Eins in die Presse Der Tag, an dem die Asta-Druckerei verschwand

Sie drohen einander, kloppen sich, mauern Türen zu. Unter den Studenten der Technischen Universität Berlin tobt ein bitterer Polit-Streit, seit der Asta ein Jahr lang von den Konservativen gestellt wurde. Im Zentrum des Knatsches: Eine 20 Jahre alte Druckmaschine.


Für Gottfried Ludewig war der 30. Juli ein guter Tag: Er stand in der Einfahrt vor dem Asta-Gebäude und sah einem Mann im blauen Overall bei der Arbeit zu. Der wuchtete eine Maschine, so groß wie ein Kleinwagen, auf einen Bock und schob sie mit seinem Kollegen vorsichtig weg. Auf der Straße parkte der Lastwagen der Firma "Stoppel-Umzüge". "20, 30, 40 Jahre linke Mauschelei werden da abtransportiert" - etwas in der Art mag dem konservativen Asta-Vorsitzenden Ludewig durch den Kopf geschossen sein.

Die Maschine - ein zwanzig Jahre alter Drucker der Firma Heidelberg - war das Herz der Asta-Druckerei an der Technischen Universität Berlin. Auf ihr hatten die Studenten seit Anfang der achtziger Jahre alles gedruckt, was in ihrer Arbeit so anfiel - "und noch einiges mehr", so Gottfried Ludewig. Die Druckerei sei von den ehemaligen Asten benutzt worden um linke Gruppen, die nichts mit der Uni zu tun haben, mit Propaganda-Material zu versorgen.

Ludewig war ein Jahr lang der Vorsitzende der Studenten-Vertretung. Das ist etwas Besonderes, denn er ist Mitglied des Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) der CDU-Studenten-Vereinigung. Und einen RCDS-Asta, einen rechten Asta, gab es in Berlin seit 40 Jahren nicht. Damals war es der spätere Bürgermeister Eberhard Diepgen, der für die Konservativen gewählt wurde. Er verlor zwei Wochen nach Antritt wieder sein Amt.

Gottfried Ludewig und seine RCDS-Kollegen haben an der TU eine ganze Amtszeit durchgehalten. Bundesweit kommt es eher selten vor, dass die Rechten die Linken an der Uni in die Opposition schicken. An zwanzig Asten ist der RCDS beteiligt, meist in Koalition mit der Liberalen Hochschulgruppe.

Ein Ausrufezeichen setzen

Vordergründig geht es im Kampf um die Druckerei der TU um einen 20 Jahre alten Drucker, eine Schneidemaschine und ein paar Farbeimer. Tatsächlich tragen die Studenten in Berlin einen Kulturkampf aus, der überall dort tobt, wo der RCDS nach längerer Vorherrschaft linker Gruppen an die Macht kommt. Es ist immer das gleiche Lied: Es sei gekungelt und gemauschelt worden, sagen die RCDS-Vertreter. Sie geben sich als Aufräumer und streichen, wo es nur geht.

Die plötzlich in der Opposition sitzenden Linken meckern zurück: Sie sind plötzlich von Finanzen abgeschnitten, die sie lange Zeit für politische Aktivitäten innerhalb und auch außerhalb der Universität benutzt hatten. An der TU gab der Asta pro Semester bei rund 27.000 Studenten und einer Asta-Abgabe zwischen sechs und sieben Euro einen Etat zwischen 300.000 und 400.000 Euro aus.

Bei den diesjährigen Wahlen zum Studenten-Parlament sind Gottfried Ludewig und seine RCDS-Kollegen wieder abgewählt worden. Das Wahl-Ergebnis ist bisher nur vorläufig, aber Ludewig rechnet nicht mit einer weiteren Amtszeit. Mit der Abtransport-Aktion am Vormittag des 30. Juli wollten die RCDS-Leute noch einmal ein Ausrufezeichen setzen.

Geschubse im Studenten-Parlament

Die Druckerei des TU-Astas spielte in der Infrastruktur der linken Szene Berlins eine wichtige Rolle: Viele politische Gruppen aus dem studentischen Milieu druckten ihre Flugblätter, Plakate und Info-Broschüren. "Klar wurden hier linke Sachen gedruckt. Es war ja auch mal ein linker Asta", sagt Finanzreferent Martin Mallwitz. Er war ein Jahr lang der einzige Linke im RCDS-Asta.

Die Reaktion auf den Verkauf fiel heftig aus: Als am 10. Juli zum ersten Mal die blauen Umzugslaster kamen, blockierten rund sechzig Menschen die Einfahrt und den Eingang zum Asta-Gebäude, die Firma brach ihre Arbeit schließlich ab - "zu gefährlich". Ein paar Tage später mauerten Unbekannte die Zugänge zu den Räumen der Druckerei zu und drapierten ihre Wand mit abgeschlagenen Flaschen.

Vorangegangen war ein Monate langer juristisch-politischer Kleinstreit. Ludewig und seine Leute hatten mit dem geplanten Verkauf der Druckerei bereits im letzten Herbst Wahlkampf gemacht. "Sogar der Rechnungshof des Landes hat den Asta im Jahr 2001 für die Druckerei gerügt", sagt Ludewig. Der Rechnungshofs schrieb damals: "Die Druckerei (...) weist ihre Leistungen nicht nach. Aufgrund fehlender Auftragsbücher kann die Auslastung nicht beurteilt werden. (...) Aus studentischen Mitteln wird der Druck von Broschüren, Plakaten und Flugblättern für politische Aktivitäten Dritter finanziert". Ein vierjähriger Briefwechsel zwischen Asta und Behörde folgte. Das Ergebnis: Die Rüge ist nicht mehr aktuell, in den Berichten der folgenden Jahre taucht die Druckerei nicht mehr auf.

Für den Verkauf brauchte der RCDS-Asta einen Beschluss des Studierenden-Parlaments. Bei der entscheidenden Sitzung kam es zum Eklat. Ein konservativer Student filmte die Anwesenden mit seinem Mobiltelefon, einige Linke fanden das nicht lustig: "Und dann kam es zu einem Geschubse", sagt Mallwitz. Gegen den vom Asta beschlossenen Verkauf beantragten oppositionelle Studenten eine einstweilige Verfügung. Sie wurde abgewiesen. Das gleiche passierte ein weiteres Mal, als der Abtransport geplant wurde.

So viel verbrannte Erde wie möglich

Während Gottfried Ludewig nach dem gelungenem Verkaufs-Coup in den Urlaub gefahren ist, sitzt Mallwitz in der Asta-Villa in Berlin und sortiert erbost die Scherben: "Der RCDS-Asta hat hier nicht nur eine Druckerei, sondern die Arbeit von Studierenden kaputt gemacht. Das alles wurde schließlich von uns aufgebaut, in der Druckerei haben Studis gearbeitet", sagt er. Die RCDS-Leute hätten im Übrigen ein Jahr lang an ihm vorbei gearbeitet und nahezu alles ignoriert, was er vorgeschlagen habe. "Die hatten keine eigenen Projekte, die habe nur gekürzt, gekürzt, gekürzt. Und am Ende 50.000 Euro für Anwälte ausgegeben." Der Server, auf dem die Internet-Seite des Astas liegt, sei außerdem weg. Es wirkt, sagt Mallwitz, als habe der RCDS versucht, so viel verbrannte Erde wie möglich zu hinterlassen.

Gottfried Ludewig lassen solche Vorwürfe kalt: Die Internet-Seite sei aus technischen Gründen einen Monat nicht erreichbar, weil es im September eine neue gäbe. Es gäbe Leute, die nicht einsehen wollten, dass 1968 vorbei sei und an der Universität nicht mehr die Revolution vorbereitet werde. "Ich habe eine Amtszeit lang versucht, die Mauscheleien aus vierzig Jahren linker Vorherrschaft im Asta zu beenden und die Arbeit wieder in geltendes Recht zurück zu führen".

Damit sie nicht vergessen, wie es war, ein Jahr lang mal im Berliner-Asta gewesen zu sein, haben die RCDS-Jungs die Abtransport-Aktion fotografiert. Sie posieren neben dem Drucker mit einem Plakat, auf dem Ulrike Meinhof zu sehen ist, neben Schmiereien im Gang, die sie "ins Gulag" schicken wollen und neben der Druckmaschine, die an einem Kran auf den Umzugslaster gehoben wird - dann ist sie weg, vermutlich für immer.

"Ich denke, die ist schon in Russland oder so", sagt Yacob Yacob von der Firma ReproBerlin. Er hatte Anfang Mai eine Anzeige in der "BZ" gesehen und sich darauf gemeldet. Rund 25.000 Euro bot er dem Asta - und bekam den Zuschlag. Dann kamen plötzlich Leute bei ihm in der Druckerei an, er wurde ständig angerufen - immer der gleiche Tenor: Bitte treten Sie vom Kaufvertrag zurück. "Ich wünschte, ich hätte sie nie gekauft", sagt er heute. Als er die Maschinen dann bekam, hat Yacob sie sofort weiter verkauft, am 30. Juli. Für Gottfried Ludewig und die seinen war das ein guter Tag.



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