Dominik in Kairo Drama, Arabisch-Schüler, mehr Drama

Wenn ihr Vokabeln vergesst, bringe ich euch um! Die drastische Pädagogik seines Kairoer Arabisch-Lehrers beeindruckt Dominik Peters schwer. Sparen er und seine Mitschüler am Vorlese-Pathos, wird der Mann erst richtig rasend: Er stampft und springt vom Stuhl wie ein Derwisch auf Droge.

Dominik Peters

"Drama, mehr Drama. Ich will mehr Drama in deiner Stimme hören", schreit der kleine Mann, der vielleicht, 1,65 Meter, maximal 1,70 Meter misst und mir bis zur Schulter geht. Bis eben war ich müde, jetzt bin ich wach und sitze im kleinen Klassenraum kerzengerade auf meinem Stuhl. Es ist Montagmorgen, neun Uhr, und der erste Tag an der Sprachschule, an der ich bis zum Semesterbeginn im Oktober mein Wissen auffrischen will. Der kleine Mann, der sich vor fünf Minuten noch mit einem Lächeln als "euer Lehrer Rafik" vorgestellt hat, ist gerade explodiert.

Rafik flucht, rennt wie ein Derwisch auf Speed im Kreis, setzt sich, stampft mit seinen braunen Cowboystiefeln auf, springt vom Stuhl, das graue Hemd rutscht aus seiner engen Bluejeans. Er ist völlig fertig. Und das nur, weil ein Mitschüler einen fiktiven Text über den jungen Franklin D. Roosevelt nicht mit genug "Drama" gelesen hat. Drei Stunden geht das so.

Dann verabschiedet sich Rafik mit einem heiseren Lachen und einer Warnung: "Wenn ihr die neuen Wörter vergesst, dann bringe ich euch um." Irre, denke ich - aber gut. Die anderen offenbar auch.

Die anderen sind weitgereist und polyglott: Da ist Sahra, eine Marokkanerin aus Fés, die in der Schweiz lebt und Spanisch mit Filia spricht, die bis vor kurzem in Syrien war, auch Französisch kann und nun in Ägypten Arabisch lernen will; daneben Beth aus England, die Manchester-Slang spricht und neben Arabisch auch Germanistik studiert.

Lauter, länger, größer: Kindergeburtstag auf Ägyptisch

Im Dialekt-Sprachkurs, der 60 Minuten, zwei Bananen und einen Kaffee später beginnt, sitzen außerdem Karin, eine Peruanerin, Ende 20, aus Lima, die in Kairo Bauchtanzkurse für Jungs auf Englisch gibt und Enrico aus Bologna, der es in einer Fünf-Minuten-Pause schafft, gleich zwei Zigaretten zu rauchen und einen guten Filmgeschmack hat. Gestern hat er "Good bye, Lenin" auf Italienisch geschaut.

Dieser Kurs ist wichtig. Niemand spricht im Alltag die Schriftsprache Hocharabisch. Ein anderer Lehrer kommt herein, Typ: gemütlicher Grüßonkel. Sein Name sei Rafat, sagt er, seine Heimat Assuan in Oberägypten. Mitgebracht hat Rafat die KKK-Regel: Konsonant, Konsonant, Konsonant. Drei davon hintereinander, wie r-l-b in Marlboro, sind für ägyptische Zungen nur schwer auszusprechen, sagt Rafat. Also kommt ein Vokal rein - und es wird Marliboro daraus. Am Ende der Stunde gibt es von ihm dann noch ein lang gezogenes "Alllaaaahhhuuuu Akbar" zum Abschied. "Gott ist groß", sie haben alles verstanden.

Auf dem Heimweg kaufe ich im Supermarkt Wasser. Zwölf Flaschen zu 1,5 Liter. An der Kasse kommt der Filialleiter auf mich zu gerannt und erklärt mit wichtiger Miene, diesen schweren Karton müsse ich natürlich nicht selbst nach Hause tragen. "Wer sonst", frage ich verdutzt. Die Antwort gibt mir ein schnauzbärtiger älterer Mann in einer grünen Schürze: Er reißt mir den Karton aus den Händen, schultert ihn und stapft los. Ich bin baff, gehe hinterher, will meinen Karton zurück und alleine tragen; sage, dass sei nicht nötig, bitte und bettele. Ohne Erfolg.

Wir laufen zu mir, minutenlang. Er, kurz vorm Rentenalter, schwitzend und schnaufend vorne. Ich, Anfang 20, ebenfalls schwitzend und schämend hinterher, bis zu meinem Haus, vor dem der Bawab, eine Mischung aus Hausmeister und Conciergé, sitzt und wie meine neuen Nachbarn immer freundlich winkt. Deren kleine Kinder feiern abends wie die großen.

Al-Azhar-Park: Rückzugsgebiet bei akutem Kairo-Koller

An meinem sechsten Geburtstag gab es selbstgebackenen Apfelkuchen und warme Wiener, wir haben Topfschlagen gespielt und Lieder von Rolf Zuckowski auf einem Kassettenrekorder gehört. Hier ist alles größer, lauter und länger. Bis weit nach Sonnenuntergang vibrieren meine Fenster im fünften Stock durch den Bass der Boxen, die auch bei "Rock am Ring" stehen könnten, um die aber Kinder in Tabaluga ähnlichen Kostümen tanzen, während der Vater den DJ gibt.

Ich kann nicht lernen, putze stattdessen meine Wohnung. Mit "Mr. Muscle", dem ägyptischen "Meister Proper", der keine Glatze hat, stattdessen volles dunkles Haar. Nebenbei lasse ich "Goldi" laufen - meine Waschmaschine. Einziger Haken: Keines der 18 verschiedenen Programme funktioniert. Ich muss das Wasser manuell abpumpen und auf Handwäsche umsteigen.

Am nächsten Morgen schlendere ich über Suks und genieße nachmittags die grüne Lunge der Mega-City - den autofreien al-Azhar-Park, ein 30 Millionen US-Doller teures Geschenk des Aga Khan an alle, die vom Kairo-Koller befallen sind. Ich bin es noch lange nicht, betreibe aber Prophylaxe.

Die Sonne färbt das Wasser der Springbrunnen, der künstlichen Seen und die Blumen auf den riesigen Rasenflächen in fantastische Farben, bis sie blutrot untergeht - und ich nach Hause fahre. Um meine arabischen Texte zu lesen. Natürlich mit viel Drama.

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Seite 1
sprechweise, 16.09.2011
1. Passt
Zitat von sysopWenn ihr Vokabeln vergesst, bringe ich euch um! Die drastische Pädagogik seines Kairoer Arabisch-Lehrers beeindruckt Dominik Peters schwer. Sparen er und seine Mitschüler am Vorlese-Pathos, wird der Mann erst richtig rasen: Er*stampft und springt vom Stuhl wie ein Derwisch auf Droge. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,786176,00.html
Erziehung/Ausbildung per Morddrohung? Wer hält sowas denn für gut? Fazination des Unsinnigen, des Brutalen, des Bösen? Früher oder später wird wirklich gemordet Passt zu einer Kultur, die Pathos über Argumente stellt. Klar, und wenn die Argumente nicht zu schlagen sind, dann vielleicht aber der Kopf .. ab.
spon-1278599222267 16.09.2011
2. Auf deutsche Reflexe...
... kann man immer zählen. Natürlich ist die Pädagogik scheußlich und führt unweigerlich zu Anschlägen, Massenmord und Atomwaffen. Genauso wie Videospiele, Internet, Discos und die moderne Jugend. Jetzt mal ehrlich. Gehen wir doch mal ein bisschen unverkrampfter durchs Leben. Ach ja, das kann man übrigens auch von anderen Kulturen lernen. @sprechweise: Fliegen Sie doch mal für 2-3 Wochen nach Kairo und erleben/verstehen Sie die Kultur. Sie werden sehen, es bringt Sie weiter. Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit, Bratwurst, Arbeit, Bier, Arbeit und staatlicher Rentengarantie auf Mallorca.
Layer_8 16.09.2011
3. .
Zitat von spon-1278599222267... kann man immer zählen. Natürlich ist die Pädagogik scheußlich und führt unweigerlich zu Anschlägen, Massenmord und Atomwaffen. Genauso wie Videospiele, Internet, Discos und die moderne Jugend. Jetzt mal ehrlich. Gehen wir doch mal ein bisschen unverkrampfter durchs Leben. Ach ja, das kann man übrigens auch von anderen Kulturen lernen. @sprechweise: Fliegen Sie doch mal für 2-3 Wochen nach Kairo und erleben/verstehen Sie die Kultur. Sie werden sehen, es bringt Sie weiter. Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit, Bratwurst, Arbeit, Bier, Arbeit und staatlicher Rentengarantie auf Mallorca.
hihi, Sie haben ja so recht. Bin in meiner Studentenzeit ganz gut um die Welt gekommen, Afrika, Asien, und hab dabei mindestens genausoviel gelernt wie auf der Uni. Aber die meisten Michels hier in D können das nicht begreifen
diedickesophie 16.09.2011
4. Wieder mal typisch
Bei den edlen Völkern hat man für "ich bring dich um, wenn du nicht lernst" ein verständnisvolles Schmunzeln übrig. Wohlwollend wiegt man den Kopf und sinniert darüber, wie sehr es dortzulande doch menschelt. Umgekehrt wittert man ein viertes Reich, wenn hierzulande eine Kinderseele grausam gebrochen wird durch eine....Schulnote.
caro1986 16.09.2011
5. Wie witzig
Bei den Musels ist eben alles lustig. Schlechtes Benehmen? Witzig! Mangelndes Taktgefühl? Witzig! Kein Leistungswille? Witzig! Immer beleidigt sein? Witzig! Der "Autor" gehört genau zu dem Typ Mensch, der sich ein bischen Armut gern in wohl proportionierten Dosen verabreicht. Das ist ja so aufregend, wenn man mal nichts sauberes zum Essen hat, so unglaublich alternativ und ausgeflippt. Diesen Lifestyle muss man sich eben leisten können.
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