Diplomarbeit über Vorurteile Schwarz und deutsch

Ein Buch gegen Rassismus im Alltag, das ist die Abschlussarbeit einer Designstudentin aus Nordrhein-Westfalen. Für ihr Werk heimst die Designerin einen Preis nach dem anderen ein. Trotzdem verstaubt das Buch in der Schublade - weil finanzkräftige Unterstützer fehlen.

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Normalerweise sind Präsentationen von Diplomarbeiten eine recht einsame Sache, die außer dem Prüfling und den Betreuer bestenfalls ein paar aufgeregte Eltern und Verwandte mobilisieren kann. Doch als Barbara Mugalu, 30, an der Hochschule Niederrhein ihre Abschlussarbeit vorstellte, da war das Haus voll. Mehr als 80 Menschen drängten sich in dem kleinen Saal in Krefeld.

Die Kommunikationsdesignerin Mugalu präsentierte ihrem Publikum ein Buch, dass unangenehm gut in die aktuelle Zeit passt. Unter dem Titel "Weiß-Schwarz, Afro-Deutsche Geschichte" erzählt es von der Macht des Vorurteils, Rassismus und Feindseligkeit gegenüber Menschen dunkler Hautfarbe.

Und es erzählt von Barbara Mugalu selbst: "Bei der Wahl meines Diplomthemas traf ich die Entscheidung, mich meinem Thema zu stellen und Antworten darauf zu finden, was es für mich bedeutet, schwarz und deutsch zu sein", sagt die junge Frau im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Auch um sich selbst ein "klares und fundiertes Bild von dem Thema zu verschaffen" habe sie nach einer sechsmonatigen Recherchephase das Buch entwickelt.

Um Schwarze in Deutschland geht es darin, und um den alltäglichen Rassismus, der sich nicht zuletzt in der Sprache findet. Auf genau 100 Seiten finden sich Geschichten zur deutschen Kolonialzeit, zu ausländerfeindlichen Argumentationen - und zu der Frage, warum Menschen hierzulande noch immer von "Negern" oder "Mulatten" sprechen.

In einem eigenen Kapitel wird die "verdrängte Geschichte" der deutschen Kolonialzeit beleuchtet: Deutsch-Ostarika und-Südwestafrika, Togo und Kamerun. Von ausbeuterischen Kolonialherren ist da zu lesen und von der blutigen Niederschlagung von Revolten wie dem Herero-Aufstand im heutigen Namibia in den Jahren 1905 und 06 - und davon, dass noch heute Gartenkolonien in Berlin "Kamerun", "Togo" oder "Klein Afrika" heißen. Auch Schicksale von schwarzen Deutschen von der Weimarer Republik über die Konzentrationslager des Nazi-Regimes bis in die aktuelle Zeit werden bildstark vorgestellt. Eine Doppelseite widmet sich rassistischen Schmierereien im bundesrepublikanischen Alltag.

Jugendliche sind Zielgruppe

Inhalt und Aufmachung des reich bebilderten Buches im A3-Format richten sich an Jugendliche. Mugalu will das Buch gern für die politische Bildung in Gymnasien eingesetzt wissen. Doch bislang ist ihr Werk erst in einer Mini-Auflage von 20 Stück erschienen. Politische Stiftungen oder die Bundeszentrale für politische Bildung habe sie bislang noch nicht für eine größere Auflage begeistern können, sagt Mugalu. Die Produktionskosten seien so hoch, dass es für Verlage schwierig sei, das Buch ohne finanzielle Hilfe herauszubringen: "Das ist frustrierend."

Immerhin ist Mugalus Abschlussarbeit inzwischen mehrfach preisgekrönt. Neben dem "red dot" des Designzentrums Nordrhein-Westfalen erhielt die Studentin auch Ehrungen ihrer Heimathochschule in Krefeld. Zum einen wurde sie mit dem Senatspreis für die beste Diplomarbeit des Fachbereichs Design ausgezeichnet, zum anderen mit dem Design-Förderpreis „pro creatione“.

"Keine Betroffenheit erzeugen"

Das Buch habe sie „tief betroffen und nachdenklich gemacht“, sagte die Laudatorin Roswitha Hirner bei der Preisvergabe Anfang Mai. Doch Barbara Mugalu entgegnet im Gespräch, sie wolle mit ihrem Projekt "gar keine Betroffenheit" erzeugen. Ihr gehe es vielmehr darum, das Thema Rassismus präsent zu machen - ein durchaus nachvollziehbarer Plan in einem Land, in dem im vergangenen Jahr 15.361 Straftaten mit rechtsextremistischen Hintergrund registriert wurden.

"Anti-Rassismus Kampagnen, die sich meist mit dem vordergründigen Rassismus beschäftigen, finden – es sei den es liegt ein aktueller Fall vor – bei den meisten Menschen kaum noch Gehör", sagt Barbara Mugalu. Ihr Buch – so hofft sie – ist "eine neue Idee, dass Thema anzugehen".

An schnelle Erfolge glaubt sie dabei nicht: "Ich glaube, man darf sich keine Illusionen machen, dass durch das Buch kurzfristig Erfolge zu verbuchen sind bei einem Thema, das so umfangreich und tiefgreifend in der Gesellschaft verankert ist."

Immerhin habe sie aus einem halben Dutzend Gymnasialklassen, die inzwischen mit ihrem Buch gearbeitet hätten eine Menge positiver Rückmeldungen erhalten. Außerdem habe die "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland" inzwischen bei ihr angeklopft, mit der Bitte, eine Ausstellung zum Thema zu konzipieren. Und vielleicht, so hofft sie, findet sich ja doch noch ein Sponsor für eine größere Auflage des Buches.



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