Doktormacher Dresdner Uni duldete dubiose Promotionsvermittler

Bis zu 27.600 Euro zahlen - schon geht die Promotion in Ordnung: Jahrelang konnten sich Interessenten über ein Institut der TU Dresden Doktortitel aus Osteuropa besorgen. Sie schmückten sich oft mit einem in Deutschland nicht anerkannten "Dr.". Doch nun ist Schluss damit.
Von Hermann Horstkotte und Christoph Titz
Sehnsucht nach dem Hut: Das "Dr." vor dem Namen ist manchen Zehntausende Euro wert

Sehnsucht nach dem Hut: Das "Dr." vor dem Namen ist manchen Zehntausende Euro wert

Foto: Corbis

Bei der Jubiläumsfeier Anfang Oktober war am Europäischen Institut für Postgraduelle Bildung (Eipos) noch alles in bester Ordnung. Die geladenen Gäste waren in Feierlaune. Zum 20. Jubiläum des Instituts der Technischen Universität (TU) Dresden gratulierte sogar Hansjörg König, Staatssekretär im Sächsischen Wissenschaftsministerium, persönlich. "Eipos war und ist seiner Zeit voraus", lobte der Ministeriale.

Die Bilanz des Instituts kann sich vor allem in einem Bereich sehen lassen: Knapp 50 Promotionswilligen hat Eipos bislang zu einem ausländischen Doktortitel verholfen. Zwar schrieben die Kandidaten hierfür eine Arbeit und legten auch eine Prüfung ab. Vor allem aber bezahlten sie an Eipos sehr viel Geld.

27.600 Euro kostete sie ein Rundum-Doktor-Service, der stark an die Arbeit von gewerblichen Promotionsvermittlen erinnert: Zuerst half das Institut, ein Thema zu finden und suchte danach einen passenden Betreuer, meist an einer osteuropäischen Hochschule. Außerdem bereitete Eipos die Kunden auf eine abschließende Prüfung und die Verteidigung der Arbeit an der fernen Hochschule vor, die dann den Titel verlieh. PhD, Philosophiae Doctor, konnten sich die so geadelten fortan nennen - und viele führen seither auf Visitenkarten und Türschildern ein schmückendes "Dr.".

"Unersetzbare Hilfe" auf dem Weg zum Titel

Jahrelang hatte sich die TU Dresden die Machenschaften von Eipos tatenlos angesehen. Doch Ende September fürchtete die Uni plötzlich um ihren guten Ruf - und zwang das Institut, das lukrative Geschäft Promotionsvermittlung aufzugeben. "Bis Ende des Jahres muss mit der entgeltlichen Doktorandenbetreuung unter unserem Namen Schluss sein", sagt Hannes Lehmann, Sprecher der TU Dresden. "Sonst werden wir uns von unserem Weiterbildungsinstitut Eipos trennen."

Die Uni sieht ihr Image gefährdet und befürchtet wohl auch Nachteile im Rennen um einen Elite-Titel in der Exzellenzinitiative des Bundes. Denn Eipos ist ein amtliches "An-Institut",  das "gemeinsam mit der Hochschule Aufgaben wahrnimmt", sich aber selbständig finanziert - zum Beispiel mit guten Tipps für einen ausländischen Doktorhut für 27.600 Euro pro Stück. Demgegenüber beträgt die Gebühr für eine ordentliche Promotion an einer staatlichen Uni in Deutschland gerade zwischen hundert und weniger als 200 Euro.

Das Programm, in dem derzeit noch mindestens zehn zahlende Eipos-Kunden auf einen Titel hoffen, firmierte bis Ende September unter dem Namen Akademisches Europa-Seminar (AES). In seiner Publikation "Eipos aktuell" zitiert das Institut in der Ausgabe 2/2009 drei zufriedene Kunden: Eine "unersetzbare Hilfe" sei der Doktor-Service des AES auf dem Weg zum Titel gewesen.

Die internationale Zusammenarbeit von Eipos vor allem mit osteuropäischen Hochschulen hatte einen Beigeschmack, sagt Universitätssprecher Lehmann. Verständlich, denn eigentlich scheuen deutsche Unis die gewerbliche Promotionsvermittlung. Der Deutsche Hochschulverband, die Berufsvertretung der Uni-Professoren, forderte vor knapp zwei Jahren, alle Doktoranden müssten fortan vorab versichern, keinen Kontakt mit privaten Vermittlern zu haben. Auslöser hierfür waren Gerichtsverfahren wegen Bestechung rund um das mittlerweile geschlossene Institut für Wissenschaftsberatung in Bergisch Gladbach. Dort hatten Promotionsvermittler über mehr als zwei Jahrzehnte Hochschulprofessoren dafür bezahlt, Kandidaten für eine Doktorarbeit anzunehmen. Die Promovenden zahlten für die Vermittlung bis zu 22.000 Euro.

121 Kandidaten zahlten für den Traum vom Titel

Wie schon die Bergisch Gladbacher Vermittler agierten auch die Promotionsvermittler von Eipos unauffällig. Ruchbar wurde ihre Promotionshilfe gegen Geld allerdings 2007, als der damalige Dresdner Oberbürgermeister an der Technischen Universität Ostrava in Tschechien mit Eipos-Unterstützung seinen ausländischen Doktor machte.

Für Eipos war die Vermittlung bislang wohl ein einträgliches Geschäft: Von den 27.600 Euro Promotionskosten fließen laut Eipos-Geschäftsführer Uwe Reese 10.000 Euro zum Beispiel an die promovierende Comenius-Uni in der slowakischen Hauptstadt Bratislava, der Rest des Geldes verbleibt in Dresden. Damit decke Eipos die Unkosten für die individuelle Hilfe bei der Themenwahl, die Auswahl der geeigneten Hochschule und die "Begleitung" des Promotionsvorhabens in Blockseminaren, sagt Reese. Man könnte auch sagen: Professoren der TU Dresden und anderer Hochschulen vermitteln ihr Expertenwissen im Rahmen einer Nebentätigkeit für teures Geld.

So hat Eipos bislang mindestens 121 Promotionsverfahren vermittelt, 46 davon führten zum gewünschten Titel, bestätigte Reese SPIEGEL ONLINE. Viele Bewerber brachten einen Fachhochschulabschluss mit. "Damit habe ich zehn Jahre vergeblich einen Doktorvater an einer Uni gesucht", sagt ein glücklicher Titelbesitzer, "bis ich über Eipos nach Bratislava kam."

Zwar sehen alle Hochschulgesetze der Länder für überragende FH-Absolventen "kooperative" Promotionen mit ihrem FH-Professor und einem Uni-Kollegen vor. Ein solches Betreuertandem findet sich allerdings äußerst selten - erst recht, wenn der Doktorand schon länger im Beruf ist und nur nebenher promovieren will. Wie alle privaten Vermittler spricht Eipos den anscheinend benachteiligten und spätberufenen Promotionsbewerber besonders an und macht die akademische Würde "berufsbegleitend" möglich.

Föderaler Irrgarten: Nicht jeder PhD wird ein Dr.

Ziel ist oft das schmückende "Dr." vor dem Nachnamen - doch ausländische Doktortitel selbst aus der Europäischen Union gelten nicht automatisch, sondern nur nach Umsetzung in nationales Recht. Die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB) in Bonn stellt klar: Der slowakische PhD darf nach einem zwischenstaatlichen Abkommen  nur zum "Dr." eingedeutscht werden, "soweit die Ländergesetze dies vorsehen". In Baden-Württemberg wird das bald möglich sein, ein entsprechendes Gesetz ist in Vorbereitung. Laut dem Sächsischen Hochschulgesetz hingegen ist das Umwandeln in einen echten deutschen Doktortitel nicht möglich (außer für Vertriebene und Flüchtlinge).

Angesprochen auf die Rechtslage geben sich ehemalige Eipos-Promovenden ahnungslos. Ein PhD aus Sachsen, der sich die Eipos-Betreuung viel Geld kosten ließ, meint: "Wenn der Architekt oder Ingenieur bei uns im Elbtal Doktor ist, versteht das jeder, aber mit meinem PhD kann doch keiner etwas anfangen, mithin auch ich nicht."

Tatsächlich steckt in einem Eipos-Titel kein gekaufter Schmuck, sondern echte Arbeit. Bewerber bemühten sich in einem dreijährigen Fernstudium mit Präsenzphasen in Dresden um ihren ausländischen Doktortitel. In einer Bewerbung für den öffentlichen Dienst wird ein solcher PhD darum auch einem deutschen Doktor gleichgesetzt.

Trotzdem, so die ZAB, bedeutet das gar nichts für die erwünschte Titelführung als "Dr.". Ein gewiefter PhD, der sich vor vier Jahren mit Eipos' Hilfe seine ausländischen Würden holte, meint gleichwohl, alles richtig gemacht zu haben: "Ich habe mir den Dr. in den Pass eintragen lassen." Das mag vor einer Strafe wegen Hochstapelei  schützen, allerdings könnte die Meldebehörde den Eintrag als rechtswidrig streichen.

Eipos hat inzwischen auf die Drohungen der TU Dresden reagiert. Das Angebot Auslandspromotion ist seit Anfang Oktober von der Internetseite von Eipos e.V. und aus dem Wikipedia-Eintrag über Eipos getilgt. Das Angebot werde "nicht mehr beworben", sagt Geschäftsführer Reese.

Zehn Kandidaten sind Eipos zufolge noch in einem laufenden Promotionsverfahren. Ob sie für ihr Geld am Ende den ersehnten Titel bekommen, ist fraglich.

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