Dresscode für Lehrer Enge Jeans und fusselnde Strickjacken sind tabu

Nur wer als Lehrerin "gepflegte Beine" hat, darf an einer Schweizer Schule kurze Hosen tragen, auch lange Bärte gelten als "unhygienisch". Das Kollegium hat sich den Dresscode mithilfe eines Stilberaters selbst erteilt.
Dürfte diese Dame an der Schweizer Volksschule unterrichten?

Dürfte diese Dame an der Schweizer Volksschule unterrichten?

Foto: Corbis

"Die Träger von Tops oder Kleidern sollen mindestens drei Finger breit sein, wobei auf jeden Fall die Achseln zu rasieren sind." So steht es in den "Empfehlungen der Schule Kreuzlingen". Die Volksschule im Schweizer Kanton Thurgau nahe Konstanz mit 1900 Schülern hat sich jüngst selbst einen Bekleidungskodex verpasst, der Dresscode gilt ab sofort für die 300 Lehrerinnen und Lehrer.

"Lehrer sollten sich optisch nicht gleichmachen mit den Schülern, das könnte ihrer Autorität schaden", findet Schulpräsident Jürg Schenkel. Gleichzeitig müssten sie sich aber auch nicht künstlich abgrenzen, ein Frack wäre genauso übertrieben. Ein Großteil der Lehrer erfüllte den Dresscode bereits, so Schenke. "Einige haben jedoch etwas Anregungsbedarf."

Beim jährlichen Weiterbildungstag für das Schulkollegium wurde Anfang November die Frage diskutiert: Welches Bild gibt eine Person ab? Um zu klären, was im Unterricht okay ist und was nicht, holte sich die Schule den Stilberater Jeroen van Rooijen dazu.

Zur Person
Foto: Beni Blaser

Jeroen van Rooijen, Jahrgang 1970, ist gelernter Modedesigner, arbeitet aber seit über zwanzig Jahren als Radio- und Printjournalist, wo er über Stil und Mode berichtet. So wurde er zu einem in der Schweiz bekannten Prediger des guten Geschmacks .

SPIEGEL ONLINE: Herr van Rooijen, wie waren die Lehrer der Schweizer Schule gekleidet, die sie beraten sollten?

van Rooijen: Die hatten alle Angst vor mir und haben sich fein gemacht. Nein, im Ernst: Nur eine hatte eine Kapuzenjacke an und hat sich dafür furchtbar geschämt.

SPIEGEL ONLINE: Dass bauchfreie Tops, transparente Stoffe oder nackte Füße im Klassenzimmer nichts verloren haben, sollte Konsens sein. Aber muss man Lehrern wirklich auferlegen, auf große Kreolen, offene Haare im Sportunterricht oder fusselnde Strickjacken zu verzichten?

van Rooijen: Ich finde, das sind alles Selbstverständlichkeiten. Keiner der Punkte in der Handlungsanleitung hat aus meiner Sicht Aufregerpotential.

SPIEGEL ONLINE: Und das Kollegium hat den Dresscode auch einfach so hingenommen?

van Rooijen: Die Liste ist im Konsens entstanden, sie ist der kleinste gemeinsame Nenner. Interessant war, dass gerade die jüngeren Kollegen gern noch strengere Regeln aufgestellt hätten, sie sind sich offenbar bewusst, dass es dieses Klischee gibt, wonach Lehrer schlampig angezogen sind. Die Älteren wollten sich dagegen weniger vorschreiben lassen, einer war sehr unglücklich darüber, dass er im Sommer keine kurzen Hosen mehr tragen soll.

SPIEGEL ONLINE: Was würde sonst passieren?

van Rooijen: Nichts. Bei Verstößen gibt es keine Strafen oder so. Der Dresscode ist als Handlungsanleitung zu verstehen. Er ermöglicht, dass in Zukunft einer Kollegin, die unpassend gekleidet ist, gesagt werden kann: Du, wir haben doch letztens darüber gesprochen, dass solche Ausschnitte unpassend sind. Die Kommunikation wird also erleichtert.

SPIEGEL ONLINE: Sollte es auch einen Dresscode für Schüler geben?

van Rooijen: Das halte ich für hoffnungslos. In dem Lebensalter ist man doch auf der Suche. Solange jemand noch nicht 20 ist, sollte er so viel ausprobieren und experimentieren, wie er will.

Für Frauen lieber gedeckte Farben als rote Lippenstifte und maximal sechs Zentimeter hohe Absätze, für Männer keine T-Shirts mit Logos oder Parolen, aber auch keine einfarbigen Anzüge - denn die sind aus der Mode: Was der Schweizer Lehrer-Dresscode alles empfiehlt, lesen Sie hier .

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