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01. Juni 2006, 11:31 Uhr

Ehrenstipendien

Politur für den Lebenslauf

Von Benedikt Mandl, Cambridge

Ein Auslandsstudium in Oxford oder Cambridge gilt vielen sehr guten Studenten als Krönung ihrer bislang ohnehin schon erfolgreichen Laufbahn. Die drohenden Gebühren lassen sich durch Ehrenstipendien auffangen - die meisten Programme stehen auch Deutschen offen.

"Wie fanden sie eigentlich die Frauen in Burma?" meldet sich der graumelierte Herr zu Wort, der bisher kaum etwas gesagt hat. Der Kandidat zögert, versteht den Sinn der Frage nicht. Gerade noch hat er von einer Reise nach Südostasien erzählt, in einem formellen Bewerbungsgespräch vor einer Kommission – was hat da eine persönliche, fast schon intime Frage zu bedeuten? "Nun…", stammelt er, "eigentlich ganz einfach: Die laufen überall frei herum."

Trinity College, Cambridge: Glanzpunkt für jede Akademiker-Laufbahn
Benedikt Mandl

Trinity College, Cambridge: Glanzpunkt für jede Akademiker-Laufbahn

Fehlanzeige. Die vier Interviewer der Kommission verweigern jedes Lächeln; mit steinernen Mienen geben sie dem Kandidaten zu verstehen, dass es hier um Fakten geht und nicht um den Versuch, witzig zu sein. Immerhin müssen sie binnen 20 Minuten entscheiden, ob er geeignet ist, ein Doktorandenstudium an der Universität Cambridge anzutreten – mit einem hoch dotierten Ehrenstipendium, über dessen Vergabe eben ihre Kommission zu entscheiden hat.

Zu gewinnen gibt es hier ein Stipendium des "Gates Cambridge Trust", einer Stiftung die 2001 durch Microsoft-Gründer Bill Gates ins Leben gerufen wurde. Sie erlaubt jährlich etwa 100 jungen Menschen aus aller Welt, für ein- bis dreijährige Graduiertenstudien nach Cambridge zu kommen.

Ausweis akademischer Meriten

Das erklärte Ziel der Stiftung ist es, ein "Netzwerk zukünftiger Führungspersönlichkeiten" zu schaffen, das die Welt umspannt und dereinst zum globalen Wohlbefinden beitragen sollte. Der elitäre Beigeschmack ist dabei durchaus nicht unerwünscht. Im Gegenteil: "Honour Scholarships" gelten im wettbewerbsverliebten Kulturkreis des anglo-amerikanischen Raums als Olymp akademischer Meriten.

Das älteste und angesehenste Ehrenstipendium ist für die noch jungen Gates-Stipendien Vorbild und Rivale zugleich - und dazu noch in Oxford angesiedelt. Das Rhodes-Stipendium holt jährlich etwa 90 Studenten aus den USA, Deutschland und den Ländern des Commonwealth an die britische Eliteuni. Hier, so verfügte der Unternehmer, Politiker und Kriegsherr Cecil Rhodes in seinem Testament, sollten sie ab 1903 das Rüstzeug für eine Laufbahn erhalten, das sie an die Spitzen von Wirtschaft, Wissenschaft und Staat führt.

Seither wurden etwa 7000 Stipendien vergeben, 4000 der Auserwählten sind noch am Leben. Unter ihnen sind so illustre Persönlichkeiten wie Bill Clinton und der US-General Wesley Clark. Entsprechend berühmt und heiß begehrt sind Rhodes-Stipendien vor allem in Nordamerika. Ein Rhodes Scholar, so heißt es, muss sich um seine Karriere keine Sorgen mehr machen.

Viele Möglichkeiten für Deutsche

Das könnte man auch umgekehrt sehen: Die meisten Kandidaten haben schon beachtliche Leistungen erbracht, ehe sie sich um ein Stipendium der Stiftung bewerben. Viele von ihnen sind Absolventen amerikanischer Ivy-League-Universitäten, die ihre Ausbildung mit einem einjährigen Master in Oxford ergänzen wollen – ein Hauch von altem Europa und die magischen Worte "Rhodes Scholar" verleihen selbst dem imposantesten Lebenslauf ein bisschen mehr Glanz.

Dabei sind Gates und Rhodes bei weitem nicht die einzigen klingenden Namen auf der breiten Palette von Ehrenstipendien. Marshall Scholars sind Amerikaner, die in Großbritannien studieren. Ähnliches gilt für Truman Scholars. Fulbright Stipendien sind weniger elitär, punkten aber durch eine flexiblere Vergabe. Deutsche können sich unter anderem für Stiftungen wie Gates, Rhodes, den Cambridge European Trust oder Fulbright bewerben – sowie um Stipendien des DAAD.

Horrende Studiengebühren an Eliteuniversitäten schrecken viele Interessenten schon im Vorfeld ab – tatsächlich stehen den meisten Spitzenunis beachtliche Mittel zur Verfügung, um Studenten bei der Finanzierung ihrer Tätigkeit zu helfen. Die Auswahlkriterien der Ehrenstipendien sind jedoch rigoros: exzellente akademische Leistungen sind eine Grundvoraussetzung, weiters sollen Kandidaten sozial gesinnt sein, kosmopolitisch und am Weltgeschehen interessiert. Traditionell den Idealen britischen Imperialismus verbunden, legte Rhodes bis vor kurzem auch noch auf sportliche Spitzenleistungen viel Wert. Etwa in Kricket.

Konkurrenz durch öffentliche Stipendien

In jedem Fall werden die Lebensläufe nach relevanten Informationen durchkämmt und im Bewerbungsgespräch überprüft: Hat der Kandidat schon Führungspotential bewiesen? Welches Forschungsvorhaben skizziert er in seiner Bewerbung und wie breit ist sein Zugang zur Wissenschaft? Lebt er in einem akademischen Elfenbeinturm oder nimmt er auch gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Zustände wahr?

Fast alle Bewerber geben beispielsweise an, bereist und an fremden Kulturen interessiert zu sein. Stimmt das, so würde der Kandidat nach einer Rucksackreise durch Südostasien nicht nur die besten Strände von Phuket kennen, sondern eben auch wissen, dass burmesische Frauen innerhalb der Familie traditionell höchsten Respekt erfahren.

Für den Erhalt und die Pflege des Netzwerkes sorgen Absolventenvereinigungen der jeweiligen Ehrenstipendien. Denn obwohl der Gates Trust von Bill und Melinda Gates mit 210 Millionen Dollar gefüttert und damit sogleich als größte private Stipendienstiftung gegründet worden ist, werden gemeinnützige Spenden von Absolventen ausdrücklich erwünscht sein.

Die größte Konkurrenz für die Honour Scholarships stellen denn auch öffentliche Stipendien dar, die unter Umständen besser bezahlen als die angeblich so elitären Privatstiftungen. Das betrifft vor allem Studenten aus naturwissenschaftlichen und technischen Fächern, die beispielsweise in Cambridge mit staatlichen Stipendien der britischen Research Councils fast 50 Prozent mehr verdienen als durch den Gates Trust.

Den großen Ehrenstipendien bleibt ihr Ruf. Er wird auch in Zukunft gewährleisten, dass jährlich bis zu 30.000 Bewerbungen in den Verwaltungsbüros eingehen. Erfolgreiche Bewerber werden an ihren Herkunftsunis dann meist gefeiert wie Helden – zählt ihr Erfolg doch als Indikator für das hohe akademische Niveau der Universität.

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