Doktorarbeit von EU-Kommissar Hahn Gutachten erhärtet Plagiatsverdacht

Johannes Hahn, EU-Kommissar und ehemaliger österreichischer Wissenschaftsminister, steht weiter unter Plagiatsverdacht. Akribisch weist ihm nun ein neues, von den österreichischen Grünen beauftragtes Gutachten abgekupferte Stellen nach. Der Beschuldigte wittert eine Kampagne.

AP

Der Plagiatsverdacht gegen Johannes Hahn, EU-Kommissar für Regionalpolitik, soll sich laut eines neuen Gutachtens erhärtet haben. Der österreichische Spitzenpolitiker soll etwa ein Fünftel seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben, ohne dies genau kenntlich zu machen.

Der Vorwurf des österreichischen Plagiatsjägers Stefan Weber, der in Salzburg und Dresden lebt, listet in seiner am Montag veröffentlichten Analyse "76 Plagiatsfragmente auf 64 Seiten der Dissertation" auf. Das "Gutachten zur Einhaltung guter wissenschaftlicher Praxis" umfasst 37 Seiten und erinnert im Stil an die Aufarbeitung der plagiierten Doktorarbeiten von Ex-Verteidigungsminster Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) im GuttenPlag Wiki, sowie von Silvana Koch-Mehrin (FDP) und der Stoiber-Tochter Veronika Saß im VroniPlag Wiki.

Die Kritik an Hahns Doktorarbeit ist nicht neu. Dem Politiker der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) war schon vor vier Jahren vorgeworfen worden, Quellen nicht genau angegeben zu haben - zu einer Zeit, da Hahn noch Wissenschaftsminister und damit verantwortlich für die Redlichkeit wissenschaftlicher Arbeiten in Österreich war.

Der Grünen-Nationalratsabgeordnete Peter Pilz, der den Plagiatsprüfer Weber erneut auf Hahn angesetzt hatte, sagte der "Süddeutschen Zeitung", die Universität Wien habe damals "nichts getan, vertuscht und die Anzeige schlicht und einfach entsorgt".

Kommissar Hahn: "politisch motivierte Auftragsarbeit"

Eine Prüfung eines Zürcher Professors hatte die Hochschule lange unter Verschluss gehalten. Als die Uni das Papier dann doch herausrückte, zeigte sich, dass auch der Schweizer Gutachter im Auftrag der Uni Wien Mängel in Hahns Arbeit erkannt hatte. Der Zürcher Professor schrieb, dass aus der "Unabgegrenztheit von eigenem und fremdem Text der Eindruck eines Plagiates entstehen kann". Die nicht gekennzeichneten Zitate würden außerdem einen "klaren formalen Mangel" darstellen. Von einem Plagiat wollte der Gutachter trotzdem nicht sprechen.

Die Doktorarbeit zum Thema "Die Perspektiven der Philosophie heute - dargestellt am Phänomen Stadt" reichte Hahn 1987 an der Universität Wien ein. Von den 6700 Zeilen der Promotionsarbeit seien "zumindest 1153 Zeilen (d.h. 17,2 Prozent der Gesamtseitenanzahl) plagiiert", schreibt Stefan Weber in seinem Gutachten. Das Dokument, das auch auf der Seite der österreichischen Grünen veröffentlicht wurde, benennt sieben Autoren, von denen Hahn "zum Teil seitenweise" ungekennzeichnet abgeschrieben habe.

Die Angaben Webers will EU-Kommissar Hahn nicht gelten lassen. In einer Stellungnahme vom Dienstag schreibt Hahns Pressebüro, das Gutachten Webers sei eine "politisch motivierte Auftragsarbeit". Für die Beurteilung der Arbeit seien allein die Universität Wien und die von ihr beauftragten Experten zuständig. Weiter bleibe die Überprüfung der Arbeit durch die österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität abzuwarten. Hahn verweist außerdem auf "zum Zeitpunkt der Entstehung geltenden Vorgaben". Damals habe es andere "Zitierstandards" gegeben als heute.

Pilz forderte den EU-Kommissar Hahn zum Rücktritt auf. Die EU dürfe nicht hinter Maßstäbe wie im Falle Guttenberg in Deutschland zurückgehen, sagte Pilz der "Süddeutschen Zeitung". Uni und Europäische Kommission und gegebenenfalls das EU-Parlament müssten sich der Sache annehmen.

cht

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propagandhi 24.05.2011
1. Langsam reicht's mit diesen Clowns
Zitat von sysopJohannes Hahn, EU-Kommissar und ehemaliger österreichischer Wissenschaftsminister, steht weiter unter Plagiatsverdacht. Akribisch weist ihm nun ein neues, von den österreichischen Grünen beauftragtes Gutachten abgekupferte Stellen nach. Der Beschuldigte wittert eine Kampagne. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,764711,00.html
Je mehr dieser selbstgerechten Schmalspur-Akademiker ihre gekauften oder abgeschriebenen Titel abgeben müssen, desto besser. Nach dem heutigen Stand der Dinge ist davon auszugehen, dass Menschen, die sich als Politiker verdingen, im Regelfall sowieso nichts draufhaben. Ein Blindgänger mit Doktortitel ist trotzdem zuallererstmal ein Blindgänger.
prefec2 24.05.2011
2. Betrügereien
Zitat von propagandhiJe mehr dieser selbstgerechten Schmalspur-Akademiker ihre gekauften oder abgeschriebenen Titel abgeben müssen, desto besser. Nach dem heutigen Stand der Dinge ist davon auszugehen, dass Menschen, die sich als Politiker verdingen, im Regelfall sowieso nichts draufhaben. Ein Blindgänger mit Doktortitel ist trotzdem zuallererstmal ein Blindgänger.
Es geht natürlich nicht an, dass jemand sich den Titel erschleicht. Weder in Unternehmen noch in der Politik sollte solches Verhalten toleriert werden. Es spricht viel dafür, dass alle Arbeiten genau geprüft werden müssen. Die aus der Vergangenheit aber mehr noch die neuen. Diese sollten grundsätzlich auch digital abgegeben werden und dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Man könnte die Schreiber dafür von der Pflicht entledigen mehr als 3 oder 4 Papierexemplare abgeben zu müssen. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass alle Politiker mit Titel diesen nur durch Täuschen hinbekommen haben. Aber es scheint doch einige zu geben, die glaubten man könnte auch als Nicht-Akademiker eine Arbeit abgeben. Und bevor nun wieder das Thema aufkommt: Aber warum werden denn immer Konservative oder Wirtschafts-Liberale erwischt. Nun 1. scheint es bei den anderen weniger schwarze Schafe zu geben, 2. konnte Fischer auch ganz ohne akademischen Titel Außenminister werden. Dazu war nur ein Taxischein nötig. Natürlich glaube ich nicht, dass Linke, SPDler oder Grüne irgendwie besser sind. Aber wenn die Konservativen der Ansicht sind, dass zu wenig bei den oben genannten PArteien geprüft wird, dann macht das doch einfach mal. Wenn Bartsch dann seinen Doktor verliert weil er betrogen hat. Um so besser. Aber vielleicht wissen die konservativen Leser nicht wie man so was macht.
Rainer Daeschler, 24.05.2011
3. Spreu vom Weizen trennen
Zitat von propagandhiJe mehr dieser selbstgerechten Schmalspur-Akademiker ihre gekauften oder abgeschriebenen Titel abgeben müssen, desto besser. Nach dem heutigen Stand der Dinge ist davon auszugehen, dass Menschen, die sich als Politiker verdingen, im Regelfall sowieso nichts draufhaben. Ein Blindgänger mit Doktortitel ist trotzdem zuallererstmal ein Blindgänger.
Das stimmt so nicht. Das widerspricht auch den Erkenntnissen von Vroniplag. Politikern, denen man hier Plagiate nachweist, stehen auch solche gegenüber, die völlig frei davon sind, Es gibt viele Politiker, die ihren Doktortitel jenseits ihrer politischen Karriere erworben haben und nicht zu deren Zweck. Auch die werden es sicher begrüßen, wenn hier die Spreu vom Weizen getrennt wird.
Zyklotron, 24.05.2011
4. At
---Zitat--- Einen erneuten Anlauf, die Arbeit Hahns zu überprüfen, unternahmen die österreichischen Plagiatjäger auch aufgrund der medialen Aufmerksamkeit für den Fall Guttenberg in Deutschland - doch bislang blieben Empörung aber auch größeres Rechercheinteresse in Österreich aus. ---Zitatende--- Weil man in Österreich gewöhnt ist, dass Geld- und Politadel Freunderlwirtschaft treiben, korrupt sind und kein schlechtes Gewissen haben müssen.
...und gut ist`s 24.05.2011
5. Sarkozy raus aus Parisund hin nach Den Haag!
Zitat von prefec2Es geht natürlich nicht an, dass jemand sich den Titel erschleicht. Weder in Unternehmen noch in der Politik sollte solches Verhalten toleriert werden. Es spricht viel dafür, dass alle Arbeiten genau geprüft werden müssen. Die aus der Vergangenheit aber mehr noch die neuen. Diese sollten grundsätzlich auch digital abgegeben werden und dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Man könnte die Schreiber dafür von der Pflicht entledigen mehr als 3 oder 4 Papierexemplare abgeben zu müssen. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass alle Politiker mit Titel diesen nur durch Täuschen hinbekommen haben. Aber es scheint doch einige zu geben, die glaubten man könnte auch als Nicht-Akademiker eine Arbeit abgeben. Und bevor nun wieder das Thema aufkommt: Aber warum werden denn immer Konservative oder Wirtschafts-Liberale erwischt. Nun 1. scheint es bei den anderen weniger schwarze Schafe zu geben, 2. konnte Fischer auch ganz ohne akademischen Titel Außenminister werden. Dazu war nur ein Taxischein nötig. Natürlich glaube ich nicht, dass Linke, SPDler oder Grüne irgendwie besser sind. Aber wenn die Konservativen der Ansicht sind, dass zu wenig bei den oben genannten PArteien geprüft wird, dann macht das doch einfach mal. Wenn Bartsch dann seinen Doktor verliert weil er betrogen hat. Um so besser. Aber vielleicht wissen die konservativen Leser nicht wie man so was macht.
Wie das geht nicht an? Das ist die Geschäftsgrundlage einiger vieler dieser Spezies: Beim Dr.-Titel bescheissen, dann den Wähler damit bescheissen und den Eindruck erwecken das man ein Leistungsträger ist und dann dem Bürger des Landes das Geld für den eigenen Vorteil aus der Tasche ziehen. Das geht aber noch weiter: Das Wissen über diesen Weg seinem Nachwuchs mitteilen und dem dann die Möglichkeit geben, in diese Fußstapfen zu treten.
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