Dozent als Haiti-Helfer "Wir sind Soldaten der Bildung"

Im Januar starben bei einem Erdbeben in Haiti rund 300.000 Menschen, darunter auch Tausende von Studenten und Dozenten. Jean Marie Théodat, 49, lehrt Geografie an der Sorbonne in Paris. Im UniSPIEGEL-Interview spricht er über seinen Einsatz vor Ort und Seminare zwischen Ruinen.


UniSPIEGEL: Herr Théodat, wie haben Sie das Erdbeben am 12. Januar in Haiti erlebt?

Théodat: Ich weiß es noch genau. Es war ein Dienstag. Ich kam von einer späten Gremiumssitzung an der Sorbonne nach Hause und hatte eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter. Ich versuchte, meine Verwandten zu erreichen, aber es gab kein Durchkommen. Erst nach 24 Stunden erfuhr ich endlich über mehrere Ecken, dass meine Mutter noch lebt. Ich habe dann sofort einen Flug gebucht.

UniSPIEGEL: Wo sind Sie untergekommen?

Théodat: Ich wusste, was mich erwartet, und hatte mein Zelt eingepackt. Mittlerweile habe ich eine Wohnung gefunden.

UniSPIEGEL: Sie sind in Haiti aufgewachsen?

Théodat: Bis zu meinem 18. Lebensjahr habe ich dort gelebt, bin dann nach Paris gegangen, studierte an der Sorbonne und wurde schließlich Dozent. Die vorlesungsfreie Zeit verbrachte ich meist in Haiti, um dort zu unterrichten. Ich war inzwischen schon mehr als 20-mal dort.

UniSPIEGEL: Findet überhaupt Unterricht statt?

Théodat: Das ist, je nach Fachbereich, unterschiedlich. Ich selbst kümmere mich gerade um ein Geografie-Institut, das komplett zerstört wurde. Es befand sich direkt neben dem Justizpalast, der durch das Erdbeben einstürzte. Nun unterrichte ich in einer Holzhütte. Bei Regen funktioniert das ganz gut, aber wenn die Sonne scheint, wird es drinnen unerträglich heiß. Wie in einem Gewächshaus!

UniSPIEGEL: Trotz Überlebenskampf und Aufbauarbeit kommen die Studenten zum Unterricht?

Théodat: Ich habe etwa 50 Studenten. Die meisten arbeiten tagsüber als Lehrer, die Seminare sind am Nachmittag. Einige leben immer noch in Notlagern und Zelten. Eines der größten Probleme ist die Anreise: Von den Armenvierteln in den Vororten brauchen sie mehr als eine Stunde, um herzukommen. Aber alle sind sehr motiviert - sie fühlen sich wie Soldaten der Bildung, die nicht mit Waffen kämpfen, sondern mit Wissen.

UniSPIEGEL: Wären Fächer wie Medizin, Architektur oder Stadtplanung wichtiger als Geografie?

Théodat: Nein, wir brauchen eine breite Bildungsoffensive. Die Schulen des Landes müssen in allen Fächern besser werden, sonst hat die heranwachsende Generation keine Chance, die gewaltigen Probleme zu bewältigen. Als Geografiedozent unterrichte ich übrigens auch Seismologie - Sie müssen zugeben, dass das ein absolut lebensnahes Fach ist! Wir hatten erst vor ein paar Tagen wieder ein Erdbeben.

UniSPIEGEL: Wie sehr interessieren sich die Studenten - unter solchen Umständen - für Politik?

Théodat: Sehr, es ist ja alles verwoben. Derzeit ist mein Thema bei der Lehrerfortbildung die Beziehung zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik. Ich habe dazu vor einigen Jahren schon ein Buch geschrieben: "Une île pour deux" - eine Insel, zwei Staaten. Viele Haitianer, die ja Französisch und Kreolisch sprechen, betrachten die spanischsprachige Domrep mit Misstrauen, vielleicht sogar mit Feindseligkeit. Was für ein Unsinn! Das erste Staatsoberhaupt, das uns nach dem Erdbeben besuchte, war doch Leonel Fernández, der Präsident unseres Nachbarlandes! Ich sehe es als meine Pflicht als Akademiker an, derlei dumme, selbstzerstörerische Vorurteile zu bekämpfen. Ich übe mit den Geografielehrern ein, wie sie die Kinder dazu bringen können, Dinge zu hinterfragen. Nur so haben wir eine Chance, eine bessere Zukunft für Haiti zu schaffen.

UniSPIEGEL: Bei dem Erdbeben kam fast eine Viertelmillion Menschen ums Leben. Wie sehr sind die Universitäten betroffen?

Théodat: Rund 6000 Studenten sind umgekommen und über 200 Professoren und Dozenten. Damit fehlen viele der größten Hoffnungsträger für den Wiederaufbau. Nehmen Sie zum Beispiel Georges Anglade. Anglade war Schriftsteller, aber auch der bekannteste Geograf des Landes, er hat die wichtigsten Lehrbücher verfasst, außerdem mischte er sich in der Politik ein und wurde unter Präsident Aristide 1991 Minister. Auch Anglade ist beim Erdbeben umgekommen. Das Erdbeben ist eine Katastrophe für das akademische Haiti.



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