Elite-Uni Heidelberg Der Stolz der alten Dame

Die älteste deutsche Universität ist ein bisschen wie der FC Bayern - der wird auch nicht jedes Jahr Meister, kommt aber stets zurück. Die Heidelberger Uni hat es im zweiten Anlauf geschafft: endlich Elite-Uni. Da hopsen selbst gestandene Akademiker wie Vierjährige.
Von Jochen Schönmann

Die alte Dame hat's geschafft. Quasi auf den letzten Drücker. Dafür allerdings mit Fanfaren und Lorbeeren: Die ehrwürdige Ruperto Carola zu Heidelberg, nach Prag und Wien einst die dritte Universitätsgründung auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, gehört jetzt offiziell zur Elite. Damit ist der Tradition Genüge getan. Endlich.

Bei aller Haltung - am Ende war die Nervosität mit Händen greifbar. Oder besser fühlbar, denn die Handschläge waren am Krönungsmorgen allgemein etwas feucht. Freitag, kurz vor 13 Uhr: Anne Jostkleigrewe, die Referentin des Heidelberger Hochschulrektors Bernhard Eitel, sitzt am PC und wartet darauf, dass ihr Posteingang endlich Alarm schlägt. Denn erst kurz vor der offiziellen Verkündung der Ergebnisse in der Finalrunde der Exzellenzinitiative sollen die acht Kandidaten selbst erfahren, ob sie es geschafft haben.

Die Mail kommt noch nicht, stattdessen klingelt das Telefon. Am Apparat: der Chef. Plötzlich fängt Jostkleigrewe an zu zappeln. "Was?", brüllt sie, "was? Alles, wirklich alles? Wahnsinn!" Das ist der richtige Moment, um einfach mal auf die Contenance zu pfeifen. Die Referentin hopst mit dem Hörer in der Hand durch das Büro wie eine Vierjährige beim Seilspringen.

Eine knappe Stunde später sitzt Eitel in seinem Büro gleich nebenan und grinst, wie es breiter kaum noch geht. Ein "gut informierter Freund" hatte ihn noch im Auto angerufen und das Ergebnis verkündet.

Die Heidelberger haben so ziemlich alles abgeräumt, was geht: den Elite-Status als Volluniversität, obendrein ein Exzellenz-Cluster und zwei Graduiertenschulen, eine davon in Biologie und eine in Mathematik. Etwa 25 bis 27 Millionen Euro jährlich wird das nun zusätzlich in die Kassen spülen. Damit lässt sich etwas anfangen.

Im Vorjahr noch zu siegesgewiss

Allerdings: Nach den ersten Momenten der Ausgelassenheit kehrt am Neckar schon wieder die für die ehrwürdige Heidelberger Universität typische Würde der Selbstverständlichkeit zurück. "Ich habe hier 20 Institute, die alle auf höchstem Niveau arbeiten", sagt Bernhard Eitel. "Wir konnten uns im Prinzip aussuchen, womit wir uns bewerben."

Eitel betont, es sei ihm besonders wichtig gewesen, den Elite-Status als Volluniversität zu erhalten. "Die großen Fragen der Menschheit können nur transdisziplinär gelöst werden", glaubt er. Deshalb sei es wichtig, Arbeitsbedingungen zu schaffen, wo verschiedenste Forschungsbereiche tagtäglich miteinander in Berührung kommen, "immer face to face - und nicht nur einmal im Jahr auf einer Konferenz in Mailand".

Dass gerade das Exzellenz-Cluster "Asia and Europe in a Global Context" gewonnen hat, freut ihn besonders, "weil es ein geisteswissenschaftliches Projekt ist". Der Vorwurf, eine naturwissenschaftliche Schlagseite zu haben, sei damit entkräftet.

Eitel ist stolz.

Nach all der Häme des vergangenen Jahres ist das verständlich. Da war die Party doch ziemlich in die Hose gegangen, als die Heidelberger mit ihrer etwas zu selbstsicheren und daher ziemlich schlampigen Bewerbung vom Wissenschaftsrat abgewatscht wurden. Nicht einmal einen Plan über die Verwendung der Fördermittel aus der Exzellenzinitiative hatten sie vorgelegt.

Heidelbööörg, das hat Klang in der Welt

Prompt war es beim Scheitern der Kurpfälzer ein bisschen, wie wenn der FC Bayern patzt: Schadenfreude von Seiten derer, die ansonsten meist im Schatten stehen.

Trotzdem weiß jeder: Es hätte wirklich nicht gepasst, hätte die international wohl renommierteste deutsche Universität künftig im undankbaren Feld der Namenlosen dümpeln müssen. Mehr als jeder fünfte der rund 26.000 Studenten kommt traditionell aus dem Ausland. Bei den Promotionen liegt der Durchschnitt sogar noch höher.

Beim letzten Shanghai-Ranking war Heidelberg die drittbeste deutsche Hochschule nach den beiden Münchner Universitäten, auf Platz 65. Heidelberg, das hat Klang in der Welt. Große Namen wie Karl Jaspers, Max Weber, Robert Bunsen oder Hans-Georg Gadamer stehen Pate für die "Hohe Schul zu Heydelberg", wie sie in den Gründerjahren genannt wurde. Acht Nobelpreisträger hat die Uni hervorgebracht.

Eine Marke aufzubauen, das kostet viel Zeit. In diesem Fall mehr als 600 Jahre. "Und diese Marke ist eine große Verantwortung", sagt Eitel. Ob es möglich sei, dass dies auch eine Überlegung des Wissenschaftsrates war, wenn es um den Gedanken geht, anderen großen Namen wie Harvard, Cambridge oder Oxford Paroli zu bieten? "Das kann ich mir nicht vorstellen", antwortet der Rektor. "Die Marke Heidelberg ist natürlich added value - ein zusätzliches Plus, aber hier wird einfach auf internationalem Spitzenniveau gearbeitet. In nahezu allen Disziplinen."

"Ich sehe schon den Bumerang fliegen"

Immerhin gibt der Rektor zu, dass er am Morgen nicht ganz so selbstsicher war wie jetzt gerade. "Ganz offen: Es wäre ein sehr herber Schlag für uns gewesen, wenn wir keinen Erfolg gehabt hätten."

Nun denkt der Rektor schon an die Umsetzung der Projekte. Und das hat gute Gründe. "Ich sehe schon den Bumerang fliegen", feixt er. Soll heißen: Die zusätzlichen Mittel sind auch Verpflichtung für zusätzlichen Erfolg. Den gilt es nun zu produzieren. Messbar, wenn möglich.

Doch für Eitel ist auch klar: "Wenn wir international zur Elite gehören wollen, dann war das nicht mehr als eine Anschubfinanzierung. Wir brauchen eine Kontinuität dieses Wettbewerbs."

Dann muss er los. Drüben steht der Sekt kalt. Und Eitel stellt klar: "Sekt, kein Champagner."

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