Elite-Unis Die dünnen Beine der Exzellenzen

Hurra, wir sind wieder wer! Ist die deutsche Wissenschaft im Sog von zwei Nobelpreisen und der Exzellenzinitiative schon Weltspitze? Für echte Top-Leistungen müssen die Hochschulen Talente viel besser fördern, mahnt Hochschulexperte Klaus Landfried im Gastbeitrag.


Zwei deutsche Nobelpreisträger im gleichen Jahr - das wirkt wie ein Schritt in die internationale Königsklasse der Wissenschaft. Mehrere neue "Elite-Universitäten" und dazu ein schöner Batzen Geld für exzellente Themen-Netzwerke und Schulen für den Nachwuchs in der Forschung: Kann es denn da noch Grund geben, sich um die Qualität der Hochschulen zu sorgen?

Ich schlage vor, sich keine Sorgen zu machen. Sorgen lähmen mitunter, weil sie Resignation und die Neigung zu öffentlichem Selbstmitleid steigern können - zwei Disziplinen, in den manche deutsche Fakultäten vordere Rangplätze einnehmen würden, gäbe es ein solches Ranking. Aber: Die Lage nüchtern zu analysieren lohnt sich doch.

Nobelpreise sind meist, so auch in den aktuellen Fällen, die Ernte für erstklassige und nachhaltige Aussaaten - von vorgestern. Für die Beurteilung der heutigen Situation oder gar der von übermorgen, um die es uns jetzt gehen muss, tragen sie wenig bei. Immerhin machen sie Mut. Und den braucht es ohnehin. Atem und Herzschlag der Wissenschaft gehen langsam, viel langsamer als es die in Tagesaktualität gefangenen Journalisten und die von letzteren zur Medienhörigkeit dressierten Politiker mit ihren "Maßnahmen" wirklich wahrnehmen können.

Erhebliche Lücken bei der Nachwuchsförderung

Die politische Diskussion um die Notwendigkeit, Leistungsspitzen ("Eliten") stärker anzuerkennen und auch zu fördern, hat bei uns viele Jahre gebraucht, um in eine ernstzunehmende Förderung zu münden. Hubert Markl, der frühere Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dann der Max-Planck-Gesellschaft, hat in den Anfängen mit mutigen Beiträgen die ersten Schneisen geschlagen. Er hat jedoch immer darauf hingewiesen, was kluge Trainer in Sportvereinen und auch Unternehmer wissen und beherzigen: Spitzenleistungen wachsen auf einer breiten und nachhaltig angelegten Förderung des Nachwuchses. Und da haben wir in Deutschland - verglichen mit den USA, Kanada, Großbritannien, Niederlande und den skandinavischen Ländern - noch sehr viel und grundlegend zu verbessern.

Was zu tun ist: Nur wenn wir die Gesamt-"Ernährung" des Wissenschafts-Körpers massiv und nachhaltig stärken (heute, und nicht erst, wenn es zu spät ist), werden übermorgen die notwendigerweise wenigen Elite-Unis und die anderen Exzellenzen nicht auf zu dünnen Beinen stolzieren. Eine Reihe von Bundesländern sieht sich mit dieser Aufgabe überfordert, was auch mit gewachsenen, falschen finanziellen Prioritäten zusammenhängt. Im Bereich Bildung und Wissenschaft hat die Föderalismus-Reform die Probleme vergrößert. Und die Hochschulen in den neuen Ländern brauchen ohnehin noch bessere Startchancen für den schärferen Wettbewerb.

Vorsicht, Einsturzgefahr

Regionale Allianzen von Hochschulen, wie sie jetzt entstehen, sind eine Antwort. Aber ohne ein stärkeres Engagement des Bundes bei Finanzierung wie Rahmenvorgaben auch beim Lernen in Schule und Hochschule wird es nicht gehen. Bund und Länder haben indes ein Ende der Gemeinschaftsaufgaben vereinbart - so soll der Bund beim Hochschulbau fortan nicht mehr mit entscheiden und bald auch nicht mehr mitfinanzieren. Warum redet eigentlich kaum einer davon, dass damit der vom Wissenschaftsrat seit vielen Jahren nachgewiesene und unzumutbare Stau bei den großen Bausanierungen und bei den Re-Investitionen für veraltetes Laborgerät ins Unermessliche steigt? Warum müssen wir auf eine Sanierung warten, bis die ersten Hörsaal-Gebäude wegen Einsturzgefahr geschlossen werden? Was für eine Verschwendung von Steuergeldern!

Auch die KMK leistet leider nicht, was ihr Auftrag wäre. Die "Sonderwege" einzelner Länder und der eitle Bürokratismus mancher ihrer Verwaltungen behindern bis jetzt ein schnelleres Tempo bei der Modernisierung unserer "Bildungsanstalten", die ja vor allem auch Mobilität fördern sollen.

Für die Studenten geht es ums "Lernen", nicht um die Lehre, weil wir auf allen Stufen mehr aktives Lernen und weniger passive Belehrung brauchen. Natürlich benötigen Schulen wie Hochschulen mehr Geld - man muss wissen, dass selbst mittlere amerikanische Universitäten pro Student rund viermal soviel Geld investieren, wie deutsche Unis es können. Sie benötigen aber auch neue Lehr- und Lernformate.

Grotesker Abwehrzaun gegen ausländische Akademiker

Viel attraktiver als die klassischen Vorlesungen und Seminare sind "Projekte", Plan- und Rollenspiele und andere in der Weiterbildung von Unternehmen längst etablierte Methoden des interaktiven Lernens. Das bloße Anhören noch so bedeutender 45-Minuten-Vorlesungen ist, was die Lernwirkung angeht, allen Lernformaten, die aktive Mitwirkung voraussetzen, weit unterlegen. Das Ziel jeder Bildung und Ausbildung ist doch nicht abprüfbares Wissen, sondern die Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen. Die Exzellenz in der Forschung ist ein hehres Ziel, aber das Wecken von Begeisterung der jungen Leute beim Lernen muss eine eigene Exzellenz entwickeln, schon wegen des in den kommenden Jahrzehnten bei uns kleiner werdenden Nachwuchses. Auch dafür müssen wir mehr ausgeben und mehr tun.

Um die schon jetzt in Lehre wie Forschung knapper werdenden Reserven an Nachwuchs für Wissenschaft wie Wirtschaft aufzustocken, sollten wir nicht nur unsere eigenen Leute aus dem Ausland zurückholen. Wir sollten auch viel mehr Kräfte aus dem Ausland gewinnen. Bei der Internationalisierung des wissenschaftlichen Personals liegen die deutschen Hochschulen noch weit zurück. Das wird sich aber nur bessern, wenn der groteske Abwehrzaun, den der deutsche Vorschriftenstaat gegenüber Studienbewerbern und arbeitswilligen Hochschulabsolventen aus Nicht-EU-Ländern aufgestellt hat, endlich so abgebaut wird, dass dringend erwünschte Personen auch zu uns kommen und bei uns bleiben können.

Nachwuchstalente, die heute noch in den USA und anderswo arbeiten, artikulieren aber noch weitere mehr als berechtigte Wünsche zur Modernisierung unserer Hochschulen, zum Beispiel...

  • weniger standesbezogene Hierarchien
  • mehr und frühere eigenständige Forschungsmöglichkeiten
  • schnellere und von externen Fachkollegen mitgeprägte Berufungsverfahren
  • flexiblere Gehaltsstrukturen (nach oben wie nach unten, dem Markt folgend)
  • Ruhestandsansprüche, die man mitnehmen kann

Manches davon ist da und dort auf dem Wege. Auch der (noch befristete) Hochschulpakt zwischen Bund und Ländern ist ein richtiger Schritt. Aber wir schulden den nächsten Generationen außergewöhnliche Anstrengungen - damit aus den noch dünnen Beinen der Exzellenzen muskulöse Sprinterbeine werden.

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