Eine Professorin auf Plagiat-Jagd (2) Von Wortverdrehern, Dünnbrettbohrern und Halbsatzpanschern

2. Teil: Die Probe aufs Exempel - erst schimpft der Schummler, dann kneift er


Das hat mich derart genervt, dass ich einen Test bei www.turnitin.com machte. Dieser kostenpflichtige Dienst teilt eine Arbeit in lauter kleine Teilsätze und sucht jeden einzelnen im Internet. Es dauert etwa 24 Stunden, dann ist ein Report erstellt; verdächtige Stellen sind farblich markiert.

Turnitin: Hilft bei der Fahndung
GMS

Turnitin: Hilft bei der Fahndung

Tatsächlich konnte man jetzt den Flickenteppich gut erkennen - aus acht verschiedenen Quellen war der Aufsatz Halbsatz für Halbsatz zusammengestellt worden. Ich habe ihn ausgedruckt und dem Studenten geantwortet, dass Turnitin erfolgreich gewesen sei und wir gern einen Termin machen könnten, um die Originalität des Aufsatzes zu diskutieren. Mein Terminangebot hat er komischerweise nicht angenommen.Derweil sind die Übersetzer davon überzeugt, nur sie würden fremdsprachliche Quellen kennen. Also reichen sie einfach eine übersetzte Fassung als eigenes Werk ein. Die "Zeit" berichtete im Dezember 2001 über eine Doktorarbeit an der Universität München, die nur eine Übertragung einer an der Massachusetts Institute of Technology (MIT) eingereichten Arbeit ins Deutsche war.Kenner lesen auch obskure Texte - dumm gelaufen

Student am PC: Ein paar Schlüsselwörter reichen zum Überprüfen
GMS

Student am PC: Ein paar Schlüsselwörter reichen zum Überprüfen

Erstens darf man solche Bearbeitungen nicht ohne Zustimmung des Autors veröffentlichen. Zweitens ist das vielleicht ein guter Job für Diplom-Übersetzer, aber nicht für Doktoren in BWL. Und gerade obskure Texte sind, wie der Zufall so spielt, erstaunlicherweise doch hier und da bekannt. Und gerade solche Kenner können auch in der Prüfungskommission sitzen.Vor vielen Jahren habe ich selbst einen bösen Brief an die "Zeit" geschickt, als ich entdeckte, dass ein sehr bekannter Wissenschaftsredakteur einen ganzzeitigen Artikel unter eigenem Namen und ohne Quellenangabe abdruckte - teilweise eine wortgleiche Übersetzung meines beliebten "How to Lie with Statistics". Damals hielt man es wohl nicht für nötig, der aufmüpfigen Studentin überhaupt zu antworten, geschweige denn eine "aus technischen Gründen vergessenen Quellenangabe" nachzudrucken.Wenn Professoren von Studenten klauenEine ganz andere Art des Plagiats ist das gezielte Werk von Fälschern. Sie wissen ganz genau, was sie beweisen wollen, es fehlt lediglich das passende Zahlenmaterial. Also werden Messreihen erfunden, mit ein paar Ausreißern gewürzt, und dann zieht man entsprechende Schlüsse.

Eng verwandt damit sind die Ideendiebe. Manche tarnen sich als verantwortliche Professoren und veröffentlichen die Arbeiten ihrer Studierenden und Assistenten unter eigenem Namen. Hat man Glück, werden die eigentlichen Urheber in einer Danksagung erwähnt. In ingenieurwissenschaftlichen Fächern kommt es sogar vor, dass Professoren auch noch gut Geld damit verdienen, Diplomarbeiten als eigene Werke zu verkaufen. Eine Expertise in der Zeitschrift "Die Neue Hochschule" stellte vor sechs Jahren klar, das auch bei Diplomarbeiten die Urheberrechte beim Studierenden liegen. Die einleuchtende Argumentation: Wären sie mit dem Professor zu teilen, dann wäre die Diplomarbeit keine eigenständige wissenschaftliche Arbeit und hätte folglich nicht als bestanden bewertet werden können.Ist etwa alle Wissenschaft Plagiat?Es gibt, leider, auch Kollegen, in deren Gegenwart man keine guten Ideen haben darf. Da sitzt man eines Abends zusammen, analysiert zum Verdruss der jeweiligen Lebenspartner aufgeregt ein fachliches Problem und beschmiert alle greifbaren Servietten mit Lösungsversuchen. Wenige Monate später entnimmt man dann einer Veröffentlichung, dass dieses Problem nun gelöst sei - veröffentlicht vom Gesprächspartner und ohne den leisesten Hinweis, dass andere an der Lösung beteiligt waren. Es gibt aber auch Stimmen, die meinen, alle Wissenschaft sei Plagiat. Im Aufsatz "Der Plagiator" behaupten Josef Karner und andere Autoren, Kultur bedeute Nachahmung: "Wir nehmen das Fremde auf, wir einverleiben uns das Andere, speisen es ein, wie der Kybernetiker sagt, wir saugen uns das Wertvolle heraus und bauen damit unseren eigenen geistigen Organismus auf." Sie zitieren auch Goethe, der gesagt haben soll: "Ich verdanke meine Werke (...) Tausenden von Dingen und Personen außer mir, die mir dazu das Material boten."Debora Weber-Wulff ist Professorin für Medieninformatik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Die Amerikanerin forscht über E-Learning im Leitprojekt "Virtuelle Fachhochschule" des Bundesbildungsministeriums. In der ersten Folge: Wie die Dozentin dreiste Ideendiebe erwischt Demnächst in der letzten Folge: Zeit zum Handeln - wie Professoren das Schummelvirus stoppen können



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