Durchmachen in Rom Ohne Wein ist wie ohne Sonne

Alles gehört allen - kann das gut gehen? UniSPIEGEL-Autor Felix Bohr hat sich in Rom eine Erasmus-Nacht um die Ohren geschlagen. Er feierte chaotisch mit Studenten, Hipstern und Kommunisten.


19.30 Uhr: In der Ewigen Stadt kommt man meistens zu spät. Ich hetze zu Fuß durch das historische Zentrum Roms, vorbei an antiken Tempeln, prächtigen Renaissancepalästen, eleganten Fontänen und Dutzenden Uhren, die alle falsch gehen. Ich bin mit Claudio verabredet, der mich durch die römische Nacht begleiten wird. Er kommt aus Hamburg, studiert Germanistik und ist einer von 76 deutschen Erasmus-Studenten, die derzeit an der römischen Universität La Sapienza eingeschrieben sind. Erst kam der Bus eine halbe Stunde zu spät, und dann war er so voll, dass ich nicht mal mehr einen Stehplatz ergattern konnte. Also ging ich zu Fuß. Claudio wartet sicher schon auf mich, denke ich.

20.00 Uhr: Mit einer halbstündigen Verspätung erreiche ich unseren Treffpunkt, die "Bar del Fico". Claudio hatte ebenfalls Probleme mit dem öffentlichen Nahverkehr und kommt gerade erst zur Tür rein. Die Bar ist proppenvoll an diesem Freitagabend. Aus den Boxen dringt leiser Jazz, Vintage-Möbel und ein dunkler Holzfußboden schaffen eine lässig-schicke Atmosphäre. Auf einer Schiefertafel werden die Weine des Tages angepriesen. Wir bestellen zwei Aperol Spritz und essen dazu Pizzastücke und Rosmarinkartoffeln, die für alle Gäste bereit stehen. Die Appetithäppchen sind lecker, aber viel zu klein: Wir beschließen, etwas Anständiges essen zu gehen.

21.15 Uhr: Das Abendessen ist in Italiens Hauptstadt eine heilige Institution - je später, desto besser. Wir bestellen Lasagne und Gnocchi al Ragù bei "Alfredo e Ada". An den Wänden hängen Kohlestiftzeichnungen von Kneipenszenen, hin und wieder klingelt ein schwarzes Telefon aus den Fünfzigerjahren, das mitten im Raum hängt. Auf einem Schild ist in roten Buchstaben "Un pasto senza vino è come una giornata senza sole" zu lesen: Eine Mahlzeit ohne Wein ist wie ein Tag ohne Sonne. Also bestelle ich eine Karaffe Hauswein, den Juniorchefin Chiara aus einem Holzfass zapft. Während des Essens erzählt mir Claudio von seinem Uni-Alltag an der Sapienza. Seine Professoren telefonierten während der Vorlesungen oder holten sich zwischendurch einen Kaffee, sagt Claudio: "Ich habe mit vielem gerechnet, aber nicht mit einem solchen Chaos." Dennoch würde er seinen Erasmus-Studienplatz in Rom gegen keinen anderen in Europa eintauschen wollen. Die Stadt sei zwar sehr chaotisch, sagt Claudio, aber dafür habe sie unschätzbare Vorteile: überwältigenden Charme und große Eleganz.

23.15 Uhr: Von der Schönheit Roms zeugen auch die engen Gassen des jüdischen Viertels, durch das wir nach dem Essen laufen. Ständig fahren Motorroller und Kleinwagen dicht an uns vorbei. Claudio und ich entscheiden uns für einen kurzen Zwischenstopp in der "Bar Caffè Perù", um einen Espresso zu trinken. Das Café ist eines von Hunderten in der Stadt, und fast alle sind gut besucht. Die Römer stehen nämlich zu jeder Tageszeit an der Theke und trinken einen schnellen Espresso, Cappuccino, Amaro oder Grappa. Dabei plaudern sie über korrupte Politiker, den Papst, AS Rom oder das desaströse öffentliche Nahverkehrssystem.

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23.30 Uhr: Nach unserer Pause erreichen wir den schönen Platz Campo dei Fiori und betreten dort den Pub "The Drunken Ship", einen beliebten Treffpunkt für das Erasmus-Partyvolk. Wir trinken Bier und treffen draußen auf der Terrasse Theresa, Antonia und Florian aus Deutschland, die für ein Jahr Architektur in Florenz studieren. Sie sind zum zweitägigen Sightseeing nach Rom gekommen. Die drei haben ein straffes Programm vor sich: Sie wollen sich nicht nur klassische Sehenswürdigkeiten wie den Petersdom, die spanische Treppe oder das Kolosseum anschauen, sondern auch Kuriositäten wie die Krypta der Kirche "Santa Maria Immacolata a Via Veneto", die im 17. Jahrhundert bis ins Detail künstlerisch ausgestaltet wurde - mit menschlichen Skeletten.

23.42 Uhr: Plötzlich herrscht Chaos: Claudio, der die ganze Zeit neben mir stand, hat aus Versehen mein noch halbvolles Bier vom Geländer der Pub-Terrasse gestoßen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, ergießt sich das Bier auch noch in einen Motorradhelm, der weiter unten am Geländer lehnt. Claudio und ich denken kurz darüber nach, die Flucht zu ergreifen, denn wir erwarten Schlimmes. Doch als der Besitzer des Helms zurückkommt, fragt er nur kurz, was passiert sei - und reagiert mit römischer Gelassenheit. Ich bin beeindruckt. Wir entschuldigen uns vielmals und verabschieden uns dann ganz schnell.

01.00 Uhr: Wir überqueren den Tiber und laufen nach Trastevere, eines der bekanntesten Stadtviertel Roms. Wir bestellen einen "Moscow Mule", Cocktail mit Wodka und Ingwer, im "Freni e Frizioni" ("Bremsen und Kupplungen"), einer kleinen Halle, in der früher Autos und Motorräder repariert wurden. Heute hängen über der Bar fünf Kronleuchter aus Glas, an den Wänden stehen ein Bücherregal und uralte Apothekenmöbel aus dunklem Holz. Auf dem kleinen Platz vor der Kneipe wimmelt es vor Hipstern und Partytouristen. Drei schwarzgekleidete Römerinnen machen Selfies mit einem Hund. Claudio und ich beschließen, ein letztes Mal die Location zu wechseln.

03.00 Uhr: Nachdem wir mit etwas Glück einen der selten fahrenden Nachtbusse bekommen haben, erreichen wir das Studentenviertel der Stadt: San Lorenzo. Wir überqueren die Piazzetta, den Szenetreff des Bezirks. Auf den Stufen des kleinen Platzes sitzen Studenten und Anwohner bis spät in die Nacht, es wird gesungen, und einer hat seine Gitarre mitgebracht. In Rom spielt sich das Nachtleben meist draußen ab - wenn es das Wetter zulässt, dann sogar im November. Man muss sie einfach lieben, diese Stadt. Trotz der Busse.

03.15 Uhr: "Oh my job!" ist das Motto der Party, die in einem besetzten Gebäudekomplex ganz in der Nähe der Piazzetta stattfindet. Die Hausbesetzer, fast nur Studenten, nennen ihr gemeinnütziges Projekt "Omnia sunt comunia" ("Alles gehört allen"). Es ist ihre Antwort auf die Eurokrise, die in Italien voll zugeschlagen hat: Knapp 43 Prozent der Italiener unter 25 Jahren haben keine feste Arbeit. Tagsüber, erzählt uns Laura, die an der Kasse sitzt, finden im Gebäude Beratungen für Anwohner, arbeitslose Jugendliche und Sozialhilfeempfänger statt. Am Wochenende gibt es Partys, um mit den Einnahmen das gemeinnützige Projekt zu finanzieren, das vom Staat bislang geduldet wird. Claudio und ich bestellen einen letzten Drink an der Bar. Aus den basslastigen Boxen dröhnen Italo-Schlager, Techno, Punk, Ska. Junge Römer tanzen anders als die anderen, kommt mir in den Sinn. Ständig wirbelt irgendetwas durch die Luft: Arme, Beine, Haare, Bier. Wir fügen uns dem Chaos und tanzen eine Weile gegen die Krise an. Dann verabschieden wir uns. Auf dem Nachhauseweg schaue ich noch einmal auf eine der Uhren, die in der Stadt stehen: Sie zeigt 20.15 Uhr an.

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insgesamt 6 Beiträge
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fatherted98 04.02.2015
1. Klar...
...kann das gut gehen...nur wenn nix mehr da ist...was dann? Bock zum arbeiten haben die wenigsten Kommunisten...die gehen davon aus, dass jeder nach seinen Fähigkeiten agiert..und die meisten dieser Gleichmacher sind sehr gut im gemeinsamen konsumieren aber sehr schlecht im gemeinsamen erwirtschaften.
troy_mcclure 04.02.2015
2. Chaotisch gefeiert?
Feiern ist für mich was Anderes als diese ständigen Kneipenwechsel mit einem Begleiter.
ohne_mich 04.02.2015
3. @fatherted98
Man muß schon sehr verbohrt oder indoktriniert sein, um aus diesem Artikel ein politisches Statement zu generieren. Aber ein Schuß aus der Hüfte Richtung Links geht immer, nicht wahr?
Dumme Fragen 04.02.2015
4. @troy...
Die Tour ist eher für Touris, die sich einige nette Orte man schnell in kurzer Zeit ansehen wollen... Zu Fuß ist es aber ein ganz schönes Ende...
beetlemeier 04.02.2015
5. Da bekommt man Lust auf eine Romreise!
Die Schilderung macht Lust auf mehr: Großstadt-Romantik, Feiern, lecker Essen, Leute treffen UND das alles in ROM! ;-) Bei der Lektüre ist mir nur irgendwan der Gedanke gekommen, was der Abend so gekostet haben mag: Am Anfang anderthalb Abendessen, dann ein paarmal Ortswechsel; von Eintritt war nicht die Rede, dazu Kaffee, Bier, Fahrtkosten usw. Von daher habe ich so meine Zweifel, ob dies ein (typisches) WE eines Erasmus-Studenten darstellt, oder dieser Text nicht besser statt in den "UNISPIEGEL" in die Tourismus-Abteilung gehört.
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