Dominik in Ägypten Roadtrip mit Skorpion

Für einen wilden Wüstenritt verlässt Sprachstudent Dominik Peters das wahlkampfgeplagte Kairo und schnuppert Landluft: Im schrottreifen Jeep geht's durch die libysche Wüste, er speist mit Skorpionen, badet sporadisch - und muss sich am Ende fast um sein Rückfahrtticket prügeln.

Dominik Peters

"Yalla, lass uns Tempo machen", ruft Käpt'n Mahmud. Er zieht seine Sandalen und die Galabija, das traditionelle Gewand, aus, klettert barfuß den Schiffsmast hinauf und setzt die Segel. Der Mittzwanziger mit Bürstenhaarschnitt will noch vor Sonnenuntergang am Nilufer ankern.

Aber der Wind spielt nicht mit, und einen Motor hat die weiß gestrichene "Blue Sky" auch nicht. Er lässt seinen Matrosen die schweren Ruder an Bord holen und kommandiert mich ans Steuer des rostigen Kahns.

In der Abenddämmerung legen wir in Luxor an. In der oberägyptischen Stadt herrscht Volksfeststimmung. Es ist Eid al-Adha, das höchste islamische Fest, und Tag fünf des 3000 Kilometer langen Roadtrips, bei dem mich wechselnde Reisebegleiter durch mein Gastland führen: Ich lasse Parlamentswahlkampf und Revolutionsgetöse in Kairo hinter mir und reise durch die libysche Wüste und ihre Oasen ins Nil-Delta, dann am längsten Fluss der Welt entlang bis kurz vor die sudanesische Grenze im Süden.

Mit Wüstenfüchsen am Lagerfeuer

"Wir treffen uns bei den ersten Bäumen hinter der Erzmine"; mit dieser SMS meines Reisebegleiters Amr als Wegbeschreibung bin ich in Kairo in den Bus gestiegen. Mein erstes Ziel: die Oase Baharija. Dort wartete mein Reisebegleiter Amr auf mich, 27 Jahre alt, schlank und mit einer grünen Kufiya, einem Tuch, auf dem Kopf. Der Beduine spricht kaum Englisch während der fünftägigen Reise durch schwarze und weiße Stein- und Sandwüsten. Er ist damit der ideale Weggefährte, um meine Arabischkenntnisse zu prüfen. Ein besonderes Bonmot liefert mir Amr auch gleich am ersten Tag, "al-Daraga al-Naria", wörtlich übersetzt ein "Feuerfahrrad" - oder auch ganz einfach: ein Moped.

Ohne Navigationssystem und mit lädierter Vorderachse fährt er durch die Wüste und findet trotzdem den richtigen Weg - auch wenn wir immer nach links abdriften. Aber das sei kein Problem, sagt Amr lachend und hält nach rechts dagegen. Auf dem Dach seines Toyota-Jeeps schaukelt unsere gesamte Ausrüstung: Decken, Brennholz, Kochgeschirr und Vorräte. Abends grillen wir am Lagerfeuer und bekommen erst Besuch von Wüstenfüchsen, am nächsten Tag beim Mittagessen dann von Skorpionen. Amr entlocken die nur ein müdes Lächeln.

"Willkommen in Alaska, mein Freund"

Neben wilden Tieren tummeln sich zum Teil höchst skurrile Aussteiger in der Wüste: Die einen bieten meditative Kamel-Touren und Yoga-Kurse an, andere schamanisches Tanz-Trance-Trommeln im Herz-Rhythmus, um sich so auf eine Seelenreise in eine andere Welt zu begeben.

Das Gefühl, in einer anderen Welt zu leben, hat auch Amr in der Wüste jede Nacht aufs Neue - auch ohne Trommeln. Denn selbst unter drei Decken friert er fürchterlich und begrüßt mich bei Sonnenaufgang in der weißen Wüste und milden 18 Grad: "Willkommen in Alaska, mein Freund."

Das letzte Teilstück Wüste begleitet mich dann nicht mehr Amr, sondern Khaled. Amr brachte mich zu ihm in die Oase Dakhla. Khaled trägt farblich passende Badelatschen zu seiner grauen Galabija, die sich über seinen Bauch spannt. Er sitzt auf der Veranda in seinem Palmengarten, der Schlauch seiner Wasserpfeife hängt entspannt im Mundwinkel, und zum Mittagessen lässt er sich doppelt frittierte Chips servieren, die vor altem Fett triefen.

Statt von seinem Gaumenschmaus zu kosten, springe ich lieber in seinen Quell-Brunnen. Der steht mitten in der Wüste, wenige Meter abseits der kleinen Hütten, die er für Durchreisende vermietet. Danach rumpeln wir über eine Schotterpiste ins Niltal, diesmal im Kleinbus, vier Stunden dauert die Fahrt. So viel Zeit lassen sich die meisten anderen Touristen nicht. Immer wieder sehe ich, wie sie mit Kameras bewaffnet die historischen Stätten der Pharaonen eilen und Nippes kaufen, darunter auch Figürchen mit Riesen-Penissen aus Stein zu Wucherpreisen.

Am letzten Tag meiner Tour mache ich mich am frühen Morgen auf dem Weg zum Bahnhof in Assuan, um ein Zugticket nach Kairo zu bekommen. Es heißt, seit mehr als einer Woche seien alle Züge ausgebucht, auch der Schwarzmarkt sie wie leergefegt.

Morgen gibt's Fahrkarten, so Gott will

Ich versuche mein Glück trotzdem und bin aufgrund der zu Ende gehenden Feiertage nicht allein: Mit mir warten rund fünf Dutzend Ägypter am Männerschalter. Irgendwann fangen sie an zu schreien, zu gestikulieren und zu schubsen, später schlagen sie sich und überrennen den Schalter fast. Ich starte einen letzten Versuch, drängle mich durch und frage nach. "Morgen gibt es wieder Zugtickets", raunzt der Schalterbeamte mit der Zigarette im Mund zurück und schiebt ein "inshallah", so Gott will, nach.

Auf dessen Hilfe will ich aber nicht vertrauen, schließlich muss ich zur Universität und zum Sprachkurs in die Hauptstadt. Stattdessen stehe ich mit meinem Rucksack um 16 Uhr auf Gleis zwei, die Sonne geht fast unter, der Zug rollt ein. Einen Ausländer werden sie schon nicht irgendwo im Nirgendwo rausschmeißen, denke ich und springe kurz vor der Abfahrt auf. Danach fahre ich 13,5 Stunden ohne Sitz-, dafür mit Stehplatz neben der Toilette für ein paar Ägyptische Pfund Aufpreis und einem väterlich bösen Blick des Schaffners durch die Nacht nach Kairo.

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
traveller72 22.11.2011
1. grober Fehler
Die "Lybische Wüste" oder auch "Westliche Wüste" liegt zum größten Teil in Ägypten. Ziemlich unwahrscheinlich, daß der Reisende auf seinem Niltrip in Lybien war, aber wenn man sich von der Bezeichnung "Lybische Wüste" blenden lässt und nicht genauer recherchiert....
Layer_8 22.11.2011
2. seufz
Zitat von sysopFür einen wilden Wüstenritt verlässt Sprachstudent Dominik Peters*das wahlkampfgeplagte Kairo und schnuppert Landluft: Im schrottreifen Jeep geht's durch Libyen, er speist mit Skorpionen, badet sporadisch - und muss sich am Ende fast um sein Rückfahrtticket*prügeln. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,798237,00.html
das erinnert mich ein meine erste Reise außerhalb Europas 1987. Habe damals in Ägypten fast die gleiche Tour gemacht und danach noch über Jordanien und Syrien die Türkei bereist und am Schluss nen Bus von Istanbul nach München genommen. O schöne Studentenzeit, sie kommt nie wieder...
blizzly 23.11.2011
3. Darstellung zu selektiv
Das Oberthema heißt "Auslandsstudium AFRIKA", da ist es nicht verwunderlich, dass Busse alt sind und die Menschen ohne TomTom-Nav von Mediamarkt in die Wüste fahren. Man muss diese negativen Dinge nicht so sehr herausheben. Es gibt soviel schöne Dinge und Momente in Ägypten, beispielsweise wenn man abends durch die Straßen Kairos geht, der Muazzin ruft, in der Luft der Duft von getrockneten Früchten und Gewürzen liegt und einem die Einheimischen "Welcome Egypt" zurufen. Darüber hinaus hat das Chaos, Durcheinander und die Unorganisiertheit, die es zweifellos gibt, auch etwas schönes und enspanntes im Vergleich zum durchstrukturierten Deutschland. Das kann man gerne mal betonen. Einige Monate als Deutscher in Ägypten zu verbringen ist keine Pionier-Arbeit. Das machen Hunderte jedes Jahr. Darüber öffentlich schreiben hingegen, das machen nur wenige. Deshalb ist es wichtig, dass die Darstellung ausgeglichen und nicht selektiv ist. In Ägypten ist vieles anders als in Deutschland, das ist keine Frage und darauf sollte man sich einlassen, wenn man dorthin fährt. Es ist allerdings keine Reise zum Mond und die Ägypter sind keine Außerirdischen.
blizzly 23.11.2011
4. Darstellung zu selektiv
Das Oberthema heißt "Auslandsstudium AFRIKA", da ist es nicht verwunderlich, dass Busse alt sind und die Menschen ohne TomTom-Nav von Mediamarkt in die Wüste fahren. Man muss diese negativen Dinge nicht so sehr herausheben. Es gibt soviel schöne Dinge und Momente in Ägypten, beispielsweise wenn man abends durch die Straßen Kairos geht, der Muazzin ruft, in der Luft der Duft von getrockneten Früchten und Gewürzen liegt und einem die Einheimischen "Welcome Egypt" zurufen. Darüber hinaus hat das Chaos, Durcheinander und die Unorganisiertheit, die es zweifellos gibt, auch etwas schönes und enspanntes im Vergleich zum durchstrukturierten Deutschland. Das kann man gerne mal betonen. Einige Monate als Deutscher in Ägypten zu verbringen ist keine Pionier-Arbeit. Das machen Hunderte jedes Jahr. Darüber öffentlich schreiben hingegen, das machen nur wenige. Deshalb ist es wichtig, dass die Darstellung ausgeglichen und nicht selektiv ist. In Ägypten ist vieles anders als in Deutschland, das ist keine Frage und darauf sollte man sich einlassen, wenn man dorthin fährt. Es ist allerdings keine Reise zum Mond und die Ägypter sind keine Außerirdischen.
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