bunten Plastikohrringen und blondierten Haarspitzen - Berlin Mitte eben. Ein junger Mann drängt sich durch die Menge und schließt die Tür auf: Rafael Horzon, Direktor der von ihm gegründeten Wissenschaftsakademie. Der volle Name der stolzen Institution lautet "Wissenschaftsakademie Berlin - Elite-Universität". Horzon verspricht seinen Studenten ein Diplom in vier Stunden - ein Diplom, das, wie der Direktor sagt, "genauso viel oder genauso wenig wert ist wie das einer anderen Hochschule".

Der Raum füllt sich. Wer keinen Sitzplatz findet, setzt sich auf die breite Fensterbank oder lehnt sich an die kahle Wand. Die Arme übereinander geschlagen oder in kleinen Grüppchen in Gespräche vertieft, warten die Studenten auf den Beginn der Veranstaltung. An diesem Abend steht eine Einführung in das naturwissenschaftliche Spätwerk von Wilhelm Reich auf dem Programm.

"Auf irgendso einer Verteilerliste"

Dozent ist Christoph Keller, ein Berliner Künstler. Seinetwegen ist auch Zuhörerin April gekommen, sie kenne den Künstler und finde seine Arbeiten "ganz großartig". Ihr Mitstudent Manfred, Programmmierer, besucht die Veranstaltung, weil er "auf irgendso einer Verteilerliste" steht. Er hat gleich zwei Freunde mitgebracht. "Wir beginnen pünktlich c.t.", ermahnt Horzon, während er gemeinsam mit dem Dozenten den Beamer ausrichtet. Die Vorlesung beginnt mit einem Film über das Leben von Wilhelm Reich.

Auch für einen Vortrag gut: Tapir
AP

Auch für einen Vortrag gut: Tapir

1997 gründete der heute 34-jährige Horzon die Akademie, weil er die Nase voll vom Massenbetrieb an den deutschen Hochschulen und den langweiligen Dozenten hatte. Jetzt könne er endlich kennen lernen, was er schon immer wissen wollte. Die Geschichte des Fahrstuhls beispielsweise, den Schabrackentapir oder die Einsichten des Pop-Literaten Christian Kracht über Möbel-Design in Mailand.

Für den Besuch von vier Veranstaltungen in einem Trimester gibt Horzon ein Diplom aus, gedruckt auf Büttenpapier mit Wasserzeichen und Stempel der "Elite-Universität". Die Anzahl der Seminare reiche völlig aus.

Dritter Weg aus der Verzweiflung

Die "Wissenschaftsakademie Berlin" ist eine Hochschul-Simulation und ein veritabler Bildungsbetreib zugleich. Vor einigen Jahren machte Horzon schon von sich reden, als er eine Ausstellung mit den Werken japanischer Künstler fingierte. Er und seine Mitstreiter montierten Gebrauchsartikel aus Asien an die Wand einer Galerie und legten erfundene Lebensläufe von Künstlern wie "Hitoshi Ikeda", "Kenzo Ueno" oder "Shigeo Miki" an.

Nebenbei ist der Hochschulgründer auf verwirrend vielen Feldern aktiv: Horzon betreibt unter dem Dach der Firma "modocom" das Möbelhaus "Moebel Horzon", das Modelabel "Gelée Royale", außerdem einen Verlag und ein Bauunternehmen. Er selbst sieht sich als Unternehmer, nicht als Künstler.

Die Erträge von Horzons Unternehmen sollen vornehmlich in die "Wissenschaftsakademie Berlin" fließen. In seinem Sachbuch "Der Dritte Weg" entwirft er ein Modell zur erfolgreichen Lebensführung: "Der Dritte Weg biegt als unsichtbarer Pfad an der Stelle ab, an der sich zwei breite Wege in die Verzweiflung gabeln."

Freizeit bildet

Die Privatuniversität zieht inzwischen durchaus ernst zu nehmende Referenten an. Auch der Verwirrungsstratege ist voll bei der Sache: "Wir erziehen unsere Studenten zum eigenständigen Denken", sagt er. Freizeit sei wichtig, in Hörsälen lerne man ohnehin weniger als im wirklichen Leben - daher auch die kurze Studiendauer.

Hörsaal im Ladenlokal: Die Studenten der Wissenschaftsakademie lauschen
Annick Eimer

Hörsaal im Ladenlokal: Die Studenten der Wissenschaftsakademie lauschen

Er selber sei Studienabbrecher einer gewöhnlichen Hochschule, erzählt Horzon. In München, Rom, Paris und Berlin habe er Literaturwissenschaften studiert. Viel zu lange, wie er sagt. Er habe schon alle Scheine beisammen gehabt und dann kurz vor Schluss hingeschmissen. Danach verdingte sich Horzon als Paketfahrer bei der Deutschen Post, allerdings nur einen Monat lang. Dann flog er raus, weil er zu viele Unfälle baute. Heute sei er des Direktors fleißigster Schüler, sagt Horzon über sich selbst.

Die Akademie bereite ihm viel Arbeit, betont Horzon. Die Auswahl der Dozenten und der Themen koste Zeit. Geld bringt ihm das Bildungsangebot nicht ein, denn der Hochschulgründer erhebt keine Studiengebühren. Die Akademie finanziert Horzon mit Einnahmen seiner Unternehmensgruppe "modocom". Vor allem der Möbelladen mit den selbst entworfenen Regalmodellen der Reihen "Modern" und "Mondaen" sei einträglich.

Themen nach dem Zufallsprinzip

Referent Keller wirft mit dem Beamer Folien an die Wand und erzählt von der Orgonenergie, die Reich entdeckte, von den Strömungsrichtungen der bläulich wabbernden Lichter. Ratlose Blicke unter den Zuhörern, ab und zu ein verhaltenes Kichern.

Manchmal kämen mögliche Dozenten selbst mit dem Wunsch auf ihn zu, über ein Thema zu referieren, sagt Horzon. In anderen Fällen entscheide der Zufall, zum Beispiel, wenn er selbst die Staatsbibliothek besuche. Dort folgt Horzon einem beliebigen Besucher und zieht ein Buch aus dem Regal, vor dem der Auserwählte stehen bleibt. Aus diesem Buch sucht er ein Thema.

Das Prinzip seiner Lehranstalt beschreibt Horzon so: "Unsere Seminare öffnen nur ein Fenster in das Haus des Wissens, hindurchsteigen und weiterforschen muss der Student anschließend selbst." Die Berliner Universitäten konnte er für Kooperationen allerdings nicht gewinnen. In offizielle Schreiben verbaten sich die Rektoren derartige Ansinnen.

Um halb neun ist die Vorlesung beendet. Der Akademiedirektor teilt die Scheine aus. "Dieser Leistungsnachweis hat auch als Übungs- und Proseminarschein Gültigkeit an allen deutschen Hochschulen", steht auf dem Papier geschrieben. Die Studenten tragen ihre Namen ein und stellen sich an, sie erhalten die Unterschrift des Dozenten und den Stempel der Universität, eine Fackel, die den Globus erleuchtet.

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