Dreimal Klassentreffen Weißt du noch...

Von Sophie Lübbert

3. Teil: "Warum bin ich nur mit dem Auto gekommen?" - Torsten Maue, 37, über das 20-Jährige


Christian Boris Schmidt
"Mein Schulabschluss ist in die Geschichte eingegangen. Ich habe in einer Kleinstadt bei Magdeburg meinen Abschluss gemacht, genau in dem Jahr, als die DDR unterging - damit gehöre ich zu den Letzten, die noch ein DDR-Zeugnis vorweisen können. Und zu den Letzten, die während ihrer Schulzeit Pioniernachmittage absolvierten. Wir mussten nach der Schule Altpapier oder Kastanien sammeln. Das klingt langweilig, hat das Gemeinschaftsgefühl aber enorm gefördert. Ich war eigentlich eher der ruhige Typ, der sich für Dampflokomotiven begeisterte.

Trotzdem war ich traurig, als die Schule zu Ende war - denn mit dem gewohnten Schulalltag war auch die Mauer verschwunden. Die Welt, die ich kannte, war von einem Moment zum anderen einfach weg. Es gab so viele Möglichkeiten, aber genau diese Auswahl hat mich überfordert. Viele meiner Mitschüler und Lehrer gingen in den Westen. Ich blieb hier, machte eine Lehre zum Industriekaufmann und traf keinen meiner Mitschüler wieder.

Sitzordnung wie im Sportunterricht: Frauen hier, Männer dort

Dann, zum 20-jährigen Jubiläum, kam plötzlich eine Einladung zum Klassentreffen. Ich war neugierig und ging deshalb hin. Es fand in einer kleinen Kneipe statt. Schick gemacht habe ich mich nicht, schließlich wollte ich ja nicht meinen Modegeschmack vorstellen, sondern nur wissen, was aus den Leuten von früher geworden war. Das erfuhr ich dann auch. Leider.

Es fing damit an, dass von den 90 Leuten, die in meinem Jahrgang gewesen waren, nur knapp 20 auftauchten. Direkt zu Anfang ordneten sie sich am Tisch; die Frauen auf der einen, die Männer auf der anderen Seite. Es war vollkommen absurd, wie eine Grundschulklasse, die im Sportunterricht nach Geschlechtern getrennt wird. Wir machten aber keinen Sport, sondern suchten nach gemeinsamen Themen. Wir fanden keine. Es fühlte sich an, als wäre ich plötzlich in die Vergangenheit zurückversetzt, aber nicht auf eine gute "War das nicht schön damals"-Art. Sondern in der "Wo bin ich hier bloß gelandet"-Variante.

Ich habe als Online-Manager beruflich viel mit dem Internet zu tun, einige meiner Ex-Mitschüler hatten nicht mal eine E-Mail-Adresse. Die saßen alle nur da, haben zufrieden gegrinst und von Frau, Kindern und den fast abbezahlten Raten fürs Reihenhäuschen erzählt. Es war gruselig, die waren doch alle erst Mitte 30 und schon spießiger als jede Oma. Wo waren die Menschen hin, die damals voller Zukunftspläne in den Westen verschwunden waren und die ich gerade wegen dieser Entschlossenheit bewundert hatte? Ich starrte in mein Wasserglas und ärgerte mich, dass ich mit dem Auto da war und mir deshalb den Abend nicht mit Alkohol schöntrinken konnte. Nach zwei Stunden ging ich unter einem Vorwand nach Hause - lieber schlafen, als weiter hier herumstehen. Klassentreffen müssen ab jetzt ohne mich auskommen. Das tue ich mir nie wieder an."



insgesamt 86 Beiträge
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signaturen 21.09.2011
1. Abgang 79
Klassentreffen sind doch immer eine Mischung aus Grusel und Comedy.. Die ehemaligen "Obermacker" sind mehrheitlich zu fettbäuchigen Spiessern mutiert und die "scharfen" Mädels zu grauen verbrauchten Heimchen, die mißmutig ihren fettbäuchigen Spiessern hinterherwatscheln. Und die ehemaligen "Loser/innen" geniessen grad das Leben...
zephyroz 21.09.2011
2. ... genau so
Ich bin Abijahrgang Anfang der 70er und damals wollten alle Lehrer oder Ärzte werden, bzw. Lehrerinnen und Arztfrau. So ist es dann auch gekommen. Ich bin nahezu der einzige in der Wirtschaft. Was mich beschäftigt ist, daß die aus dem öffentlichen Dienst ale sehr alt aussehen und die Lehrer alle ziemlich frustriert sind. Ansonsten ist alles bei uns auch so wie bei meinem Vorredner: Die schärfsten Mäuse sind das nicht mehr und der Bierbauch hat sich auch eingestellt.
README.TXT 21.09.2011
3. Alle sehen ziemlich abgefuckt aus
Was mich auf Klassentreffen am meisten schockierte wie schlecht sich Viele gehalten haben. Da kann man live sehen was Alkohol, Rauchen und grillen in der Sonne in jungen Jahren anrichten kann.
peterbruells, 21.09.2011
4. Wie ist es in der Realität
Zitat von signaturenKlassentreffen sind doch immer eine Mischung aus Grusel und Comedy.. Die ehemaligen "Obermacker" sind mehrheitlich zu fettbäuchigen Spiessern mutiert und die "scharfen" Mädels zu grauen verbrauchten Heimchen, die mißmutig ihren fettbäuchigen Spiessern hinterherwatscheln. Und die ehemaligen "Loser/innen" geniessen grad das Leben...
Ist das so? Ich habe noch nie das Bedürfnis gehabt, an so etwas teilzunehmen (habe mir den Jahrgang und die Klasse ja nicht ausgesucht). Das obige hört sich so nach den üblichen Komödien und Sitcoms an, ich dachte, die übertreiben immer.
hans.jo 21.09.2011
5. Auf den Kopf getroffen!
Zitat von signaturenKlassentreffen sind doch immer eine Mischung aus Grusel und Comedy.. Die ehemaligen "Obermacker" sind mehrheitlich zu fettbäuchigen Spiessern mutiert und die "scharfen" Mädels zu grauen verbrauchten Heimchen, die mißmutig ihren fettbäuchigen Spiessern hinterherwatscheln. Und die ehemaligen "Loser/innen" geniessen grad das Leben...
Damit haben Sie den Nagel aber mal so richtig auf den Kopf getroffen. Ich bin einer dieser ehemaligen "Loser" und ich lach mich kaputt über das spießbürgerliche Leben der Idioten, die mir in der Schule das Leben zur Hölle gemacht haben. Im Vergleich zu denen stehe ich wesentlich besser da und verdiene wesentlich besser. Langfristig zahlt sich halt doch aus, nicht die Schulzeit mit ner Party zu verwechseln, denn jetzt habe ich noch lange viel mehr vom Leben als diese Leute mit ihren abgenudelten Frauen und schreienden Kindern :-)
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