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17. August 2011, 13:01 Uhr

Doktorpfusch

FH-Professorin unter Plagiatsverdacht

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Die Plagiatsjäger von VroniPlag haben eine neue Doktorarbeit im Visier: Diesmal ist kein Politiker der mutmaßliche Übeltäter, sondern eine Hochschullehrerin. Den Doktortitel hat sie aus Polen. Die dortige Uni zeigt sich über die Vorwürfe entsetzt.

Bevor ihre Doktorarbeit bei VroniPlag auftauchte, verabschiedete sich Prof. Dr. Cornelia Eva Scott in den Urlaub. Da ist sie wohl bis heute. Die Plagiatsjägerin Debora Weber-Wulff macht derzeit ebenfalls Urlaub. Deswegen hat sie viel Zeit, Scotts Arbeit zu lesen. "Ich bin sehr verwundert, dass so etwas eine Doktorarbeit darstellt", sagt sie über das Werk der Hochschullehrerin Scott. Und mit Doktorarbeiten kennt Weber-Wulff sich recht gut aus - als Professorin für Medieninformatik und passionierte Plagiatsjägerin bei VroniPlag.

Wenn sich die Plagiatsjäger von VroniPlag einer Doktorarbeit annehmen, bedeutet das für deren Verfasser meist nichts Gutes. Die Politiker Silvana Koch-Mehrin und Georgios Chatzimarkakis sind ihren Titel los, Stoiber-Tochter und Wiki-Namensgeberin Veronika Saß ebenfalls.

Nun untersucht der Schwarm Scotts Arbeit "The influence of national culture on stock option programmes as motivators. The case of managers in Germany", die sie 2007 eingereicht hat. Darin analysiert Scott, welchen Einfluss die nationale Kultur auf die Anwendung von Aktienoptionsprogrammen als Anreizsystem hat. Bislang ist VroniPlag auf 33 von 181 Seiten fündig geworden. Das heißt, auf 18,23 Prozent der Seiten ihrer Arbeit finden sich plagiierte Stellen. Koch-Mehrin stürzte über eine Quote von 34,33 Prozent. Bei Chatzimarkakis waren es 71,58 Prozent.

Basis für wissenschaftliche Karriere

Bei Scott fanden sie also vergleichsweise wenige kopierte Stellen. Sie ist auch keine Politikerin und bekleidet kein öffentliches Amt. Dennoch ist ihr Fall interessant: Scott hat eine Professur für International Management and Finance an der Hochschule Anhalt in Bernburg, Sachsen-Anhalt. Seit 2002 arbeitet sie an der Fachhochschule als Studienfachberaterin, hält Seminare und korrigiert Arbeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses. Zudem ist sie Präsidentin des Bundesverbands Deutscher Volks- und Betriebswirte und sitzt auch im Vorstand von dessen Forschungsinstitut.

Ihr Doktortitel schmeichelt nicht nur ihrem Ego oder dient als Karriereturbo wie bei manchem Politiker oder Manager. Ihr Titel stützt ihre wissenschaftliche Karriere. Auch wenn FH-Professoren nicht zwingend eine Promotion vorweisen müssen, ist es laut Hochschulgesetz von Sachsen-Anhalt dennoch der Regelfall. Zudem müssen sie "besondere Leistungen bei der Anwendung oder Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden in einer mehrjährigen beruflichen Praxis" mitbringen. Ob Scott mit ihrer Doktorarbeit besonderes geleistet hat, wird nun angezweifelt.

Ihre Promotion hat sie an der Wydzial Ekonomii i Stosunkow Miedzynarodowych eingereicht, zu Deutsch: der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Internationale Beziehungen der Wirtschaftsuniversität Krakau. Die Uni sei die größte "School of Economics" in Polen, heißt es auf der Seite des polnischen Wissenschaftsministeriums. 21.000 Studenten lernen dort, darunter war einst wohl auch Scott als PhD-Studentin. Heute kostet das Doktorandenprogramm rund 17.000 Euro. "Wegen der Sommerpause können wir nicht sagen, wie viel Frau Scott damals bezahlte", sagt Lukasz Salwarowski, Mitglied der Hochschulleitung.

Hochschule erfuhr durch Journalisten von den Vorwürfen

Warum sich Scott ausgerechnet für Polen entschieden hat? Ihr Lebenslauf gibt keine Antwort. Sie selbst geht nicht ans Handy und antwortet nicht auf E-Mails.

Nur die "Mitteldeutsche Zeitung" stellte im Oktober 2003 einen Zusammenhang zur Wirtschaftsuni her. Damals war Scott bereits an der Hochschule und bekam Besuch aus Polen: "Dr. Richard Bennett von der Southern Polytechnic State University Atlanta und der polnische Professor Janusz Teczke von der Krakauer Wirtschaftsuniversität sind bewährte Partner für die internationalen Beziehungen der Hochschule Anhalt", schrieb die Zeitung. Scott verantwortet an der Hochschule Anhalt seit 2002 die Zusammenarbeit mit der Uni Krakau. Der damalige Besucher Teczke wurde später der Gutachter von Scotts Doktorarbeit.

Die Hochschule Anhalt erfuhr durch Journalisten von den Plagiatsvorwürfen, sagte deren Sprecherin in der vergangenen Woche. Nachdem sie zunächst vergeblich versucht hatten, Scott zu erreichen, meldete die sich am vergangenen Freitag selbst bei der FH.

Das Ergebnis: eine gemeinsame Presseerklärung. "Auf den Seiten 1, 2, 122 und 176 der Dissertation wurden über die Internetplattform VroniPlag wörtliche oder sinnentsprechend übernommene Passagen aus einem Manuskript (Fernandez, R. [2006] Women, Work and Culture. Material unpublished) dargestellt." Wörtliche Zitate müssten allerdings in einer wissenschaftlichen Arbeit gekennzeichnet werden. "Aufgrund dieser wissenschaftlich-formal nicht korrekten Darstellung in den genannten Abschnitten hat daher Prof. Dr. Scott bei der Wirtschaftsuniversität Krakau beantragt, das Promotionsverfahren auf diesen Aspekt hin zu überprüfen." So lange werde sie auch ihre ehrenamtliche Tätigkeit im Bundesverband ruhen lassen. Mehr möchte sie zu den Vorwürfen nicht sagen.

Der damalige Gutachter bleibt bei seinem Urteil

Allerdings bezieht sich der Plagiatsvorwurf - anders als in der Erklärung suggeriert - nicht nur auf vier, sondern auf 33 Seiten. In der Doktorarbeit, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, hat Scott ganze Textblöcke abgeschrieben, oft mit nur minimalen Änderungen, teilweise wörtlich - ohne Anführungszeichen und Fußnoten.

In Krakau zeigt man sich schockiert: "Das ist der erste Fall, der jemals an unserer Uni vorgekommen ist, deswegen sind wir sehr bestürzt und schockiert, davon zu erfahren. Wir tun aber unser Bestes, das Problem zu lösen", sagt Salwarowski von der Wirtschaftsuni. Schließlich arbeite die Hochschule als erste Uni Polens mit einem strengen Anti-Plagiatsprogramm und wende seit 2009 eine spezielle Software an.

Auch ohne ein solches Programm hätten die Schwachstellen von der Arbeit wohl bemerkt werden können. Scott habe viel aus Handbüchern abgeschrieben, sagt Weber-Wulff: "Das muss jemandem vom Fach eigentlich auffallen."

Gutachter Teczke sagt SPIEGEL ONLINE, er könne beim schnellen Durchsehen der Arbeit keine gravierenden Fehler erkennen. Er bleibe bei seinem Urteil: Damals wie heute schätze er die Doktorarbeit als "sehr gut" ein. Ob er dieses Urteil auch nach einer genaueren Analyse halten kann, ist eine andere Frage.

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