Psychologischer Trick Wie egoistisch sind Studenten?

Ein US-Professor stellt Studenten vor die Wahl: Wollen sie der Gemeinschaft nutzen - oder Extrapunkte für sich selbst absahnen? Hier verrät Dylan Selterman, wie egoistisch sich seine Kursteilnehmer entscheiden.
Studenten am Bildschirm (Archiv): Wichtige Entscheidung am Schluss der Prüfung

Studenten am Bildschirm (Archiv): Wichtige Entscheidung am Schluss der Prüfung

Foto: Corbis

Die Seminararbeit in Sozialpsychologie war geschrieben, die Prüfung am Computer abgelegt - da öffnete sich für Shahin Rafikian, Student an der Universität von Maryland, noch eine weitere Bildschirmseite. Ob er zwei oder sogar sechs Extrapunkte haben wolle, wurde der Bachelorstudent gefragt - er müsse nur das entsprechende Feld anklicken. "Aber es gibt einen kleinen Fallstrick: Wenn sich mehr als 10 Prozent der Klasse für sechs Punkte entscheiden, bekommt niemand etwas", hieß es weiter.

Die Frage ist eine Abwandlung des so genannten "Gefangenendilemmas", einer in der Psychologie bekannten Situation, bei der zwei unabhängig voneinander befragte Täter sich entscheiden müssen: Leugnen sie beide ihre gemeinsame Tat, bekommen sie wegen vorliegender Indizien trotzdem eine geringe Strafe. Gesteht nur einer, kommt er mit einer Kronzeugenregelung und straffrei davon, der andere bekommt die Höchststrafe. Gestehen beide, wartet auf sie ein mittleres Strafmaß.

Das Dilemma besteht darin, dass sich der Einzelne zwischen sozialem Handeln und Egoismus entscheiden muss und es dabei nicht nur auf seine eigene Wahl, sondern auch die der anderen ankommt. Was also, fragte sich Shahin Rafikian, sollte er tun? Eigennützig die sechs Extrapunkte anklicken - oder im Sinne seiner Mitstudenten nur zwei Punkte wählen?

Genervt twitterte Rafikian die Frage, welch ein Professor seinen Studenten so eine Entscheidung zumute.

Mehrere tausend Mal wurde Shahins Post innerhalb kürzester Zeit geteilt - und irgendwann meldete sich auch Dylan Selterman, Psychologe und Dozent an der Universität von Maryland , mit der lapidaren Feststellung: "Ich bin dieser Professor. Freut mich, wenn Du Spaß dran hattest."

Wie Shahin Rafikian später der "Baltimore Sun " verriet, entschied er sich letztlich für zwei Zusatzpunkte. Er habe gewusst, dass garantiert einige Kommilitonen nur in ihrem eigenen Interesse handeln und die sechs Punkte wählen würden, aber trotzdem gehofft, dass das nicht mehr als zehn Prozent des Kurses wären.

Ob er damit richtig lag? Dylan Selterman verrät es im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Zur Person
Foto: Dylan Selterman

Dylan Faulkner Selterman ist Dozent für Sozialpsychologie an der University of Maryland, USA. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Fragen von Ethik und Moral in zwischenmenschlichen Beziehungen und ist am DREAM-Labor aktiv. Das Akronym steht für "Dreams, Relationships, Emotions, Attraction and Morality".

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie den Studenten diese etwas gemeine Frage am Ende der Prüfung gestellt?

Dylan Selterman: Sie dient dazu, die Prinzipien sozialen Verhaltens in Gruppen zu verdeutlichen. Die Studenten lernen damit etwas über Spieltheorie und über das Dilemma zwischen eigennützigem Verhalten und einem Verhalten, das für die Gruppe am besten ist. Damit kommen sie den Entscheidungen in Gesellschaften sehr nahe, wenn es zum Beispiel um Wasser, Lebensmittel oder Grundstücke geht.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Studenten denn abgestimmt? Waren sie eigennützig oder hat der ganze Kurs profitiert?

Selterman: Normalerweise bekommen die Studenten bei diesem Spiel keine Punkte. Stets sind zu viele im Seminar dabei, die die eigennützige Option mit sechs Punkten wählen - und damit die Chance für alle zunichtemachen. Ich unterrichte diesen Kurs seit 2008, und seitdem haben es die Studenten nur ein einziges Mal geschafft, als Gemeinschaft Extrapunkte zu bekommen. Die Teilnehmer haben dann auch wirklich die zusätzlichen Punkte erhalten. Aber meistens ist die Versuchung einfach zu groß, sich für sechs mögliche Punkte zu entscheiden. Auch diesmal haben rund 20 Prozent für sechs Punkte gestimmt und damit die Zusatzpunkte für alle zunichtegemacht.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie überrascht, dass Ihre Dilemma-Frage so stark in den sozialen Netzwerken diskutiert wurde?

Selterman: Ich hatte überhaupt nicht erwartet, dass dieses kleine Spiel so eine Karriere im Netz machen würde. Aber vermutlich spricht dieses Dilemma einen tief verwurzelten Punkt menschlichen Verhaltens an. Und es zeigt mir: Kreative Spiele mit meinen Studenten machen sich bezahlt - dadurch, dass so viel darüber diskutiert wird, lernen sie natürlich sehr viel.

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