Donots-Gitarrist Alex Songideen in der BWL-Stunde

Für Alex Siedenbiedel, 30, sind Vorlesungen vor allem soziale Events. Der Donots-Musiker hat Betriebswirtschaft studiert und vermisst das Studentenleben schon. Darum hat er gleich die nächste Herausforderung an der Uni angenommen - die Promotion.


Das BWL-Studium hat Alex Siedenbiedel letztes Jahr beendet - für die Diplomarbeit nahm er bei der Band eine Auszeit von sechs Wochen. Inzwischen promoviert er in Münster über "Umstrukturierungen in der Musikindustrie".

"Das Studium war schon nicht immer einfach. Gerade, wenn ich Klausuren schrieb und wir gleichzeitig auf Tour waren. Einmal bin ich nach einem Konzert in Stuttgart schnell zum Bahnhof gefahren, um den Nachtzug zu erwischen. Um 8 Uhr war ich in Münster und schrieb um 9 Uhr meine Klausur. Danach ging es zurück zum Bahnhof, um zum nächsten Konzert nach München zu fahren. Nachts wieder zurück, wieder Klausur schreiben. Das war die Hölle. Da bin ich auch bei einigen Prüfungen durchgefallen.

Um die Uni kümmerte ich mich vor allem zu Hause, weil ich viel aufholen musste. Es war anstrengend. Ich habe immer wieder ans Aufhören gedacht. Dann habe ich mir gesagt: Wenn du dir ein bisschen in den Arsch trittst, kannst du weitermachen. Selbst wenn du nur zwei Klausuren im Semester schreibst, kommst du weiter.

Das war auch ein Grund, warum ich mir BWL ausgesucht habe: Null Fristen, keine Anwesenheitspflichten. Seit 1998 bin ich eingeschrieben: 17 Semester, drei davon sind aber Urlaubsemester. Mein großes Ziel war, mit dem Studium fertig zu sein, bevor ich 30 werde. Das hat auch noch hingehauen. Ich hätte es echt nicht gedacht, aber nun bin ich fertig.

Lernen, wenn die anderen ausschlafen

Wenn du sechs Wochen auf Tour bist, willst du nicht jeden Abend feiern - finde ich. Ich bin immer sehr früh aufgestanden und hatte den Vormittag häufig für mich allein, wenn die anderen bis in die Puppen gefeiert haben. Auf Tour hast du sonst nie Ruhe, weil immer nur Halligalli um dich herum ist. Das war mein morgendlicher Luxus: Alle schlafen, totale Ruhe - und du lernst. Ich saß dann ganz alleine und las Bücher. Echt schön.

Irgendwann habe ich aufgehört, die Vorlesungen als Lehrveranstaltung zu nehmen. Für mich war das ein sozialer Event - wie ins Kino gehen. Das Studium war optimal als Gegengewicht zur Musik: Da sein, gucken und versuchen, mitzudenken. Leute treffen, die gar nichts mit dem Musikkram zu tun haben.

Trotzdem: In den schwierigsten Vorlesungen hatte ich die meisten Songideen. Die musste ich schnell aufschreiben oder mit dem Handy aufnehmen. Wahrscheinlich hat sich das Gehirn so einen Fluchtweg gesucht. Gerade die Vorlesungen vermisse ich.

Inzwischen hab ich eine Promotionsstelle gesucht und gefunden - und das sogar in Münster. Mein Thema lautet 'Umstrukturierungen in der Musikindustrie'. Das passt doch! Für Doktoranden bietet Münster eigene Lehrveranstaltungen. Vielleicht komme ich da rein und in den Vorlesungen wieder zu Liedideen."

Aufgezeichnet von Jan Hauser

Außerdem in der Woche der Musikerstudenten:

Jan Hauser
Montag: "Wir hatten schon dicke Shows gespielt. Aber die mündliche Zwischenprüfung war viel schlimmer. Da habe ich mir fast in die Hose geschissen" - Johannes Strate, 27, Revolverheld-Sänger und beurlaubt von den Kulturwissenschaften

Jan Hauser
Mittwoch: "Ich werde nicht mein Leben lang das machen, was ich gerade mache. Ich könnte wieder an die Uni gehen und würde dann gern Zahnmedizin studieren" - Eva Briegel, 28, Juli-Sängerin und Abbrecherin mehrerer Studienfächer

Sven Sindt / upfront.de
Donnerstag: "Was verbindet Musik und Physik? Du weißt vorher nie, was passiert, bevor du es nicht im Labor oder im Studio probierst" - Bernhard Wunderlich alias Holunder, 31, Rapper bei Blumentopf und Biophysik-Doktorand

Jan Hauser
Freitag: "Mein Studium war eine Katastrophe. Ich dachte, alle wären cool und hören Tocotronic. Leider war das nicht so" - Sebastian Madsen, 25, Sänger bei Madsen und Germanistik-Abbrecher

Jan Hauser
Samstag: "Mathematiker sind sehr diszipliniert und gehen immer nach den gleichen Schritten vor. Ich denke zu sehr geradeaus - das ist in der Musik nicht so gut" - Thorben Weiner, 23, Gitarrist bei Pete Blume und Mathe-Student



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