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Als deutscher Student in Kairo: Ankommen im Chaos

Foto: Dominik Peters

Dominik in Kairo Wo es brodelt, riecht und stinkt

Kein Handy, keine Wohnung, keine Freunde - und das im Moloch Kairo: Ein Jahr will Dominik Peters, 23, in der arabischen Metropole studieren, doch der Start verläuft holprig. Tapfer nimmt er den Kampf mit dem nachrevolutionären Chaos auf - und muss dabei ausgerechnet an Sigmar Gabriel denken.

Kairo, nachts um 4 Uhr: Der Mann trägt eine weiße Galabija, die an den Beinen ein Rock und am Oberkörper ein langärmeliges Hemd ist, schwarze Sandalen, eine schwarze Uhr und eine schwarze Brille. Sein Bart war früher vermutlich auch schwarz, jetzt ist er grau und akkurat geschnitten. "Willkommen in Ägypten, Sir", sagt er auf Arabisch und hält mir seine weiche, feuchte Hand entgegen, damit ich sie schüttle.

Seinen Namen verrät er mir nicht - aber er könnte ohne weiteres als Cat Stevens alias Jusuf Islam durchgehen, und es würde mich nicht wundern, wenn er gleich "Lady D'Arbanville" singt. Macht er aber nicht.

Stattdessen verlassen wir den Flughafen und gehen zu seinem Auto. Meinen Rucksack werfe ich auf die Rückbank, mein Restgepäck passt nicht mehr rein. Auch nicht in den Kofferraum. "Kein Problem", sagt er, holt ein Seil aus seinem uralten schwarzen Lada, Typ 2107, hervor und lässt mich den Koffer auf das Dach werfen und festzurren. Er fragt: "Hält's?" Ich antworte: "Hoffentlich."

Kurz vor Sonnenaufgang schwitzend im Superstau

Die 20 Kilo schaukeln hin und her, während wir über Schlaglöcher rasen, vorbei an klapprigen Minibussen und frisierten Mopeds, auf denen drei, manchmal vier Jungs sitzen. Kurz vor Sonnenaufgang stecken wir schwitzend im Superstau; im alten islamischen Viertel rund um die berühmte Al-Azhar-Moschee und dem Khan-al-Khalili-Bazar mit seinen dutzenden kleinen Gassen gibt es nur noch Stopp, keinen Meter Go.

Es ist laut, es wird gehupt. Aus den Radioboxen knarzen Koranverse. Es ist schrecklich schwül. Es riecht und stinkt, mal nach Müll, der am Straßenrand liegt, mal nach Gegrilltem, auch am Straßenrand.

Mir fällt in diesem Moment nur ein Satz ein. Ausgerechnet von Sigmar Gabriel: "Wir müssen raus ins Leben; da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt." Da bin ich nun. Mitten in Kairo, der post-revolutionären Mega-Metropole und mit rund 16 Millionen Einwohnern die größte Stadt der arabischen Welt. Ein Jahr als Student liegt vor mir. Nach sechs Semestern grammatikalischen Trockenübungen und quälender Lektüre toter arabischer Dichter und Denker wurde es langsam Zeit für den Ernstfall.

Frieren in der Nähe des Tahrir-Platzes

Am nächsten morgen bin ich auf der Suche nach einem Handy mit ägyptischer Sim-Karte. Ich habe sieben Tage Zeit, um eine Wohnung zu finden. Solange ist mein spartanisches Hotelzimmer auf dem Dach eines baufälligen Hauses in Downtown gebucht. "Ramadan karim" steht in roter Schrift auf einem blauen Banner an einer Wand , der übliche Gruß zum Fastenfest. Der kleine Verkäufer grüßt nicht, aber er lächelt hinter seinem großen Tisch. Ich nicht, ich friere. Die tropfende Klimaanlage verwandelt den Handyladen in der Nähe des Tahrir-Platzes in einen Kühlraum.

Fünf Minuten später und 250 ägyptische Pfund ärmer, knapp 30 Euro, habe ich ein Handy und suche im Internet nach einer Wohnung. Meine Befürchtung: Wenige Tage vor "Eid al-Fitr", dem dreitägigen Fest des Fastenbrechens, in etwa so erfolgversprechend wie eine Wohnungssuche am Weihnachtsvorabend.

Ich rufe die erste Nummer an: "Hallo, ich suche eine Wohnung", sage ich. "Kein Problem", stöhnt eine Stimme. Treffer. Er stellt sich als Mahmud vor und klingt müde. Wir verabreden uns um 21.30 Uhr, an einer U-Bahnstation.

Es wird 22.30 Uhr. Mahmud riecht nach markant-maskulinem Aftershave und hat Arme wie ich Oberschenkel. Die erste Wohnung ist abgebrannt, die zweite für eine Großfamilie. "Kein Problem. Im selben Haus habe ich noch eine", sagt er. Drei Wohnungen in einem Haus? Muss ja eine tolle Gegend sein, denke ich.

Eine alte Frau öffnet die Tür, in der Ecke sitzt ihr Mann in einer blauen Jogginghose aus Ballonseide und Feinrippunterhemd auf der Couch. Die ist schön. Wie die ganze Wohnung. Aber zu teuer. Mahmud ist verzweifelt, meint aber, er hätte da was: "Richtig neu, Toplage."

Notration für deutschen Magen: Bifi und Butterkekse

Das mit der Toplage stimmt. Neu, das stimmt nicht wirklich. Ein Geruch von 4711 liegt in der Luft. Die Wände: rosa. Das Bett: gold-grün. Die schwere Schrankwand: schwarz. Und in jedem Zimmer stehen mindestens zwei Aschenbecher, groß wie Suppenteller - in Deutschland wäre das ein Fall für TV-Renoviererin Tine Wittler. Hier aber muss ich Mahmud enttäuschen.

Nach drei Tagen und endlosen Telefonaten, nächtlichen Treffen an U-Bahnschächten und vier weiteren Wohnungsbesichtigungen habe ich endlich ein Dach über dem Kopf. Eine Wohnung, die neben einem riesigen Balkon auch noch einen Schreibtisch hat - die erste. Und Freizeit, für Kairo und Dokki, mein neues Wohnviertel voller Kontraste.

Dort, wo morgens Männer Bretter voller frischer Fladenbrote auf dem Kopf durch die Straßen balancieren und nachmittags Melonen- und Feigenverkäufer mit ihren Eselskarren von Ecke zu Ecke ziehen. Wo es aber auch Supermärkte gibt, die zu Schweizer Preisen Barilla-Nudeln aus Italien, Marillenmarmelade aus Frankreich und geräucherten Schinken aus Spanien verkaufen.

Ich esse lieber Kebab, Köfte oder Kuschari - ein einfaches Gericht aus Linsen, Reis und Nudeln gemischt mit gerösteten Zwiebeln, Knoblauch und Tomatensauce.

Am nächsten Tag allerdings fühle ich mich, als würde es mit mir zu Ende gehen. Der Reiseführer hatte zwar gewarnt: "Da viele Tiere an Tollwut leiden, sollte man auf keinen Fall frei lebende Fledermäuse oder Affen streicheln." Ich hielt mich daran, aber das Essen hat mir trotzdem erst mal den Magen zerrissen. Egal. Die nächsten Tage greife ich zur Notration: Bifi und Butterkekse.

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