Endstation Staatsexamen Down by law

In Bayern scheitert fast jeder fünfte Kandidat am Jura-Examen: Zweimal versiebt und tschüss, aus der Traum vom Richteramt oder der eigenen Kanzlei. Ein Workshop in München richtet verzweifelte Beinahe-Juristen wieder auf.

Von Jörg Schallenberg


Jurastudent (in Berlin): Erschlagen von der Repetitoriums-Lektüre
DDP

Jurastudent (in Berlin): Erschlagen von der Repetitoriums-Lektüre

Zimmer 3158 des Berufs-Informations-Zentrums im Münchner Arbeitsamt ist ein ganz normaler Besprechungsraum: kahl, hell, nüchtern. An diesem Nachmittag ist Zimmer 3158 ein Friedhof für Lebensentwürfe. Die jungen Leute, die sich hier mit Berufsberaterin Sybille Schwartzkopff treffen, verbindet eines: Sie sind nach einem eigentlich normal verlaufenen Jurastudium zweimal in den Prüfungen zum ersten Staatsexamen gescheitert. Was bedeutet: Das war's. Eine weitere Chance lässt das Gesetz nicht zu. Der schöne Traum vom Rechtsanwalt, Staatsanwalt oder Richter ist passé.

Deshalb bietet Sybille Schwartzkopff zweimal im Jahr, jeweils kurz nach der Bekanntgabe der Examensergebnisse, den Workshop "Staatsexamen, ein Flop?" an. Wer zu ihr kommt, hat mindestens vier, vielleicht aber auch schon sieben Jahre in sein Studium investiert - um dann festzustellen, dass alles vergeblich war, zumindest im Hinblick auf das angestrebte Berufsziel.

Schwartzkopff will den Fast-Absolventen vermitteln, was es für Alternativen zur geplanten Laufbahn gibt. Kein einfacher Job, denn für die meisten Teilnehmer des Kurses bedeutet das Scheitern "eine persönliche Niederlage", weiß die Berufsberaterin. Gedanken über andere Wege hat sich angesichts des - etwa im Gegensatz zu den Geisteswissenschaften - eindeutigen Berufsziels kaum jemand gemacht.

"Persönliche Niederlage"

Oliver Paulsen, 29, befindet sich da schon in einer vergleichsweise günstigen Situation. Er ist zwar auch am ersten Staatsexamen gescheitert, "aber ich arbeite schon seit einigen Jahren in einem juristischen Fachverlag in München, daran kann ich jetzt anknüpfen". Trotzdem ist er zum Workshop ins Arbeitsamt gekommen, um "zu sehen, was es noch für Möglichkeiten gibt, vielleicht ein anderes Studium, vielleicht eine Lehre". Und um sich mal mit anderen auszutauschen, denen es genau so geht wie ihm.

"Scheine in sechs Semestern gemacht": Oliver Paulsen

"Scheine in sechs Semestern gemacht": Oliver Paulsen

Paulsen war, wie viele hier, kein schlechter Student: "Meine Scheine habe ich in sechs Semestern gemacht." Er hat sich ein teures Repetitorium bei einem Privatlehrer geleistet, reihenweise Übungsklausuren geschrieben - aber gereicht hat es trotzdem nicht. Woran lag es?

"Acht Klausuren in zwei Wochen waren einfach zu viel", sagt Paulsen. "Man muss alles wissen, man hat keine Möglichkeit, sich auf bestimmte Bereiche zu konzentrieren und andere Themen abzulegen." Zudem sei der Schwierigkeitsgrad mancher Klausuren so hoch, "dass man auch eine Hausarbeit von sechs Wochen über den Fall schreiben könnte".

Alles Ausflüchte, könnte man meinen - wenn Paulsen oder die anderen in Zimmer 3158 Einzelfälle wären. Sie sind es keineswegs: Im Jahr 2003 fielen in Bayern 31 Prozent aller Kandidaten im ersten Anlauf durch die erste juristische Staatsprüfung, drei Jahre zuvor waren es sogar knapp 35 Prozent. Die Zahl derer, die endgültig am Staatsexamen scheitern, ist etwas schwerer herauszufinden, weil viele gar kein zweites Mal antreten.

Die Stunde der Wahrheit kommt spät

Das bayerische Landesjustizprüfungsamt hat für 2003 ermittelt, dass rund 15 Prozent aller Prüflinge ohne Abschluss bleiben. An manchen Unis schätzt man die Zahl auf bis zu 20 Prozent. Wenn aber jeder fünfte, der sich erfolgreich durch das nicht gerade einfache Studium gekämpft hat, am Ende doch auf der Strecke bleibt, scheint im Studiengang Jura einiges im Argen zu liegen. Dass die Durchfallerquoten in anderen Bundesländern niedriger liegen, macht das Problem auch nicht kleiner.

Juristen-Handwerkszeug: Nicht ohne meinen Schönfelder
DDP

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"In keinem anderen Studiengang kommt die Stunde der Wahrheit so spät", kritisiert Berufsberaterin Schwartzkopff, "es gibt keine echte Prüfung während des Studiums, ob die angehenden Juristen wirklich geeignet sind für ihr Fach. Bei Informatikern und Ingenieuren fallen zwar auch viele durch - aber nach dem Vordiplom. Da ist es noch nicht so schlimm, da kann man sich noch gut umorientieren."

Das bayerische Wissenschaftsministerium verweist angesichts solcher Vorwürfe gern auf eine Zwischenprüfung nach dem vierten Semester, die 2001 eingeführt wurde. "Das ist aber nicht der große Hammer", kommentiert ein Sprecher der Jurafachschaft an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, "die Prüfung besteht lediglich in einer zusätzlichen Klausur, die man im jeweiligen Grundkurs schreiben muss." Eine ernsthafte Vorbereitung auf das, was die Studenten im Examen erwartet, findet offenbar kaum statt.

Teures Repetitorium für die Katz

Als Juraprofessoren, Anwälte und Richter vor ein paar Monaten zum Problem befragt wurden, gaben die meisten an, dass deutsche Jura-Studenten zwar enorm viel auswendig lernen, es aber an der Fähigkeit mangelt, das gepaukte Detailwissen auf konkrete Fälle anzuwenden. Das sei, so hieß es, vor allem ein Problem der universitären Ausbildung. Anders gesagt: Was und wie man an der Hochschule lernt, hilft bei der anschließenden staatlichen Prüfung nur bedingt weiter.

Die Lücke zwischen Studium und anschließender Prüfung sollen Repetitorien schließen. Nur werde einem dort zu oft das Blaue vom Himmel versprochen, sagt Oliver Paulsen: "Da erzählen sie einem, dass man an Klausuren übt, wie sie genau so im Examen drankommen - und das stimmt einfach nicht." Eine Einschätzung, die man in der Münchner Uni-Fachschaft teilt: "Man soll sich da bloß nicht von bekannten Namen blenden lassen. Die Nachhilfekurse, die an der Uni kostenfrei angeboten werden, sind oft besser."

Examensschock und Milieuangst

Oliver Paulsen und den anderen Gescheiterten helfen solche Erkenntnisse nicht mehr. Sie hören nun von der Kursleiterin, wie man die eigenen Kenntnisse bei einer Weiterbildung zum Diplom-Wirtschaftsjuristen an der FH doch noch nutzen kann, welche Stellenbörsen im Internet nützlich sind - und wie man sein nur beinahe beendetes Studium möglichst elegant im Bewerbungsschreiben unterbringt. Es ist der vierte und letzte Workshop-Termin, mittlerweile wird sogar gelacht und gescherzt.

Das war beim ersten Treffen noch anders, erinnert sich Oliver Paulsen. Die Schock über das Ende der beruflichen Träume saß tief, und noch tiefer die "Milieuangst", wie es Paulsen nennt: "Da dachtest du, du gehörst irgendwann mal zu den oberen Zehntausend. Und dann kannst du dir vielleicht nur noch eine Wohnung in so einem Problemviertel wie dem Hasenbergl leisten."

Gegen solche Ängste kämpft "Staatsexamen, ein Flop?" an. Aber schon im nächsten Semester will das Arbeitsamt den Workshop nicht mehr bezahlen. Sybille Schwartzkopff wird ihn dann wohl privat anbieten - an mangelnder Nachfrage wird er zumindest nicht scheitern.



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