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Promotionsberater: Ermittlungen gegen weitere Professoren

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Dubiose Doktortitel "Mit einem Bein auf der schiefen Bahn"

So richtig ausmisten wollen Professoren und Kultusminister im Campus-Dunstkreis, um dreiste Deals mit Doktortiteln endlich zu stoppen. Doch das Strafrecht allein hilft kaum gegen Promotionsberater - und allzu oft lassen Deutschlands Unis Betreuung und Kontrolle schleifen.
Von Frank Überall und Jochen Leffers

Was ist das eigentlich für eine sonderbare Beziehung zwischen Doktorand und Doktorvater? Im Idealfall eine sehr intensive. Über Monate und Jahre schreiben Doktoranden an der Dissertation, von der Eingrenzung eines Forschungsthemas bis zum Einreichen der fertigen Arbeit. Dabei stehen sie in engem Kontakt zu einem Hochschullehrer, holen sich Rat zum Inhalt und zum Aufbau, wann immer sie ihn brauchen. Mal ist es ein väterlich-hierarchisches Verhältnis, mal spricht man auf gleicher Augenhöhe. Und am Ende steht ein eigenständiges Werk, das die Forschung im jeweiligen Fachgebiet bereichert und vorantreibt.

Der Ideal- ist allerdings nicht der Regelfall. Die Klagen deutscher Doktoranden über die Betreuung sind Legion. Wenn es schlimm kommt, erhalten sie nur alle paar Monate eine kurze Audienz beim Doktorvater und sind sonst völlig auf sich allein gestellt. Wer direkt an den Lehrstuhl einer Universität angebunden ist, hat den Vorteil der größeren Nähe zum Doktorvater - und mitunter den Nachteil, über Jahre als billige Arbeitskraft ausgenutzt zu werden.

Wer dagegen als Externer die Promotion anstrebt, hat oft größte Schwierigkeiten, überhaupt erst einmal eine Universität und einen Doktorvater zu finden, die Interesse zeigen am geplanten Promotionsthema. Externe Doktoranden sind Professoren oft eher lästig. Selbst wenn sie einen Betreuer finden, arbeiten externe Doktoranden häufig völlig isoliert vor sich hin - gewissermaßen ganz nah am traditionellen akademischen Ideal "Forschen in Einsamkeit und Freiheit". Und nicht immer ist der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn ihr Hauptmotor. Manchen Doktoranden geht es sehr schlicht darum, ihre Visitenkarten mit einem Titel schmücken zu können, so ihren beruflichen Marktwert und ihr Einkommen zu erhöhen: eine ökonomische Rechnung.

Aberkennung der Titel? Vielleicht

Genau das haben sich Promotionsberater zum Geschäftsmodell gemacht. Seit Jahrzehnten schon tummeln sie sich im Dunstkreis deutscher Universitäten und werben in Printmedien und Internet damit, den Weg zum begehrten Titel zu ebnen - gegen saftiges Honorar. Die angehenden Doktoranden zahlen dafür meist mehrere tausend Euro, im Falle eines "Instituts für Wissenschaftsberatung" in Bergisch Gladbach nicht selten rund 20.000 Euro. Dieses Institut ist nicht allein und zwielichtige Promotionsberatung keine Petitesse: Der Münchner BWL-Professor Manuel Renè Theisen, der seit vielen Jahren gegen die Betrüger kämpft, schätzt die Zahl unlauterer Promotionen auf rund 600 jährlich, das wäre etwa jede 40. Promotion in Deutschland.

Dass Professoren bestochen worden sein sollen wie in den Verdachtsfällen, die jetzt die Kölner Staatsanwaltschaft untersucht, ist dabei eher selten. Es ist aber der einzige Aspekt, der Strafrechtler interessiert. Wenn andere, nach dem Hochschulrecht möglicherweise ebenso illegale, Hilfeleistungen gewährt werden, ist das nicht die Sache der Ermittler - weil es im Strafgesetzbuch gar keinen Paragraphen dazu gibt. So ist es selbst im aktuellen Fall der mutmaßlichen Korruption um Doktortitel wahrscheinlich, dass Absolventen strafrechtlich nicht belangt werden können. Ihnen droht im Höchstfall die Aberkennung des Doktortitels.

Auch dazu muss es nicht unbedingt kommen: Im bisher krassesten Fall aus Hannover wurde ein Juraprofessor, der vom Institut in Bergisch Gladbach Geld für die Annahme von Doktoranden erhielt, zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Uni Hannover kassierte die Titel von neun offiziell promovierten Juristen wieder ein - doch die wehren sich jetzt. "Sie haben alle gegen die Aberkennung ihres Titels Klage eingereicht", sagte der Dekan der Jurafakultät der Zeitung "Tagesspiegel".

"Die Fakultäten müssen genauer hinsehen"

Vor Gericht muss jetzt die Universität den Nachweis rechtlich relevanten Fehlverhaltens führen, etwa wenn die Promotionskandidaten, immerhin selbst Juristen, von der Bestechung des Doktorvaters gewusst haben. Ist das nicht der Fall oder jedenfalls nicht beweisbar, wird es für die Uni schwierig. Denn in den meisten Promotionsordnungen ist keineswegs klar geregelt, welche Art von Hilfen noch zulässig oder schon illegal ist: Darf man als Doktorand etwa Datenbankrecherchen in Auftrag geben? Was ist, wenn ein Kommilitone das Korrekturlesen übernimmt, Literatur in der Bibliothek sucht oder Bücher zusammenfasst? Und warum genau wäre es strafbar, einem Doktoranden gegen Honorar den Kontakt zu einem Doktorvater zu vermitteln, soweit der dabei kein Geld kassiert?

Klare Antworten gibt es darauf bisher nicht, nur ein vernehmliches Grollen über den Berufsstand der Promotionsberater, der das Ansehen der Universitäten untergrabe. Flink zur Hand haben Bildungspolitiker wie Vertreter von Wissenschaftsorganisationen die Forderung nach "lückenloser Aufklärung" und schneidigeren Sanktionen: Ausgemistet werden soll die akademische Welt von der Brut dubioser Berater und korrupter Professoren, und zwar subito. Aber wie genau?

Die Kontrolle der Promotionsverfahren scheint an vielen Hochschulen ein Problem zu sein. "Mir wäre es lieber, wenn die Fakultäten genauer hinsehen würden", sagt Erich Thies, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz (KMK). "Ich finde, dass die Universitäten hinreichend Instrumente haben, um Missbrauch zu unterbinden. Es ist ja nicht so, dass einer allein promoviert, da sind immer andere dabei." Dazu zählen etwa die Zweitprüfer: Sie müssen die schriftliche Doktorarbeit bewerten und an der mündlichen Prüfung teilnehmen.

"Hätte meine Frau meine Doktorarbeit geschrieben, hätte es keiner gemerkt"

Gleichwohl räumt Thies ein, dass es wohl immer eine Dunkelziffer betrügerischer Doktorarbeiten gebe: "Wenn meine Frau zum Beispiel meine Doktorarbeit geschrieben hätte, hätte das wohl auch niemand raus gekriegt." In der Tat bieten einschlägige Dienstleister im Internet sogar "Ghostwriting" für Dissertationen an. Dabei soll der Prüfling für den Titel gerade unter Beweis stellen, dass er zur selbstständigen wissenschaftlichen Arbeit fähig ist - ohne fremde Hilfe. Daneben gibt es eine Vielzahl von Titelmühlen, die etwa Doktortitel aus Osteuropa, den USA oder mittel- und südamerikanischen Bananenrepubliken versprechen. Und natürlich kann man sich gegen Bezahlung auch bunte, täuschend echte Urkunden bestellen.

Ghostwriting und der Handel mit fragwürdigen internationalen Titeln lässt sich leicht als illegal erkennen und bestrafen, bei der Promotionsberatung ist das weit schwieriger. Die einschlägigen Institute beteuern stets, ausschließlich legale Dienstleistungen anzubieten. Von einer "schmierigen Branche" spricht Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands (DHV) und warnt: "Wer zu einem Promotionsberater geht, ist schon mit einem Bein auf der schiefen Bahn."

Der Rechtsprofessor sieht ein "Aufklärungsproblem" auf Seiten der Universitäten. Für Plagiate, also zum Beispiel aus dem Internet abgekupferte Passagen oder komplette Arbeiten, gebe es inzwischen "ausgebuffte Software-Programme", die solchen Schwindel aufdecken. Gegen Korruption, Fremdschreiberei und andere illegale Hilfestellungen könne man dagegen weniger ausrichten: "Hundertprozentige Sicherheit werden wir nie bekommen", ahnt Kempen.

Doktoranden-Eid gegen Pfusch bei der Promotion

Kempen plädiert deshalb dafür, dass alle Doktoranden künftig an Eides statt versichern müssen, ihre Arbeit ohne fremde Hilfe geschrieben zu haben. Dann würde man sich auch strafbar machen, wenn auffällt, dass die Einschaltung eines Promotionsberaters verschwiegen wurde. Einige, aber nur wenige deutsche Universitäten haben eine solche Vorschrift schon in ihre Promotionsordnungen aufgenommen. Der DHV-Präsident meint, dass eine mögliche Freiheitsstrafe für potentielle Pfuscher im Promotionsverfahren abschreckend wäre.

KMK-Sprecher Thies betont unterdessen, dass die bundesweite Einführung eines Doktoranden-Eides kaum durchzusetzen sei; Hochschulpolitik ist schließlich Sache der Bundesländer. Trotzdem will sich die Kultusministerkonferenz laut Thies kurzfristig zumindest mit dem Skandal um mutmaßlich "gekaufte" Doktortitel beschäftigen: "Es ist eine absolute Dreistigkeit, mit Titeln zu handeln."

Von dreisten Doktoranden hat auch Kempen schon gehört, der an der Kölner Universität Jura lehrt. "Es gibt Fälle, in denen man beim Rigorosum feststellt, dass der zu Prüfende keine Ahnung von dem hat, was er angeblich selber in der Doktorarbeit geschrieben hat." Letztlich helfe dabei nur, dass die Universitäten ihre Pflichten im Promotionsverfahren immer sorgfältig wahrnehmen. "Wenn das in dem Umfang möglich war", sagt auch KMK-Generalsekretär Thies zur aktuellen Bestechungsaffäre, "kann man den Eindruck bekommen, dass das nicht immer der Fall war."

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