Dreister Bücherklau Literaturprofessor als Dieb verurteilt

Jahrelang mopste ein Germanist wertvolle Bücher aus der Bonner Uni-Bibliothek, versilberte sie bei Auktionen und besorgte Platzhalter vom Flohmarkt. Jetzt erhielt er eine Bewährungsstrafe. Die Raubzüge dürften ihn auch seine Professur kosten.


Das Bonner Amtsgericht hat am Mittwoch einen 50-jährigen Germanisten als Bücherdieb verurteilt. Der Hochschullehrer erhielt wegen Betrugs und Urkundenfälschung eine Haftstrafe von 18 Monaten auf Bewährung. Nach Überzeugung der Richter hat er mehrfach historische Bücher aus dem Bestand der Bonner Universitätsbibliothek entwendet und anschließend auf Auktionen versteigert.

Für den Bücherdieb bedeutet das Urteil, dass er seine Professur mit Beamtenstatus in Ostdeutschland verliert, sofern das Urteil rechtskräftig wird. Er lehrt bisher in Rostock und kündigte an, dass er in Berufung gehen will. Zunächst hatte der Literaturwissenschaftler alle Vorwürfe bestritten und behauptet, die entwendeten Bände regulär gekauft zu haben. Erst in der Hauptverhandlung gestand er - kurz vor Prozessende.

Die Details des Falles sind ziemlich kurios: Der Anklagevorwurf lautete, dass der Wissenschaftler von 1997 bis 2003 immer wieder historische Werke von hohem Wert aus der Bibliothek mitgehen ließ. In Bonn hatte er promoviert und war 25 Jahre lang Nutzer der Bibliothek, zeitweise als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Im Prozess ging es lediglich um wenige alte Bücher im Wert von rund 18.000 Euro; die Bibliothek bezifferte den Gesamtschaden allerdings auf 250.000 Euro und nannte auf ihrer Vermisstenliste 105 antiquarische Werke, die aus dem 16. bis 18. Jahrhundert stammen. 85 davon wurden laut "Kölner Stadt-Anzeiger" vom Angeklagten versteigert.

Mit falschen Quittungen die Ermittler gefoppt

Den Diebstahl hat der Professor laut Staatsanwaltschaft fintenreich vertuscht. Zunächst habe er die Bücher regulär entliehen, statt der Originalbände aber nur wertlose, alte Bücher von Flohmärkten zurückgegeben - als Platzhalter für die Regale. Der Verdacht fiel auf den Wissenschaftler, als er im Oktober 2002 erneut Bücher bei einem Auktionshaus im hessischen Königstein versteigern lassen wollte.

Bei einer Hausdurchsuchung stellte die Polizei laut "Kölnischer Rundschau" unter anderem die Originalausgabe "Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels" sicher, in der Immanuel Kant sich 1755 mit der Entstehung des Sonnensystems befasste. Dafür soll der Professor eine gefälschte Kaufquittung vorgelegt haben - und erhielt das wertvolle Werk sogar prompt zurück. Bald stellte sich indes heraus, dass die Belege über den rechtmäßigen Erwerb der Bücher nicht echt waren, die angeblichen Vorbesitzer und Buchhandlungen gar nicht existierten.

Vor Gericht gab der Professor zunächst an, dass die verkauften Werke aus seinem Privatbesitz stammten und er keine gefälschten Quittungen vorgelegt habe. Sein Geständnis kam spät. Der Versuch, erst die Bibliothek und dann die Justiz zu foppen, rächte sich nun. Das Geständnis nach langem Verwirrspiel beeindruckte die Staatsanwältin nicht: Sie forderte 20 Monate Haft auf Bewährung, das Gericht entschied auf 18 Monate.

Die Verurteilung wegen Betrugs und Urkundenfälschung wird den Professor voraussichtlich seine Stelle in Rostock kosten - bleibt die Berufung erfolglos, ist er den Beamtenstatus los. Vorläufig sieht die Rostocker Universität keinen Handlungsbedarf und will den rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens abwarten, wie sie der Nachrichtenagentur dpa mitteilte.

Jochen Leffers

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