Ellenbogen-Studenten Spitzennoten um jeden Preis

Wozu fair bleiben? Manche Studenten machen die Ellbogen schön scharf und überlegen sich üble Tricks - lieber einen guten Freund verlieren als eine schlechte Klausur schreiben. Ihr Gewissen zwickt die Abschreiber, Bücherverstecker und Diplomklauer kaum.


"Von diesen Prüfungen hängt meine Zukunft ab", sagt Antje. Damit versucht die Studentin zu rechtfertigen, dass sie in der Klausurenphase häufig alle wichtigen Bücher auf einmal ausleiht und erst zwei Tage nach der Prüfung zurückbringt. Warum die 23-Jährige das tut? Sie hofft, so ihre Konkurrenten auszustechen. Denn viele haben nicht genug Geld, sich die Bücher zu kaufen.

Miese Tricks in der Uni-Bib: Bücher werden versteckt - oder kistenweise ausgeliehen
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Nein, bedenklich findet die Berlinerin ihr Verhalten nicht. Schließlich kenne sie Studentinnen, die mit Assistenten der prüfenden Professoren ins Bett gehen - weil sie hoffen, so ein besseres Klausurergebnis zu bekommen. "Wenn es bei den Abschlussexamen ums Bestehen oder Durchfallen geht, wird Sex manchmal zur Währung für eine gute Note", sagt Antje.

Solche Methoden kämen Imke, 22, nie in den Sinn. Auch die Psychologiestudentin hat schon Erfahrungen mit unfairen Kommilitonen gemacht. Imke ist zurückhaltend, lernt nur selten neue Leute kennen. Umso überraschter war der Berlinerin, als sie plötzlich von einer Gruppe beliebter Studentinnen angesprochen und in ihre Mitte genommen wurde.

Nach ein paar Wochen fand Imke den Grund heraus: Ihr Vater ist Professor für Kommunikationswissenschaften - und die vermeintlichen Freundinnen hofften, über Imke an die Klausurunterlagen zu gelangen. "Selbst wenn ich Zugang zu den Unterlagen gehabt hätte, gegeben hätte ich sie den Mädchen nie", sagt Imke. Sie wundert sich, wieso die Studenten nicht einfach lernen.

Dem guten Freund fast die Diplomarbeit geklaut

Intrigen, Betrug und menschliche Dramen - Seifenopern gleicht das Verhalten nervöser Studenten zur Examenszeit. Professoren und Studienberater verbreiten heutzutage soviel Zukunftsangst, dass man sich schnell davon mitreißen lässt", sagt Jens, 27. Doch ist die Arbeitsmarktsituation eine Entschuldigung dafür, dass der Maschinenbaustudent aus Aachen einem Freund beinahe die Diplomarbeit geklaut hätte?

"Dein Thema ist zu abgedroschen, um eine Abschlussarbeit darüber zu schreiben", redete er dem Kumpel ein. Mit Erfolg. Doch sein Opfer hatte die Kopie des Textes nicht gelöscht - und Jens daher Angst, erwischt zu werden. "Das wurde mir zu heikel, so wie die gegenwärig auf Plagiate achten", sagt er. Also gab der angehende Ingenieur schließlich doch eine eigene Arbeit ab. Von dem gemeinen Plan weiß der Kumpel bis heute nichts.

Diplom-Psychologe Heinz Schwarz findet das Verhalten von Jens und Antje nicht ungewöhnlich. Es passe in das Gesamtbild der Gesellschaft, die jungen Menschen einbläue, sie müssten elitäre Lebensläufe vorweisen, um anerkannt zu werden und einen Job zu finden. "Der Druck, der auf den jungen Akademikern ruht, ist groß - da können schwächere Gemüter nicht mithalten und suchen nach einem zuverlässigen Weg, ihren Erfolg im Voraus durchzusetzen."

Sind Studenten wie Antje und Jens etwa Opfer? "Auf keinen Fall", sagt Mark Jansen, 28. Der Kölner Student hat sich in seiner Magisterarbeit mit Forschungsethik beschäftigt. "Manche Studierende ignorieren Fair Play, weil die Lehranstalten ihnen das nicht vermitteln können."

Note 1,0, Lerneffekt 0,0

An einigen Unis wird gegengesteuert: Studenten der Uni Tübingen und der TU Chemnitz zum Beispiel können Seminare zur Forschungsethik belegen. Die Frage ist nur, wie stark sich die Hochschüler durch solche Kurse beeinflussen lassen. Mark Jansen ist pessimistisch: "Manche sind so ehrgeizig oder um ihre Zukunftsperspektiven besorgt, dass Ethikseminare ihr Verhalten nicht ändern können. Die Ursachen des Betrügens sind zu komplex, um sie in zwei Wochenstunden beseitigen zu können." Ein Bekannter habe eine solche Veranstaltung besucht - und gleich danach die Hausarbeit von einem Kommilitonen abgeschrieben. Die Note war 1,0, der Lerneffekt 0,0.

Nordamerikanische und westeuropäische Unis setzen vielfach auf Abschreckung durch rigorose Strafandrohungen. Auch die Uni Münster mochte dem studentischen Trendsport copy & paste nicht länger zusehen und zückte die Schreckschusspistole: Zu bis 50.000 Euro Geldstrafe wollte sie Studenten verdonnern, die beim Abschreiben erwischt werden.

Doch die meisten deutschen Hochschulen sind duldsamer und hoffen weiter auf studentisches Fair Play. "Eine härtere juristische Verfolgung würde die Ursachen des Problems nicht beseitigen und die Konkurrenz der Kommilitonen untereinander kaum mildern", sagt Psychologe Schwarz.

Maschinenbaustudent Jens findet sich nicht unfair, nur pragmatisch. Er ist sicher, dass die meisten Studenten ehrlich miteinander umgehen. Aber er selbst tue das nicht, denn: "Ein reines Gewissen wird mich und meine Familie später nicht finanzieren können. Ich brauche Spitzennoten für einen Spitzenjob – um jeden Preis."

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