Elternalarm in Münster Erbarmen, die Oldies kommen

Sie kamen zahlreich, sie hatten gefüllte Tupperdosen und geladene Kameras im Gepäck. Tausend Mamas und Papas nutzten am Wochenende den "Elternalarm" in Münster, um ihre Kinder am Studienort zu besuchen. Sie schwelgten in Erinnerungen - und bekamen vom Uni-Alltag wenig mit.

Nach zehn Minuten hat die für 16 Uhr angesetzte Eröffnungsveranstaltung im H1, dem größten Hörsaal der Münsteraner Uni, noch immer nicht begonnen. Da werden die älteren Semester unruhig: "Fangen die hier immer so unpünktlich an?", fragt Barbara Zorn. Sven Becker erklärt der Lebensgefährtin seines Vaters die akademische Viertelstunde. Am Mittag waren die drei bereits in der Mensa und haben dort den obligatorischen Burger verspeist. Manfred Becker gefällt der Ausflug in die studentische Wirklichkeit. "Ich finde, das ist eine gute Idee. So erhält man einen Einblick in den Alltag an der Uni."

Es ist Elternalarm an der Universität Münster. Von Freitag bis Sonntag dauerte der Spuk, den die Stadt in Zusammenarbeit mit den Münsteraner Hochschulen konzipiert hat - eine in Deutschland bislang einmalige Kombination aus Stadtmarketing und Schnupperstudium, die über Familiennachmittage an anderen Unis weit hinausgeht. Die Oldies durften einen eigenen Elternausweis beantragen, in einem Tross von 700 Leuten zogen sie bei der größten Stadtführung in der Geschichte Münsters durch die Gassen.

"Lebenswerteste Stadt der Welt"

Studentische Gruppen vom Debattierclub bis zur Artistikgruppe des Hochschulsports sorgten für Unterhaltung. Die Studienberatung bot für besorgte Väter und Mütter eigens eine "Elternsprechstunde" an. Umsonst Bus und Bahn fahren durften die Eltern auch. Und zum Studententarif ins Theater oder Museum.

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Elternalarm in Münster: Mama und Papa spielen Uni

Foto: Barbara Hans

Sie waren von überall her nach Münster angereist - aus Sylt und Soest, aus Oberbayern und Oldenburg. Die tausend Väter und Mütter haben gefüllte Tupperschüsseln im Gepäck, geladene Digitalkameras und bequeme Schuhe.

Am Ende der Vorlesung applaudieren sie artig. Die Vertreter von Stadt und Universität beglückwünschen die Eltern und erzählen ihnen, dass ihre Kinder laut einer Umfrage in der "lebenswertesten Stadt der Welt" studieren. Diesen Ausspruch bekommen die Eltern das ganze Wochenende über eingetrichtert, schließlich sollen sie ja als zufriedene Touristen später wiederkommen.

Und dann schwärmen sie alle von früher. Von unaufgeräumten "Buden", ohne Bad und manchmal auch ohne Fenster, von besetzten Häusern und kontrollwütigen Wirtinnen mit Lockenwicklern im Haar. Damals, so berichtet Oberbürgermeister Berthold Tillmann, sei "Kontakt zu den Eltern aus ideologischen Gründen verpönt" gewesen. Die anwesenden Eltern schmunzeln - heftiger Applaus. Man weiß, worüber er spricht.

Herpesalarm in der Studentenbude

Holger Busse, Leiter der Augenklinik und talentierter Musiker, besingt in selbstkomponierten Chansons die alten Zeiten. In den sechziger Jahren studierte er selbst in Münster. "Wenn ich reinkomme, kriege ich einen Herpes an der Nase", habe seine Mutter sich über die Studentenbude des Sohnes mokiert. In bester Reinhard-Mey-Manier schafft es der singende Klinikdirektor, trotz Neonbeleuchtung und harter Bestuhlung ein bisschen Romantik in H1 zu tragen. "Genug, genug, genug - genug, um dich zu lieben. Genug, um dein zu sein", trällern Hunderte Kehlen - manche verstohlen und manche aus vollem Leib - den Refrain mit. Die Kinder sitzen irritiert neben ihren Eltern. Und schweigen.

Abends ziehen die Kinder mit ihren in Erinnerungen schwelgenden Vätern und Müttern in die Altstadt. Ein ordentliches westfälisches Bier in Münsters akademischer Bieranstalt gehört auch zum inoffiziellen Programm.

Am nächsten Morgen sitzen nicht alle Eltern pünktlich um 10 Uhr 15 auf ihren Plätzen in der Aula am Aasee. Vier Professoren erfreuen sie mit zielgruppengerechten Anekdoten aus ihrem Fachgebiet und Wissenswertem über Münster. Ein Jurist erzählt Unterhaltsames aus der Geschichte der Uni, ein Wirtschaftswissenschaftler erläutert die ökonomische Bedeutung der Studenten für die Stadt. Der Geowissenschaftler räumt mit Vorurteilen über das Münsteraner Wetter auf. Der Sportmediziner versichert den Eltern: Die Strecken, die ihre Kinder mit dem Rad von Hörsaal zu Hörsaal zurücklegen, reichen aus, um halbwegs fit zu bleiben.

Uni-Show statt Alltag

Hannelore und Ernst-Hermann Solmsen aus der Nähe von Hannover sind tatsächlich mit dem Rad zur Uni gekommen. Sie besuchen Tochter Neele, 21, in Münster so regelmäßig, dass sie gleich zum Studienbeginn zwei zusätzliche Räder in Neeles Keller deponiert haben - für den eigenen Besuch.

Die Solmens sind froh, dass "sich die Uni öffnet und auf die Eltern zukommt". Neele teilt ihre Begeisterung nicht ganz. "Ich hätte meinen Eltern gern eine richtige Vorlesung gezeigt", sagt sie. Die Eltern-Vorlesung habe ihr zwar gefallen, aber nur wenig mit der Realität zu tun: "Mein Uni-Alltag und meine Vorlesungen sehen anders aus."

Skeptisch ist auch der Asta, der sich nicht am Elternalarm beteiligt. "Die Veranstaltung geht, so wie sie konzipiert ist, an den Interessen der Studierenden vorbei. Viele Probleme, die die Studenten und auch deren Eltern in ihrem Alltag beschäftigen, werden nicht angesprochen", sagt der Asta-Vorsitzende Jochen Hesping. Drohende Studiengebühren, steigende Mietkosten und ein stetig steigender Semesterbeitrag seien nur einige Punkte, die Studenten belasteten. Sie blieben beim Programm jedoch außen vor. Hesping hält nicht viel vom Konzept des Elternalarms - "wir sind erwachsene Menschen, angehende Akademiker".

Den Alt-68ern dürfte die Kritik nicht ganz fremd sein. Aber die Zeiten, in denen man die Eltern aus politischer Überzeugung nicht in die eigene WG ließ, sind vorbei. Heute schnuppern die Eltern gern ein wenig Studentenluft. Und stimmen im Hörsaal begeistert in den Refrain des musikalischen Augenarztes ein: "Ob es gestern, morgen, heute ist, hier merkst du's nicht, hier merkst du's nicht."