Eine Woche Internet-Entzug Ich bin dann mal offline

Schon vor dem Frühstück checkt er Mails, nach Mitternacht surft er noch schnell bei StudiVZ: Marc Röhlig ist Internet-Junkie. Jetzt hat der 22-Jährige für eine Woche den Stecker gezogen - und entdeckt, dass es auch Radio, Schneckenpost und die Auskunft gibt. Ein Erfahrungsbericht.

Es gibt eine Folge der Fernsehserie "Die Simpsons", in der Sideshow-Bob  droht, Springfield mit einer Atombombe auszulöschen. Außer, augenblicklich wird das Fernsehen abgeschafft. Die Drohung sendet er über alle Fernsehkanäle. Er sagt: "Ich bin mir der Ironie wohl bewusst."

Oder so. Genau weiß ich das nicht mehr. Ich könnte es googeln, aber das geht nicht. Ich will eine ganze Woche auf den Online-Anschluss verzichten. Kein Google, keine E-Mails, kein StudiVZ, kein YouTube, keine Nachrichten.

Das wird nicht einfach, ist mir klar. Neuigkeiten aus der Uni kommen im Studi-Newsletter, die Buchsuche funktioniert digital, selbst die Profs satteln aufs Netz um und stellen die Pflichtlektüre auf ihre Homepage statt in den Seminarordner. Abgesehen davon, dass ich auch zwischenmenschlich auf Online-Netzwerke angewiesen bin. Ich habe in StudiVZ Gruppen für Freunde aus der Heimat und aus dem Journalismus, zum Biertrinken verabrede ich mich online mit Kommilitonen.

Schließlich, und das ist beinahe am schlimmsten: Ich bin ein Informationsjunkie. Ich muss mehrmals täglich die gängigen Nachrichtenseiten absurfen. Und ich wikipedisiere alles, bevor ich auch nur ein Buch aufschlage.

Nun also digitale Funkstille. Eine Woche lang. Los geht's.

Montag - Alltag offline, Büchersuche klassisch

Eigentlich wollte ich schon am Wochenende anfangen, aber die Angst war zu groß. Was, wenn ich was verpasse? Ab heute: Alltag offline. Ich habe den Stecker gezogen.

Normalerweise checke ich nach dem Aufstehen Mails und Nachrichten, dann Wetter und StudiVZ. Da ich keinen Fernseher habe, gucke ich beim Frühstücken meist YouTube.

Diesen Morgen schalte ich zum ersten Mal seit langer Zeit das Radio an. Die haben auch Nachrichten und Wetter: In Rottweil läuft eine Kuh auf die Straße, in der Gundelfinger Straße wird geblitzt, und es ist so warm, dass "Deo unter die Achseln" nötig sei. Mir fehlt mein Netz schon jetzt.

Wie sehr, wird mir am Nachmittag bewusst.

Für ein Tutorium muss ich eine Buchrecherche machen, dringend. Ich brauche Aufsätze über die Azteken. Während normale Studenten via PC nach den Standnummern ihrer Bücher fahnden, schlendere ich durch die Gänge und hoffe, dass mich ein passender Buchtitel anspringt. Handbuch der Europäischen Geschichte. Klingt gut. Lateinamerika-Handbuch. Klingt besser. Christoph. Klingt am besten!

Er ist im gleichen Seminar wie ich und sitzt gerade unschuldig zwischen zwei Regalen. Ich bediene mich seines unerschöpflichen Wissens: "Wie hast du denn passende Zeitschriften gefunden?" - "Och, gar nicht erst in der Bibliothek - einfach mit Google."

Ich habe mir dann einige Titel notiert.

Dienstag - reden, nicht klicken

Das Netz und ich kennen uns schon sehr lange. 15 Jahre ist es alt. Ich selbst schaffe sieben Jahre mehr. Wir sind zusammen aufgewachsen. Natürlich könnte ich ohne Zugang leben. Aber wer gibt schon freiwillig etwas auf, woran er sich so gut gewöhnt hat?

Die Übung heute war einfach: Ich musste einige Briefe verschicken. Die Adressen habe ich ausnahmsweise von der Auskunft. Das geht, da habe ich gestaunt, genauso schnell wie im Internet. Fremd war der soziale Kontakt: Ich musste reden, nicht nur klicken.

Viele behaupten ja, das Internet sei zum Kommunizieren überlebensnotwendig. Neueste Partyfotos von den Freunden, die Mutti-Mail vom jüngsten Urlaub, Kettenmails zur WG-Party-Akquise: So bleiben wir in Kontakt. Tatsächlich fürchte ich, dass ich plötzlich nicht mehr weiß, was bei meinen Freunden los ist, sobald ich nicht mehr im StudiVZ rumhänge.

Dabei sehen wir uns fast jeden Tag in der Mensa. Und zwischen zwei Bieren haben wir schon immer mehr gequasselt als zwischen zwei Mails. Plötzlich merke ich, dass Kontakt auch offline möglich ist. Und dass ich mit einem Telefonat genauso viele Informationen bekommen kann wie im Web. Seltsam.

Das Tutorium mit der Buchrecherche fiel übrigens aus. Nur zwei weitere Ahnungslose und ich kamen zum Treffen. Einer meinte dann: "Vielleicht hat der Tutor 'ne Mail rumgeschickt, dass er krank ist?"

Ja, vielleicht.

Mittwoch - Versuchung, dein Name sei Web!

Oh, du hinterhältiges Internet, wie hast du mich heute in Versuchung geführt! Zuerst ruft Michael von der Fachschaft an: "Kannst du bitte schnell mal deinen Flyerentwurf per Mail schicken? Wir müssen die jetzt drucken." Sorry, kein Internet, keine Mails. Dann fällt mir ein, dass ich eine Seminaraufgabe bis morgen noch nicht komplett erledigt habe: "Recherchieren Sie Daten zu Heinrich dem Seefahrer."

Solche Aufgaben gibt es in diesem Seminar immer. Wir klicken uns schnell durchs Netz und lesen einander jeden Donnerstag Wikipedia-Wissen vor. Die historischen Persönlichkeiten werden regelmäßig zu dem zurechtgestutzt, was das Online-Lexikon über sie weiß.

Wieder versuche ich mein Glück in der Bibliothek. Es gibt eine Lehrbuchsammlung, es gibt Geschichtsbereiche. Ich greife mir Überblickswerke und notiere die ersten Fakten zum Seefahrer-Heinrich. Dann versuche ich die Freizeitabteilung, dort gibt es auch eine Sparte für Biografien. Tom Cruise, John Lennon, Hitlers Klavierspieler und dann Heinrich, aber der Achte.

Genervt bettele ich bei der Information um Hilfe: Wie finde ich bloß in mehr als drei Millionen Titeln ein bestimmtes Buch, ohne im Online-Netzwerk der Bibliothek nachzuschauen?

Die Frau am Schalter schaut erst pikiert, dann amüsiert. Sie deutet auf einen Schrank mit Karteikärtchen. Dieser Schrank steht direkt im Foyer der Bibliothek, umringt von gut 50 Computern. Er war mir noch nie aufgefallen. Während ich die teils antiken handschriftlichen Kärtchen durchgehe, hallt um mich herum das Tastaturengeklapper. Fast jeder Rechner ist besetzt. Am Karteischrank stehe ich ganz alleine.

Donnerstag - "Ihr seid doch alle abhängig!"

Überall auf dem Campus sitzen Studenten mit Laptops: alle online außer Marc. Ein blödes Gefühl. Ich bin ein Junkie auf Entzug.

Normalerweise surfe ich mal auf Wikipedia, von Artikel zu Artikel, um mir Günther-Jauch-Wissen anzueignen. Mal klicke ich mich durchs StudiVZ. Einen anderen Abend schaue ich Filme. Oder ich bin im ICQ - selbst mein Opa ist im ICQ.

Das Internet ist, sofern ich nicht außer Haus bin, meine Top-Ablenkmöglichkeit. Nichts hält besser vom Lernen und Leben ab.

Nun habe ich den PC gar nicht erst eingeschaltet. Als mich ein Freund fragt: "Hast du meine Mail nicht gelesen?", antworte ich einfach lächelnd: "Ja, nicht gelesen." Und dann, triumphierend: "Ich bin derzeit nicht online." Dann springe ich auf einen Tisch und brülle die Laptop-Fratzen im Hörsaal an: "Ihr seid alle abhängig!"

Na gut, das mit dem Tisch ist geflunkert - aber Lust gehabt hätte ich dazu schon.

Trotzdem ist es fast wie im Urlaub: Wer nichts weiß, hat auch keine Verpflichtung. Aufstehen und an den Strand, dazwischen Vorlesungen, dann ein Cocktail in der Kneipe, ein wenig lesen, all die digitalen Sorgen bleiben weit weg.

"Beachten Sie bitte die Pflichtlektüre, die ich Ihnen morgen per Mail zuschicke!" Mit diesen Worten beendet der Dozent meinen Tagtraum und sein Seminar. Mein Urlaub hat einen Haken: Er ist gar keiner.

Freitag - Ruhe in Regen

Ich habe mein Schicksal akzeptiert. Der Freitag ist für Studenten schon fast Wochenende, nur noch zwei Vorlesungen, dann muss es einfach besser werden: Am Wochenende, da ist gutes Wetter, da tobt draußen das pralle Leben, da bin gar nicht aufs Netz angewiesen.

Es regnet. Es blitzt und stürmt sogar - ein dickes Hitzegewitter über Freiburg. Menschen ohne Fernseher bleiben zwei Möglichkeiten: Sie machen was Vernünftiges, den Abwasch oder lernen zum Beispiel. Oder sie flüchten ins Internet.

Ich gehöre zur stolzen Truppe der Prokrastinierer. Ich schreibe mir To-do-Listen und stelle das Vernünftige immer ganz unten an.

Aufschieben als Meisterleistung: Bis ich zur Pflicht komme, widme ich mich ausgiebig der Kür. Abwasch? Nein. Lernen? Nein. Internet? Hmpf.

Während der Regen am Fenster schimmernde Schlieren zieht, entscheide ich mich doch für Lernen.

Freitagnachmittag, ich schlage vor lauter Langeweile ein Lehrbuch auf. Ein Glück, dass Michael zu seiner WG-Party einlädt.

Samstag - Telefonterror statt Babsi-Talk

Es gibt im VZ Gruppen für jeden Mist. Meine Freunde und ich haben eine eigene Gruppe, um über die Uni zu lästern oder uns zu verabreden. "Die, da wo gerne auf Babsi rumhänge" ist ideal, um sich mit allen gleichzeitig auszutauschen.

Babsi ist eine kirschrote WG-Couch und beherbergt uns gelegentlich. Nun aber bin ich außen vor, was das gruppeninterne Palaver angeht.

Ich muss also ans Telefon. Zu Schulzeiten war das schon mal so: Keiner wusste, wo was abends geht - nur dass was gehen musste, wusste jeder. So telefonierten alle bis kurz vor zehn Uhr quer durcheinander und trafen sich dann wie immer in der gleichen Kneipe.

An der Uni habe ich die Handysucht zum Glück überwunden. Mit Freunden rede ich in der Mensa oder im Hörsaal, aber nicht stundenlang am Handy. Und Verabredungen stehen in der Babsi-Gruppe.

Für diesen Samstag ist viel geplant: Boule spielen im Park, Fernsehen gucken bei Kenk, Pizza bei mir, dann Studi-Party bis in den Morgen. Ich rufe André an, der mich später zurückruft und sagt, ich soll auch Stahlin anrufen, damit der Dittert noch Bescheid sagt, der noch mal Kenk anrufen soll, damit wir wissen, wo wir hin müssen.

Simon hat abgesagt, es regnet, und Dittert kommt zu spät, dafür auf dem Fahrrad. Laura und Rudi erreiche ich nicht, aber laut SMS sind die auch irgendwann da. Nach der Party, Simon ist jetzt doch da, will er Stahlin wieder finden, der aber nicht ans Handy geht. Zwischendrin ruft noch Michael an und will wissen, ob einer von uns weiß, wer gestern auf seiner Party der Nachbarin vor die Tür gepinkelt hat.

Als ich nachts halb vier daheim bin, ist der Handyakku alle. Das gefällt mir direkt.

Sonntag - himmlische Ruhe!

Ich liebe Sonntage. Vor allem im Sommer. Sie sind lang und voller Möglichkeiten. An einem Sonntag kann ich alles wagen: die Welt umsegeln oder einfach nur liegen bleiben.

Ich bin nicht liegen geblieben, ich wollte heute eher so dieses Welt-Ding anpacken. Küche, Abwasch, Müll und die Wollmäuse im Bad. Uni, einige Texte, Bügelwäsche. Abends Theater.

Es ist wunderbar, wenn der PC schweigen muss. Kein YouTube lenkt mich ab, auch kein StudiVZ. Und die Welt arbeitet heute sowieso nicht, also sind auch die Nachrichten heute stiller. Zum ersten Mal in dieser Woche fühlt sich die Internet-Abstinenz tatsächlich wie Urlaub an. Ich habe dieses Geklicke nicht nötig, kein PopUp trübt meine Sicht, keine Nachricht, die ich beantworten muss. Ein prima Gefühl.

Und dann falle ich um.

Am letzten Abend klicke ich kurz mal rein, drei Minuten, mehr nicht, scrolle ich die aktuellen Schlagzeilen durch. Eigentlich ist nichts los.

Montag, der Tag danach - zurück in der Metropolis

Müsste ich das WWW aufmalen, es wäre die Unterwelt unter der Oberwelt: ein Schwarzes Zeitloch, eine gigantische Metropolis mit glitzernden Wolkenkratzern und bodenlosen, süchtigen Schluchten.

Diese Megacity würde nicht in die Breite wachsen - sie würde in die Höhe explodieren. Stockwerk für Stockwerk entstehen neue Seiten. Hier kann man seine Zeit verlieren!

Der Satz "Hast du die Mail nicht bekommen?" hat mich in der vergangenen Woche mehrmals täglich daran erinnert, dass ich gerade nicht dazugehöre. Mal verpasste ich einen Termin, mal war ich der einzige, der da war. Ich erfuhr nichts von Hausaufgaben und nichts von deren Fristen. 79 Nachrichten warten jetzt im Postfach. Ich will unbedingt lesen, was los ist. Und mir graut davor, auch nur eine Minute länger vorm Bildschirm zu hängen.

Nach wenigen Minuten im Kosmos bin ich wieder ganz der Alte: Maus und Tastatur sind Verlängerungen meiner Hände und meiner Sucht.

Vor einer Woche hatte ich mir zwei Fragen gestellt: Kann ich auf das Internet verzichten? Oder kommt meine Generation nicht mehr ohne den Dauerdraht ins Web aus?

Die Antworten: Ja. Und ja.

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