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17. Juni 2011, 13:30 Uhr

Doktor-Affäre

Uni-Dekan widerspricht Koch-Mehrin

Der Vorwurf wiegt schwer: Silvana Koch-Mehrin behauptet, ihre Uni habe die Schwächen ihrer Doktorarbeit schon lange gekannt. Jetzt wehrt sich Dekan Manfred Berg im Interview: Formale und inhaltliche Defizite habe man früh entdeckt, die Plagiate aber erst jetzt - die Technik war damals nicht so weit.

SPIEGEL ONLINE: Silvana Koch-Mehrin beklagt, dass die Schwächen ihrer Dissertation der Uni schon vor elf Jahren bekannt gewesen seien. Damals habe der Promotionsausschuss entschieden, ihr dennoch den Doktortitel zu verleihen. Warum haben Sie ihn jetzt aberkannt?

Berg: Ich verwahre mich in aller Schärfe gegen die Unterstellung, dass die Gutachter damals schon die Plagiate erkannt haben und Frau Koch-Mehrin trotzdem promoviert worden ist. Die Gutachter haben inhaltliche und formale Schwächen erkannt, kritisiert und mit einer mittelmäßigen Note angemessen gewürdigt. Aber den Verdacht des Plagiats gab es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt werden 120 Textpassagen auf 80 Seiten bemängelt. Wie konnte man das übersehen, zumal der Doktorvater damals schon fehlende Belege gerügt hat?

Berg: Kein Gutachter kann die gesamte Fachliteratur im Kopf haben und wie ein Computer verdächtige Stellen automatisch erkennen. Und die Software war damals noch nicht so weit.

SPIEGEL ONLINE: Im Vergleich zu Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg hat Koch-Mehrin viel weniger falsch gemacht.

Berg: Der Fall spielt in einer anderen Liga, das stimmt. Aber es wäre schlimm, wenn zu Guttenberg den Standard bestimmen würde, also erst ab einer solchen Fülle an Plagiaten ein Titel aberkannt würde. Bei Frau Koch-Mehrin bestehen eben auch substantielle Teile der Arbeit aus Plagiaten.

SPIEGEL ONLINE: Koch-Mehrin wirft Ihrer Uni auch vor, nicht einmal Akteneinsicht erhalten zu haben.

Berg: Der Vorwurf, dass wir eine Art Inquisitionsprozess betrieben hätten, könnte absurder nicht sein. Wir haben sie angehört, wir haben ihr alle Unterlagen zur Verfügung gestellt, die Akten liegen für sie bereit. Glauben Sie mir: Uns hat das alles nicht gefreut, denn der Entzug des Doktortitels ist immer das Eingeständnis, das etwas passiert ist, das nicht hätte passieren dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man so etwas verhindern?

Berg: Wir müssen darüber nachdenken, wie die Betreuung von Doktoranden künftig gestaltet werden soll. Aber vor einem Generalverdacht müssen wir uns hüten.

Das Interview führte Markus Verbeet

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