Ein Comic als Diplomarbeit "Held" - it's my life

Was denn an seinem Leben interessanter sei als an anderen, hat eine Dame auf dem Prüfungsamt Felix Görmann patzig gefragt. "Nichts", sagte der Saarbrücker Design-Student, "außer dass es mein Leben ist". Mit seinem autobiografischen Comic als Diplomarbeit hat Zeichner Flix, 26, die Professoren überzeugt: Note 1.


Flix-Comic: Spiel mit Fakten und der Zukunft
Zwerchfell Verlag

Flix-Comic: Spiel mit Fakten und der Zukunft

Es hätte auch ein fiktiver Bundestagskandidat werden können. Oder ein interaktives Kochbuch. Völlig verschiedene Themen hatte sich der Design-Student Felix Görmann für seine Diplomarbeit ausgedacht. Am Ende wurde es ein autobiografischer Comic, den er an der Hochschule für Bildende Künste (HbK) in Saarbrücken einreichte. Und ganz am Ende steht die 1,1 als Note für die Arbeit "Held - Futurisierte Erinnerung".

Felix Görmann hatte kaum damit gerechnet, dass das "Leben eines Wohlstandskindes aus den späten Siebzigern" mehr Leute als ihn selbst und seine Freunde interessieren würde. Aber seine Autobiografie habe er schon immer mal schreiben wollen, erzählt der gerade 26-Jährige. Und die Comicform war irgendwie logisch, immerhin zeichnet er seit frühester Kindheit und kann bereits einige Veröffentlichungen vorweisen, unter anderem eine sehr freie "Faust"-Adaption unter dem Kürzel Flix beim renommierten Eichborn-Verlag.

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Yps, das Gimmick und die moribunden Urzeitkrebse: Ein Auszug aus dem ersten Band "Held - Kurze Hosen, Holzgewehr"



Allerdings ist es mit dem Rückblick auf die Vergangenheit nicht getan. 88 Jahre will Felix Görmann alt werden - "Held" erzählt die ganze Geschichte, bis zum Tod: "Ich fand den Gedanken faszinierend, mir vorzustellen, wie mein Leben weitergehen könnte; und ob ich aus dem, was ich erlebt habe, einen möglichen Lebensweg für meine eigene Zukunft ableiten kann."

Ein bisschen Professoren-Kritik: Keine Experimente

Jeder erfinde schließlich früher oder später eine Geschichte, die er für seine eigene halte, beruft er sich auf einen Ausspruch von Max Frisch. Persönlich ist es auch der Versuch, Verlorenes wenigstens teilweise zu rekonstruieren: Weil seine Eltern keinen Fotoapparat besaßen, gehören zur Arbeit auch zwei selbst gezeichnete Bilderalben.

Zeichner Flix: Tuscht um sein Leben

Zeichner Flix: Tuscht um sein Leben

Es ist das erste Mal, dass ein Student in Saarbrücken einen Comic als Diplomarbeit einreicht. Probleme habe man dennoch nicht damit gehabt, betont Harald Hullmann von der HbK Saarbrücken, der die Arbeit im Entstehen begleitete. Allerdings hätte der Professor sich die Arbeit freier gewünscht, "mir persönlich ist Felix Görmann zu sehr am klassischen Bildrahmen hängen geblieben, er hat zu wenig mit der Form experimentiert."

Nur lobende Worte findet dagegen Görmanns Diplombetreuer Ivica Maksimovic: "Flix hat seine Form gefunden. Mehr Experimentierfreude hätte die Arbeit geschwächt."

Reichlich Angebote von Agenturen

Felix Görmann kann diese Debatte inzwischen egal sein. Neben einem Lehrauftrag an der Saarbrücker Hochschule hat "Held" ihm auch eine Auszeichnung des Art Directors Club Deutschland als "hervorragende Leistung" im Nachwuchsbereich eingebracht. "Seitdem bekomme ich reichlich Jobangebote von führenden Werbeagenturen. Das ist echt toll." Aktuell erscheint "Held" in vier Folgen als Heftreihe beim Hamburger Zwerchfell-Verlag.

Das Beispiel macht Schule. Derzeit sitzt der Berliner Markus Witzel an seiner Diplomarbeit für die Kunsthochschule Weißensee. Die Arbeit heißt "Wir können ja Freunde bleiben" und ist ebenfalls ein autobiografischer Comic. Auch Witzel ist in der Comicszene kein Unbekannter: Sein im Sommer erschienener Band "Strandsafari" erscheint demnächst sogar in den USA - eine absolute Seltenheit für einen deutschen Künstler.



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