Einladung zum Flashmob Wie Herr Englund aus China rausflog

Vom Studenten zum Dissidenten: Eigentlich wollte der Schwede Sven Englund in China nur die Sprache lernen. Das klappte ganz gut, bis er als Hausaufgabe einen Brief schreiben sollte - und den chinesischen Präsidenten zum Flashmob einlud. Die Behörden fanden das gar nicht lustig.

Erik Englund

Von


Als der schwedische Student Sven Englund, 24, nach Shanghai kam, sprach er kein Chinesisch. Knapp ein Jahr später verstand er sogar jene Männer recht gut, die ihn stundenlang verhörten.

Was er in China gemacht habe, fragten sie ihn. Was er in seinem Blog geschrieben habe? Und: Warum hat er den Flashmob geplant? An diese Fragen erinnert sich Sven Englund noch, viele andere hat er längst vergessen. Schließlich habe das Verhör fast neun Stunden gedauert, sagt er.

Als Sven Englund den Flashmob plante, dachte er an Ai Weiwei, den chinesischen Künstler und Regimekritiker, kürzlich aus der Haft entlassen. Der schrieb sich "FUCK" auf die Brust und fotografierte sich mit offenem Hemd vor der Verbotenen Stadt im Zentrum Pekings. Sven Englund wollte sich "Freiheit" auf die Brust schreiben. Doch wenn nur er sich fotografieren ließe, hätte das wohl kaum jemanden beeindruckt. Also rief er via Blog und Twitter dazu auf, dass andere ihm folgen sollten. Sein Geschenk an die Kommunistische Partei, die ihren 90. Geburtstag feierte.

Ob sie sich darüber gefreut hätte? Wohl kaum. Aber Englund musste den Flashmob sowieso abblasen. Zur Strafe landete er nicht im Gefängnis wie Ai Weiei, sondern bei seinen Eltern auf der schwedischen Insel Gotland. Er musste das Land verlassen. Ziemlich plötzlich wurde er vom Sprachstudenten zu so etwas wie einem Dissidenten.

Angefangen hat alles mit einer Hausaufgabe

Inzwischen hat Englund an die 30 Interviews gegeben. Schwedische Journalisten wollten mit ihm sprechen, dänische und chinesische. Er hat über 2500 Follower bei Twitter, an die 900 Facebook-Freunde und ständig, so sagt er, gratulieren ihm fremde Menschen zu seiner Aktion.

Angefangen hat alles mit einer Hausaufgabe seiner chinesischen Dozentin. Englund war im vergangenen August nach Shanghai gekommen, um hier an der Fudan-Universität Chinesisch zu lernen. Ansonsten studiert er eigentlich im schwedischen Uppsala Chemie.

Englund sollte lernen, auf Chinesisch einen Brief aufzusetzen. Das war die Aufgabe. Er dachte sich: Warum nicht an den Präsidenten schreiben? "Das begann alles eher als Spaß", sagt er. Er stellte sich Hu Jintao in dem Brief zunächst kurz vor, bedankte sich, dass er in China sein darf, und fragte, warum China eigentlich Volksrepublik heiße, das sei nicht angebracht. Diesen Brief veröffentlichte er in seinem Blog.

Danach übte er weiter: Als nächstes fragte er Hu Jintao nach der chinesischen Geschichte, dann folgte der dritte Brief. "Ich war schon ein bisschen nervös, als ich den gepostet habe", sagt Englund. "Ich dachte, schlimmstenfalls lande ich im Gefängnis." Aber darauf hätte die internationale Gemeinschaft sicher reagiert, glaubt er.

Er schrieb Hu Jintao von seinem Plan: Am Freitag sollte man sich zu einem Flashmob in Shanghai treffen, jeder der teilnimmt, sollte sich das Wort "Freiheit" auf den Körper schreiben. Den Brief postete er am Montag.

"Ein Typ folgt mir jetzt, sitzt vor der Wohnung"

Er habe damit etwas für die Meinungsfreiheit tun wollen, sagt er. Irgendetwas. "Wenn alle einfach nur stillhalten, wird es keine Veränderung geben", sagt Englund. "In China sind viele Menschen unzufrieden, aber können nichts sagen."

Am Donnerstag, vier Tage nach der Veröffentlichung, fragte ihn seine Dozentin nach der Stunde, ob er noch kurz bleiben könnte. So erzählt er es. Sie würde seinen Blog lesen, sagte sie, und er möge den Flashmob doch bitte absagen. Das wollte er nicht. Auch wenn sich keiner angemeldet hatte. "Es ging mir ums Prinzip", sagt Englund. "Ich wollte trotzdem hinfahren, fünf Minuten dort stehen und wieder zurückfahren."

Am selben Nachmittag bekam er eine SMS von seiner Lehrerin. Ob er noch mal zur Uni kommen könne, da sei ein Mann, der gern mit ihm Kaffee trinken würde. Englund hatte keine Lust.

Am nächsten Tag, am Freitag, den 1. Juli, twitterte er: "Drei Personen in Uniform klopften gerade an meine Tür und wollten mir eine Art Rechnung geben. Sehr suspekt."

Der nächste Tweet folgte kurz darauf: "Ein Typ folgt mir jetzt, sitzt vor der Wohnung und wartet auf mich. Ich bin mit dem Fahrstuhl runter gefahren und direkt wieder hoch, er machte es genauso."

Pass weg, Visum annulliert

Was dann geschah, erzählt der Schwede so: Der besagte "Typ" und ein paar Kollegen holten Sven Englund ab und brachten ihn in die Uni. Dort verhörten sie ihn stundenlang. Wer genau die Männer waren, weiß er nicht. Polizisten sind dabei gewesen und ein paar andere Männer. Von rund zehn Personen ist er an diesem Tag befragt worden. Fast zehn Stunden lang. In der Zeit musste er auch seinen Blog aktualisieren: Der Flashmob sei eingestellt. Wenn trotzdem jemand hinginge, tue er das auf eigene Verantwortung. Dann nahmen sie ihm den Pass ab. "Sie behandelten mich 'gut'. Gaben mir Essen und Wasser usw.", schrieb er danach in einer Mail an das schwedische Generalkonsulat in Shanghai.

Wie sie auf ihn als Blogger aufmerksam geworden sind? Er weiß es nicht. Zwei Blogs hätten sie ihm gesperrt, sagt er, er habe jedes Mal einen neuen eröffnet. Es gebe einen Mann, der für alle Austauschstudenten zuständig sei, sagt Englund. Vermutlich habe er seine Blogs gelesen und das Verhör veranlasst.

Eine Woche später bekam Englund seinen Pass zurück. Ende Juli wollte er ohnehin zurück nach Schweden, um seine Abschlussarbeit zu schreiben. Solange galt auch sein Visum. Der Flug war gebucht und bezahlt. Doch die chinesischen Beamten wollten nicht warten: Zwei Tage habe er Zeit für die Ausreise, sagte der Mann, der sich um Austauschstudenten kümmert. Er habe für ihn schon mal die Flüge gecheckt, ob der nächste Morgen genehm sei. Englund stimmte zu, das Ticket wurde ihm in die Wohnung geschickt, er musste bar bezahlen.

Englund bereut nichts, er will weitermachen

Das Generalkonsulat teilte SPIEGEL ONLINE mit, sie wüssten über den Fall auch nicht mehr als das, was Englund ihnen erzählt hätte. Sie seien von chinesischen Behörden nicht kontaktiert worden. Bengt Johansson, der schwedische Generalkonsul in Shanghai, wundert sich allerdings nicht über das Verhalten. "Wenn er mich vorher gefragt hätte, ob solche Reaktionen kommen könnten, hätte ich ja gesagt, ohne Zweifel", sagte er der schwedischen Nachrichtenagentur TT. Wenn er an der Demonstration festgehalten hätte, hätte die Gefahr bestanden, angeklagt zu werden und im Gefängnis zu landen.

Zurück in Schweden entspanne er gerade ein bisschen, sagt Englund. Und er beantwortet Nachrichten. "Viele Chinesen haben mir gedankt, dass ich etwas tue, was sie sich nicht trauen", sagt Englund, "dass ich wenigstens versuche, was zu tun." Auch seine Uni in Uppsala hält zu ihm: "Wir unterstützen das Recht unserer Studenten, ihre Meinung frei zu äußern", sagt die Vizekanzlerin Kerstin Sahlin. Andere beschimpften ihn: Warum er andere Länder verändern wolle? Das stehe ihm als Austauschstudenten nicht zu.

"Ich bin zufrieden", sagt Englund. "Und ich bin froh, dass ich diese interessante Erfahrung machen durfte, von der chinesischen Sicherheitsbehörde verhört zu werden." Für seine Abschlussarbeit will er wieder nach Asien. Diesmal aber nach Taiwan, dort soll es entspannter zugehen. Das sei aber schon vorher geplant gewesen.

Und er will sich weiter für Menschenrechte in China einsetzen. Irgendwie. Einen Ansatz hat er schon: "Ich habe das Verhör aufgezeichnet", sagt er. Was er damit mache, wisse er noch nicht. Aber irgendwas werde ihm schon einfallen.



insgesamt 143 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sappelkopp 26.07.2011
1. Schöne Geschichte...
...nur wirklich ziemlich blauäugig. War doch klar, dass er damit nicht durchkommt. Allerdings hat er den Chinesen ein Forum geschaffen und die Welt diskutiert wieder einmal mehr über die "Volksrepublik". Hut ab, mehr als Studenten sich heutzutage sonst trauen!
wadoe2 26.07.2011
2. Er hat um einen Tritt gebeten,
und er hat ihn bekommen =80
Thesa 26.07.2011
3. So ein Quatsch
Warum tut er das? Jeder weiß genau, dass China solche Arten von Versammlungen nicht wünscht. Das ist eine Provokation.
Altesocke 26.07.2011
4. ,,0.0,,
---Zitat--- Ich habe das Verhör aufgezeichnet ---Zitatende--- iphone? Notebook? Wenn es stimmt, spricht das nicht sehr fuer die 'Verhoerspezialisten'. Viel Glueck, Herr Englund
vantast64 26.07.2011
5. Chinas Staat hat Angst
Eine der stärksten Mächte der Erde hat permanent Angst. Warum wohl? Kein Selbstvertrauen? Klar, paranoide Anführer, die ihren eigenen Speichelleckern nicht vertrauen können, haben einen unruhigen Schlaf. Wir sollten Mitleid haben mit diesen armen Leuten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.