E-Mail aus Absurdistan Szenen einer gescheiterten Examensanmeldung

Morgens um sieben an einer norddeutschen Uni: Übermüdete Studenten versuchen verzweifelt, sich bei ihrem Professor zum Examen anzumelden. Doch die Listen sind längst voll. Was tun? Ein Lehramtstudent schrieb seinem Prüfer eine erboste E-Mail - so bizarr geht es an deutschen Unis zu.


" Sehr geehrter Herr ***,

ich möchte Ihnen über die tumultartigen Szenen berichten, die sich heute Morgen zwischen vier und neun Uhr vor Ihrer Bürotür abgespielt haben: Ich hatte gestern kurz mit Ihnen gesprochen, und sie hatten mir erläutert, dass die Liste, auf die man sich für Examensprüfungen eintragen muss, erst um halb neun ausgehängt würde. Einige Studentinnen seien im letzten Semester jedoch schon um halb sieben da gewesen.

Pauken fürs Examen: Nützt nichts, wenn man keinen Prüfer findet
DPA

Pauken fürs Examen: Nützt nichts, wenn man keinen Prüfer findet

Ich hielt eine Wartezeit von über zwei Stunden für übertrieben. Eine Stunde schien mir ein angemessener Einsatz - vor allem weil ich davon ausging, dass das Gebäude erst um sieben Uhr geöffnet würde.

So erschien ich leider erst um 7.30 Uhr. Schon im Treppenhaus begegneten mir die ersten sitzenden Studenten, was mich ein wenig verwunderte. Als ich dann die Tür zum Flur öffnete, konnte ich vor lauter ausgestreckten Beinen keinen Schritt in Richtung des Büros machen. Nur mühsam und unter sichtbarem Protest meiner Kommilitonen wurde mir Platz für meine zugegebenermaßen großen Füße gewährt. Ich musste mich durch unzählige Beine, Arme und Taschen schlängeln, um schließlich vor Ihre Tür zu gelangen.

Dort erfuhr ich von einer "provisorischen Liste", welche eine Studentin, die seit vier Uhr (!) vor ihrer Bürotür wartete, erstellt hatte. Diese Liste enthielt schon 50 Namen. Tapfer trug ich mich auf dieses Zeugnis studentischer Eigenständigkeit ein.

Kaltes Wasser über die Pulsadern?

Schon nach wenigen Minuten war mein T-Shirt durchgeschwitzt. Die Luft war extrem stickig und stank nach Schweiß. Links von mir war ein wenig mehr Platz. Dort lagen zwei Studentinnen mit angewinkelten Beinen schlafend. Selbst konnte ich die Beine nicht ausstrecken. Auch alle anderen saßen in der Hocke oder im Schneidersitz.

Immer wieder standen einige Kommilitonen auf, um draußen nach Luft zu schnappen oder weil ihr Kreislauf versagte. Es wurden Tipps ausgetauscht, was bei diesem Problem am hilfreichsten sei: Eine Studentin berichtete, dass man sich kaltes Wasser über die Pulsadern laufen lassen solle...

Zwar versuchte ich zunächst in dieser verrückten Situation etwas Sinnvolles zu tun, nämlich für eine Klausur zu lernen, aber das gelang mir nur wenige Minuten. Die nötige Konzentration wollte sich in dieser Atmosphäre nicht einstellen. Mir gingen verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen: Im nächsten Semester könnte ich Würstchen und Erfrischungstücher verkaufen, oder im Vorfeld ein Dienstleistungsunternehmen gründen, das gegen Bezahlung Mitarbeiter vor einer Bürotür platziert, die dort eine provisorische Liste erstellen.

Außerdem wäre wirklich ernsthaft zu überlegen, ob nicht im nächsten Semester eine ärztliche Notversorgung eingerichtet werden sollte. Diese müsste ja nicht schon um vier Uhr morgens da sein - ab halb sechs würde es sicher reichen.

Herr Professor, noch eine Frage zum Schluss: Da es für einen Lehramtstudenten eine wichtige Kompetenz ist, bestehende Systeme zumindest zu hinterfragen, habe ich mich auf die Original-Liste, deren Rückseite geschwärzt war, zwischen die Zeilen eingetragen. Ich möchte Sie daher bitten, mich zum Examen zu prüfen.

Mit freundlichen Grüßen *** "

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