Dozenten als DJs Die Nacht der Professoren

Wenn man Hochschullehrer an die Plattenteller lässt, gibt's was auf die Ohren. Bei "Night of the Profs" rockten letzte Nacht 13 Professoren Münsters Ausgehmeile. In SPIEGEL ONLINE verraten sie ihre persönliche Top Ten: von Mireille Mathieu bis Moloko, von Steppenwolf bis Nirvana.
Von Britta Mersch
Foto: DPA

Mittwochabend, 21.40 Uhr in der Münsteraner Hörsterstraße. Vor den Clubs und Bars des Kneipenviertels bilden sich jetzt schon lange Schlangen. 60 Leute sind es allein vor der Lounge 54, um die 30 vor dem Grand Café. Die meisten von ihnen sind Studenten. Aufgekratzt wie sie sind, könnte man meinen, sie warten auf einen absoluten Top-DJ der Musikszene. Dabei stehen an den Turntables alte Bekannte: die Professoren, die sie vielleicht noch am Vormittag in der Vorlesung hatten.

Betriebswirtschaftler Olaf Arlinghaus, 39, ist einer von ihnen. Heute Abend sieht er garantiert anders aus als morgens im Hörsaal. Arlinghaus trägt einen weißen Anzug, darunter ein T-Shirt mit Totenkopf, dazu Stiefel mit Schlangenmuster: "Ein Pornoanzug", raunt einer der Studenten ehrfurchtsvoll.

Arlinghaus flaniert selbstsicher durch den Club Lounge 54, in dem in einer Viertelstunde sein DJ-Set beginnt. Die weiblichen Partygäste werfen ihm bewundernde Blicke zu, begrüßen den Professor wie einen Popstar. Küsschen links, Küsschen rechts - er genießt es.

Dann bahnt er sich seinen Weg durch die begeisterte Menge: "Wir sind angekündigt worden wie Gladiatoren", sagt Arlinghaus später, "und so habe ich mich auch gefühlt." Die Menge johlt, als der Professor die Plattenteller übernimmt. Für den Auftakt hat er einen Klassiker ausgesucht: "Last Night a DJ Saved my Life". Die 400 Partygäste drehen durch, schreien und jubeln. Eine Stunde lang tanzen sie ab zu House, Schlagern und Pop aus den Achtzigern.

Gleich gegenüber im Grand Café ist zur selben Zeit Indie und Alternative angesagt. Volker Gehrau, Professor für Kommunikationswissenschaft, legt auf: Moloko, Peter Gabriel. Der Laden ist nicht so hip wie die Lounge 54, es fehlen die knalligen Farben und das Glitzerlicht. Hier ist es eher solide wie in der guten alten Rockkneipe.

"Auch die übelsten deutschen Schlager kamen gut an"

An der Wand lehnt noch etwas unsicher Wirtschaftsprofessor Thomas Apolte, der nach Volker Gehrau dran ist. Auf seiner Playlist stehen The Cure, Smashing Pumpkins und Weezer. "Ich habe mir lange darüber Gedanken gemacht", sagt Apolte, "seit Sonntag steht die Liste aber fest." Die Leute fühlen sich sichtlich wohl, sie wippen im Takt, trinken ein Bier, blicken zufrieden durch die Gegend.

Für zwei Stunden ist die Münsteraner Ausgehmeile fest in den Händen der Universitäts-Professoren. 13 von ihnen haben in sechs Locations rund um die Lambertikirche die Turntables übernommen. Die Idee kam von den BWL-Studenten Jan Beckers und Martin Weck, die schon häufiger Studentenpartys veranstaltet haben und ihre Kommilitonen dieses Mal mit der "Night of the Profs" überraschten: "Wir haben Professoren angesprochen, die auch abseits des Hörsaals gut drauf sind", sagt Jan Beckers, " alle hatten sofort Lust, mitzumachen." Gage gibt es für die DJs allerdings nicht, der Erlös der Veranstaltung geht an ein Kinderhilfswerk.

Wie die Professoren ihre Auftritte gestalten, das konnten sie sich selbst überlegen. Psychologieprofessor Wolfgang Hell spielte im Insonnia einfach die Lieder, die er selbst am liebsten mag: "Vieles ist dabei, zu dem ich früher als Student getanzt habe." So wie die Mamas & Papas, Beach Boys oder die Watersons. Bei manchen Liedern, die DJ Hell anspielt, halten die Studenten zunächst einmal erstaunt inne. Lachen dann, zucken mit den Schultern und tanzen einfach weiter.

Um kurz vor Mitternacht gibt es in den meisten Kneipen kein Durchkommen mehr. Vor dem Gogo-Rose-Club stehen an die 100 Leute dicht gedrängt vor dem Eingang. Keiner kommt raus, niemand kann rein. Über eine halbe Stunde quetschen sich die Studenten nun schon an den Eingang, bis einem entnervten Türsteher der Kragen platzt: "Ihr kommt alle rein! Aber jetzt geht ihr erst mal alle einen Schritt zurück!"

Die ersten Professoren haben um diese Zeit ihre Auftritte schon hinter sich. Und entspannen sich so langsam. Olaf Arlinghaus qualmt eine Zigarre und ist rundum zufrieden: "Ich bin völlig begeistert", sagt der Betriebswirt, "nicht nur die House-Musik aus den Achtzigern hat gezündet, sondern auch die übelsten deutschen Schlager sind gut angekommen."

Ob er jetzt wohl öfters auflegt? "Ein Angebot habe ich schon bekommen", lacht Arlinghaus, "aber das überlasse ich lieber den Profis."

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